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24.12.2016 | Ischämische Herzerkrankungen/Koronare Herzkrankheit, KHK | Nachrichten

Ansammlung von Risikofaktoren

Weihnachten mit Thoraxsymptomatik

Autor:
Dr. med. Ronald D. Gerste

Sir Winston Churchill hatte eine robuste Konstitution. Doch der Lebensstil des britischen Premierministers war nicht gerade herzschonend, was schließlich auch entsprechende Folgen hatte.

Es geschah am zweiten Weihnachtstag. Der 67-jährige Mann mit den vielen Risikofaktoren war zu Gast im wohl berühmtesten Amtssitz der Welt. Er empfand sein Schlafzimmer als warm und stickig, versuchte daher zu später Stunde das Fenster zu öffnen, um etwas frische Winterluft einzulassen. Der Fenstergriff widersetzte sich seinen Bemühungen, er begann zu rütteln. Plötzlich wurde er kurzatmig und fühlte einen dumpfen Schmerz in seiner Brust.

Gutes Essen, Zigarren, Alkohol und Stress

Der vitale Großvater mit der stets rosigen Gesichtsfarbe mochte geahnt haben, was ihn ereilte: Er war sich seines Übergewichts bewusst und auch, dass neben den Tafelfreuden seine bekannten Schwächen nicht gerade gut für sein Herz waren. Er war ein Freund der Zigarren, auch wenn es sich meist um erkaltete handelte, die als sein Markenzeichen den Mundwinkel zierten. Und er konnte sich ein Leben ohne Pol Roger nicht vorstellen, seinen Lieblingschampagner, von dem er mitunter bereits zum Frühstück eine Flasche goutierte, bevor im Tagesverlauf Härteres aus dem schottischen Hochland hinzukam.

Vor allem aber hatte er Stress, den er vielleicht selbst nicht als solchen empfand. Doch allein an der Spitze seines Landes und zeitweise der freien Welt gegen Hitler zu stehen, würden sicher Zeitgenossen wie Nachgeborene als eine besondere Belastung betrachtet haben.

So begab sich Winston Churchill zu Bett und beschloss, am nächsten Morgen seinem Leibarzt von der Symptomatik Bericht zu erstatten, was ungewöhnlich war, denn der Premier klagte selten über Beschwerden, er verließ sich auf seine robuste Konstitution. Sie würde ihn auch diesmal nicht im Stich lassen.

Weihnachten 1941 war ein Fest zu einer historischen Wendemarke. Erst gut zwei Wochen zuvor hatte sich der von Hitler ausgelöste Konflikt in Europa, durch den japanischen Angriff auf Pearl Harbor, zum Zweiten Weltkrieg entwickelt. Als der britische Premierminister an jenem Sonntag, dem 7. Dezember 1941, auf seinem Landsitz Chequers davon erfuhr, schlief er anschließend – wie er später bekannte – „den Schlaf des Gerechten und Geretteten“. Über ein Jahr nach seinem Amtsantritt am 10. Mai 1940, stand Großbritannien unter seiner Führung allein im Kampf gegen Nazi-Deutschland. Churchill wurde mit seinem oft brillant formulierten Durchhaltewillen – „We will never surrender! All I have to offer is blood, sweat and tears!“ – zum Symbol einer wehrhaften Demokratie, und für viele im besetzten Europa zum Hoffnungsträger. Nachdem im Juni 1941 die Sowjetunion von Hitler überfallen und somit Britanniens Verbündeter geworden war, war der Kriegseintritt der Industrienation USA für Churchill ein Segen, den er lange herbei gefleht hatte. Er beschloss, die enge Verbundenheit der beiden Länder durch seinen Besuch im Weißen Haus bei Präsident Franklin D. Roosevelt zu Weihnachten symbolkräftig zum Ausdruck zu bringen.

Umfassende Pathobiografie

Churchill hatte damals bereits eine recht umfassende Pathobiografie mit zahlreichen Verletzungen, die er sich bei seinen vielen, oft abenteuerlichen Aktivitäten zugezogen hatte. Er hatte eine halsbrecherische Flucht aus einem Gefangenenlager im Burenkrieg in den letzten Tagen des 19. Jahrhunderts ebenso mit moderaten Blessuren überlebt wie einen Flugzeugabsturz, einen Unfall hoch zu Ross. Und vor allem jenes Trauma, das er bei einem Besuch in New York 1931 erlitt, als er – typisch für einen Besucher aus Großbritannien – beim Überqueren der Straße zuerst nach rechts schaute und dann von einem Taxi angefahren wurde, das ihm schwere Kopfverletzungen zufügte, die einem Krankenhausaufenthalt erforderten.

