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21.09.2015 | Nachrichten | Onlineartikel

Koronare Herzerkrankung

Kardiologie paradox: Kleine Herzen „remodellieren“ mehr

Autor:
Philipp Grätzel

Kardiale Umbauprozesse – das sogenannte „Remodelling“ – bei ischämischer Herzerkrankung gelten als prädiktiv für die Entstehung einer Herzinsuffizienz. Eine europaweite Studie wollte jetzt klären, wie sich Patienten mit zu erwartendem Remodelling anhand der Bildgebung frühzeitig erkennen lassen. Das Ergebnis überrascht.

Wenn Kardiologen gefragt werden, wie ein linker Ventrikel auszusehen hat, der nicht gut aussieht, dann lautet die Antwort „groß und mit dünnen Wänden“. Bei solchen „Infarktventrikeln“, so die Lehrmeinung, steigt die Wandspannung, was die Kardiomyozyten unter Stress setzt und letztlich dazu führt, dass jene „Remodelling“ genannte Umbauprozesse stattfinden, die das Herz weiter in Richtung Herzinsuffizienz treiben.

Suche nach Prädiktoren

Beim Europäischen Kardiologenkongress in London wurde jetzt die DOPPLER-CIP-Studie vorgestellt, die zumindest ein Fragezeichen hinter diese Theorie setzt. Ziel der DOPPLER-CIP-Studie war es, Faktoren herauszuarbeiten, anhand derer sich per Bildgebung vorhersagen lässt, bei welchen Herzen es in den Folgejahren zu Remodelling kommt und bei welchen nicht.

Es handelte sich um eine große, longitudinale Studie mit 676 stabilen KHK-Patienten aus sechs europäischen Ländern. Deutschland war nicht dabei. Bei jedem Patienten wurden zu Studienbeginn mindestens zwei Stress-Untersuchungen vorgenommen, entweder per Echo, per MRT oder per SPECT. Zwei Jahre später wurden die Patienten dann erneut mit entweder Echo oder MRT untersucht, um anhand gängiger Remodelling-Indizes jene Patienten zu identifizieren, bei denen ein Remodelling stattgefunden hatte.

Kleine Durchmesser waren prädiktiv

Und hier kam es zu einer Überraschung: „Es waren gerade nicht die Patienten mit großen Ventrikeln und dünnen Wänden, bei denen es vermehrt zu Remodelling kam“, betonte Jan D’hooge von der Universität Leuven, Belgien. Im Gegenteil, eher kleine linksventrikuläre Durchmesser und dickere Herzwände waren prädiktiv für Remodelling-Prozesse.

Was genau diese Beobachtung bedeutet, konnten die Kardiologen und Physiker, die die Ergebnisse in London diskutierten, noch nicht sagen. Zufällig falsche Ergebnisse sind in der klinischen Forschung immer möglich. Für einen solchen statistischen Ausreißer war die Studie allerdings recht groß.

Nimmt man die Ergebnisse für bare Münze, lautet die Schlussfolgerung, dass es jedenfalls nicht primär erhöhte Wandspannung ist, die zu Remodelling und im Gefolge Herzinsuffizienz führt. Vielleicht, so spekulierte D’hooge, sei niedrige Wandspannung gar nicht so segensreich wie die Kardiologie bisher immer glaubte. Wäre das so, würde es allerdings einige andere Fragen aufwerfen. So galt eine Verringerung der Wandspannung bisher als Teil des Wirkprinzips der Betablocker. 

Literatur

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