Nachrichten 21.03.2022

Kardiogener Schock: Warum überleben Frauen seltener?

Frauen mit kardiogenem Schock werden mitunter anders behandelt als Männer und überleben seltener, haben dänische Kardiologen herausgefunden. Liegt das an Verzögerungen bei der Diagnose und Therapie?

Ob sich das klinische Erscheinungsbild und die Behandlung von Patienten mit kardiogenem Schock zwischen den Geschlechtern unterscheidet, ist bisher wenig erforscht. In einer dänischen Kohorte variierte die Therapie von weiblichen und männlichen Patienten und Frauen überlebten seltener. Die Studie wurde beim Acute Cardio VascularCare Kongress der Europäischen Gesellschaft für Kardiologie (ESC) vorgestellt.

In die Analyse wurden alle Patientinnen und Patienten einbezogen, die als Folge eines Herzinfarktes einen kardiogenen Schock entwickelt hatten und deshalb zwischen 2010 und 2017 in zwei großen, dänischen Spezialkliniken behandelt worden waren. Mithilfe der Krankenakten ermittelten Mediziner um Dr. Sarah Holle vom Universitätsklinikum Kopenhagen Patientenmerkmale, Therapie und 30-Tages-Mortalität. Daten zum langfristigen Sterberisiko stammten aus dem dänischen Patientenregister.

Klinische Merkmale waren ähnlich

Von den mehr als 1.700 Patienten waren 26% Frauen. Diese waren median 71 Jahre alt, während das Durchschnittsalter der Männer bei 66 Jahren lag. Beide Geschlechter hatten ähnliche Ausgangsmerkmale, abgesehen von Bluthochdruck und COPD, was bei Frauen häufiger vorkam. Die klinischen Parameter während des kardiogenen Schocks wie Blutdruck, Herzfrequenz, Laktatspiegel und linksventrikuläre Ejektionsfraktion waren zwischen beiden Geschlechtern vergleichbar.

Frauen wurden im Vergleich zu Männern häufiger in ein lokales statt in ein spezialisiertes Krankenhaus eingeliefert (41% vs. 30%), hatten jedoch auch seltener einen Herzstillstand außerhalb der Klinik (25% vs. 48%). Auch die Behandlung unterschied sich: Frauen erhielten seltener eine mechanische Kreislaufunterstützung (19% vs. 26%), minimalinvasive oder chirurgische Eingriffe, um den Blutfluss in blockierten Arterien wiederherzustellen (83% vs. 88%) und eine mechanische Beatmung (67% vs. 82%).

Frauen überleben signifikant seltener

Kurz- und langfristig überlebten Frauen signifikant seltener als Männer. Nach 30 Tagen waren nur noch 38% der Frauen gegenüber 50% der Männer am Leben, nach 8,5 Jahren waren es noch 27% gegenüber 39%. Die Ergebnisse wurden auf Alter und das Vorliegen eines Herzstillstandes außerhalb des Krankenhauses adjustiert. Weibliches Geschlecht war unabhängig mit weniger mechanischer Kreislaufunterstützung und einer schlechteren Kurz- und Langzeitüberlebenschance assoziiert.

Da es sich um eine retrospektive Studie handele, sei es schwierig gewesen, nachzuvollziehen, warum sich die beteiligten Ärzte für eine bestimmte Therapie entschieden hatten, geben Holle und Kollegen zu bedenken. Die Ergebnisse deuten ihnen zufolge jedoch darauf hin, dass ein größeres Bewusstsein des medizinischen Personals für die Besonderheiten von Herzinfarkten und kardiogenen Schocks bei Frauen zu einer angemesseneren Behandlung und besseren Prognose führen könnte.

Die eher unspezifischen Symptome von Frauen im Vergleich zu Männern könnten laut Holle et al. der Grund gewesen sein, warum diese häufiger in ein lokales Krankenhaus gebracht worden waren. Zu berücksichtigen, dass Frauen mit akuten Herzproblemen möglicherweise häufiger Übelkeit, Erbrechen, Husten, Müdigkeit, Rücken-, Kiefer- oder Nackenschmerzen haben, könnte ihnen zufolge Verzögerungen bei der Diagnose und Behandlung reduzieren.

Literatur

Holle S et al. Sex differences in treatment and outcome of patients with cardiogenic shock complicating acute myocardial infarction. ESC Acute Cardio Vascular Care Kongress 2022.

ESC-Pressemitteilung: Women more likly to die after heart emergency than men. 19.03.2022.

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