Seinen Besuch in Washington im Dezember 1941 verfolgte die amerikanische Öffentlichkeit begeistert. Zusammen mit Präsident Roosevelt schaltete er die Lichter am Weihnachtsbaum des Weißen Hauses an und sagte zu den rund 30.000 Zuschauern: „Dies ist ein eigenartiger Heiligabend. Fast die ganze Welt befindet sich in einem tödlichen Kampf, mit den schrecklichsten Waffen, welche die Wissenschaft möglich gemacht hat.“

Dass sich eine noch fürchterlichere Waffe in amerikanischer Entwicklung befand, würde ihn der Präsident bald wissen lassen. Churchill, dessen Mutter Amerikanerin war, fühlte sich wie zu Hause und sang mit der Präsidentenfamilie am Ersten Weihnachtstag in der Methodistenkirche Lieder wie „O Little Town of Bethlehem“, ein gemeinsames Kulturgut, das die Vereinigten Staaten und das Vereinigte Königreich über alles Weltpolitische hinaus verband und verbindet. Churchill jubilierte: „Ich fühle mich nicht als Fremder hier, sondern fühle, dass ich ein Recht habe, bei Euch am Kamin zu sitzen und Eure Festfreude zu teilen.“

Die gute Stimmung trübte die nächtliche Thoraxsymptomatik kaum. Am anderen Morgen, dem 27. Dezember, ließ er – endlich! – seinen Leibarzt Sir Charles Wilson (später: Lord Moran) kommen und berichtete von dem Ereignis, das ihn ein wenig aus der Bahn geworfen hatte. Wilson hatte als einziges diagnostisches Instrument ein Stethoskop zur Verfügung. Aus der Beschreibung der Symptome und dem bekannten Risikoprofil des Patienten zog er den diagnostischen Schluss „koronare Insuffizienz“. Dass Churchill einen milden Herzinfarkt erlitten hatte, dürfte ihm bewusst gewesen sein. Seinem Patienten sagte er lediglich, dass nach den Lehrbüchern in einer solchen Situation mindestens sechs Wochen Bettruhe angezeigt seien.

Beide wussten, dass dies unmöglich war. Ein Elektrokardiogramm und einen Herzspezialisten ins Weiße Haus kommen zu lassen oder den illustren Patienten gar in ein Krankenhaus einzuweisen, stand aber außer Frage. Washington war stets eine Stadt, in der Gerüchte schnell überkochten und die Nachricht, dass – so Wilson – „der Premierminister ein Invalide mit einem verkrüppelten Herzen“ ist, hätte unabsehbare politische Konsequenzen gehabt.

Diagnose Angina pectoris

Der Patient ließ es nach einem Kurzbesuch in Ottawa zur Jahreswende ein wenig langsamer angehen; sein restlicher Aufenthalt in Amerika hatte zumindest teilweise Erholungscharakter. Am 14. Januar 1942 verließ er die USA. Mit einem Flugboot ging es zunächst zur britischen Besitzung Bermuda und von dort per 18-stündigem Flug nach Plymouth. Die zuvor geplante Überfahrt auf einem Schlachtschiff der Royal Navy war ihm zu langsam. Im neuen Jahr konsultierte er den Kardiologen Sir John Parkinson (Teilnamensgeber des Wolff-Parkinson-White-Syndroms), der Angina pectoris diagnostizierte.

Winston Churchill blieben noch rund 10 Jahre vor dem nächsten schweren kardiovaskulären Ereignis vergönnt: In seiner zweiten Amtszeit als Premierminister 1953 erlitt er einen Apoplex; auch dieser wurde der Öffentlichkeit lange Zeit verschwiegen. Der Staatsmann starb in seinem 91. Lebensjahr im Januar 1965. Seinen Gastgebern bei jenem denkwürdigen Weihnachtsfest vor 75 Jahren machte er ein zwiespältiges Kompliment: „Bei den Amerikanern kann man sich drauf verlassen, dass die das Richtige tun – nachdem sie alles andere ausprobiert haben.“ 

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