Nachrichten 27.09.2021

Kardiogener Schock: Können „Schock-Teams“ die Überlebenschancen verbessern?

Die Sterblichkeit von Patienten im kardiogenen Schock ist noch immer sehr hoch. Einer US-Studie zufolge lässt sich ihre Situation durch sog. „Schock-Teams“ verbessern. Prof. Holger Thiele könnte sich das auch für Deutschland vorstellen.

Die Implementierung multidisziplinärer Schock-Teams könnte die Überlebenschancen von Patienten im kardiogenen Schock verbessern. Zu diesem Schluss kommen US-Kardiologen um Dr. Alexander Papolos, nachdem sie Daten eines nordamerikanischen Registers (Critical Care Cardiology Trials Network) ausgewertet und dabei das Management und die Prognose von Schockpatienten in intensivmedizinischen Abteilungen mit und ohne Schock-Teams miteinander verglichen haben.

„Patienten im kardiogenen Schock, die in Zentren mit Schock-Teams behandelt worden sind, hatten kürzere Aufenthalte auf Intensivstation und niedrigere Raten an mechanischer Beatmung und Nierenersatztherapien“, fassen die Autoren die Kernergebnisse zusammen. „In einer adjustierten Analyse ist die Mortalität in Zentren mit Schock-Teams geringer gewesen“, führen sie die positiven Auswirkungen für die Patienten aus.

Konzentrierte Spezialisierung in Schock-Teams

Doch was ist mit „Schock-Team“ überhaupt gemeint? In der Regel kommen in einem solchen Team Spezialisten mehrerer Fachdisziplinen zusammen, mit Expertise in der kardiologischen Intensivmedizin, im Management der fortgeschrittenen Herzinsuffizienz und Transplantationsmedizin, in der interventionellen Kardiologie und im Einsatz der ECMO, ebenso wie Experten aus der Herzchirurgie. Wird ein Patient mit Verdacht auf einen kardiogenen Schock eingeliefert, wird dieses Team „aktiviert“, um in der Folge die für den Patienten bestmöglichen Entscheidungen treffen zu können.

Solche Teams waren in 10 von insgesamt 24 kardiovaskulären Intensivzentren, die am Critical Care Cardiology Trials Network beteiligt waren, implementiert. Alle Zentren haben im Rahmen des Registers zwischen 2017 und 2019 jedes Jahr zwei Monate lang alle ihre medizinischen Einweisungen erfasst. 44% von insgesamt 1.242 eingelieferten Schockpatienten sind in Abteilungen mit Schock-Teams behandelt worden.

Bisher keine einheitlichen Kriterien

Auch in Deutschland haben einige Kliniken solche Schock-Teams bereits eingeführt, wie Prof. Holger Thiele auf Anfrage von kardiologie.org berichtet. „Wir haben zum Beispiel eines am Herzzentrum in Leipzig“, so der Kardiologe. Einheitliche Kriterien, welche Personen involviert und welche infrastrukturellen und personellen Voraussetzungen gegeben sein sollten, gibt es laut Thiele allerdings nicht. Das sei in der Literatur bisher nicht einheitlich definiert. Somit ist es nicht verwunderlich, dass es auch in der aktuellen Untersuchung keine Standardisierung innerhalb der Teams gegeben hat.

Um 28% niedrigere Sterblichkeit

Nichtsdestotrotz, in dieser Studie haben sich die in den jeweiligen Zentren implementierten Schock-Teams offenbar positiv auf das Management der Patienten ausgewirkt. So ging die Anwesenheit eines Schock-Teams mit einer um 28% niedrigeren Sterblichkeit einher (23% vs. 29%; adjustierte Odds Ratio, OR: 0,72; p =0,016). In Abteilungen mit Schock-Teams wurde ein invasives hämodynamisches Monitoring mittels Pulmonalarterienkatheter deutlich häufiger vorgenommen als in Zentren ohne entsprechende Teams (60% vs. 49%; OR: 1,86; p ˂ 0,001). Dagegen kamen mechanische Kreislaufunterstützungssysteme (MCS) in Zentren mit Schock-Teams prinzipiell seltener zum Einsatz (in 35% vs. 43% der Fälle, OR: 0,74; p=0,016). Wenn sie sich aber für eine maschinelle Maßnahme entschieden wurde, setzten die Schock-Teams statt einer intraaortalen Ballonpumpe eher erweiterte Systeme mit einem hohen Ausmaß an hämodynamischer Unterstützung wie Impella oder TandemHeart ein (53% vs. 43% aller MCS; OR: 1,73; p=0,005).

„Auch in Deutschland ist eine gewisse Konzentrierung sinnvoll“

Besonders überrascht ist Prof. Thiele von diesen Ergebnissen nicht. „Es gibt viele und sehr überzeugende Daten für nahezu alle Interventionen und Behandlungen in der Kardiologie als auch anderen Fachgebieten, dass es eine Volumen-Outcome-Relation gibt“, äußert sich der Leipziger Kardiologe dazu. „Insofern ist es nicht verwunderlich, dass Expertise im Rahmen eines Schock-Teams mit mehr behandelten Patienten das Überleben der Patienten verbessert.“ Zurückzuführen sind die höheren Überlebenschancen laut Thiele wahrscheinlich auf die bessere Indikationsstellung für die mechanische Kreislaufunterstützung, die verbesserte Intensivmedizin und vor allem die Interventionen im Katheterlabor, die durch das Team eingeleitet wurden. Es sei nicht die erste Analyse, die gezeigt habe, dass dies die Sterblichkeit von Schockpatienten reduzieren könne.

Folglich hält der Kardiologe auch in Deutschland eine gewisse Konzentrierung der Behandlung von kardiogenen Schocks an großen Zentren mit breiter Expertise für sinnvoll. „Auch wenn eine solche Auffassung manchmal unpopulär ist.“ Für Thiele hat die Deutsche Gesellschaft für Kardiologie mit der Einführung von Zertifizierungen für Heart Failure Units bereits einen guten Weg eingeschlagen, „wobei sicherlich die Behandlung des kardiogenen Schocks in überregionalen Schwerpunktkliniken noch stärker betont und die Kriterien geschärft werden könnten“, fügt er hinzu.

Literatur

Papolos A et al. Management and Outcomes of Cardiogenic Shock in Cardiac ICUs With Versus Without Shock Teams. J Am Coll Cardiol 2021;78:1309–17

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