Skip to main content
main-content

15.10.2016 | Kardiologie | Nachrichten

Interventionelle Kardiologie

30 Jahre rasante Entwicklung in der Kardiologie

Als Dr. Heinz-Joachim Büttner 1994 anfing im Herzzentrum in Bad Krozingen zu arbeiten, gab es dort drei Katheterlabore, jetzt sind es zehn. Nun geht Büttner, seit 2002 Leiter der interventionellen Kardiologie, in den Ruhestand.

Was hat Sie als junger Arzt in der Facharztausbildung so sehr für die interventionelle Kardiologie begeistert?

Büttner: Heute fangen die Kollegen oft sehr früh in der kardiologischen Ausbildung an, im Katheterlabor zu arbeiten. Ich kam erst mit 37 Jahren, aber dann mit Haut und Haaren, in die interventionelle Kardiologie. Wir bauten 1987 ein Herzkatheterlabor in einem städtischen Klinikum auf. Obwohl Andreas Grüntzig schon 10 Jahre zuvor die erste PCI durchführte, gab es nur wenige interventionelle Kardiologen und noch niedrige Untersuchungszahlen. Als ich 1994 nach Bad Krozingen kam, gab es dort schon drei Herzkatheterlabore, inzwischen sind es zehn.

Mich faszinierte die Herausforderung, die in dieser Methode steckt. Außerdem ist es ein hocheffektives und wenig invasives Verfahren. Wir haben Erfolgsraten von über 90 % und können die Prozeduren mit sehr großer Sicherheit und für die Patienten wenig belastend durchführen.

Wie ist die interventionelle Kardiologie in Deutschland aufgestellt?

Büttner: Interventionelle Kardiologie und Angiologie haben hier im internationalen Vergleich sicher einen Spitzenplatz. Das liegt zum Teil daran, dass koronar, peripher und auch bei strukturellen Herzerkrankungen in Deutschland sehr zahlreiche Interventionen durchgeführt werden. Aktuell sind wir bei den Katheterinterventionen an Aorten- und Mitralklappe weltweit Spitzenreiter. Dies hängt auch mit den Möglichkeiten der Kostenerstattung bei uns zusammen. So können wir schon früh viel Erfahrung mit Methoden sammeln, die für die Patienten vorteilhaft sind.

Zugleich sieht sich die interventionelle Kardiologie aber auch mit dem Vorwurf der Überversorgung konfrontiert. Wie sehen Sie das?

Büttner: Interessant ist, dass unser Niveau der sog. „Überversorgung“ von anderen europäischen Ländern oft einige Jahre später auch erreicht wird, sie ziehen also nach. Jede Indikationsstellung für einen Kathetereingriff muss gut überlegt sein. Da Belastungstests zum Nachweis einer koronaren Herzkrankheit aber ein signifikantes Sensitivitätsproblem haben, sollte die Indikationsstellung für eine invasive Diagnostik bei pectangiformen Beschwerden großzügig erfolgen. Einzelne Länder handhaben das sehr unterschiedlich, ich glaube, dass unsere im Prinzip eher liberale Vorgehensweise richtig ist. Trotzdem braucht man immer eine gute Begründung zur individuellen Indikationsstellungen, für die Diagnostik und auch für die nachfolgende Therapie.

Warum wurden chronische Koronarverschlüsse (CTO) ihr Spezialgebiet?

Büttner: Ganz früh in meiner Zeit als Interventionskardiologe habe ich, als der Leiter des Katheterlabors gerade nicht im Haus war, bei einem Patienten mit verschlossenen Venengrafts und starker Angina pectoris versucht, mit einem mittelharten Draht die chronisch verschlossene A. circumflexa zu rekanalisieren. Das gelang auf etwas eigenartigen Wegen, die aus Nativgefäß und Bypassbrücken bestanden, was mir damals nicht richtig bewusst war. Aber der ältere Patient hat mir später einen Brief geschrieben und sagte, die Anginen hätten ihn seither nicht mehr besucht. Da war mir klar, wie sehr Patienten von einer CTO-Rekanalisation profitieren.

Deshalb habe ich mich dann um die Methode gekümmert, bin zu Kollegen gegangen, die die Techniken beherrschten, und durfte 2005 ein Mitbegründer des Euro-CTO-Clubs sein. Seitdem haben sich die inzwischen auch retrograden Rekanalisationstechniken stark weiterentwickelt und die Erfolgsraten beitragen bei Experten 90 %.

Ist eine spezielle, standardisierte Ausbildung für interventionelle Kardiologen sinnvoll?

Büttner: Eine strukturierte Ausbildung in der interventionellen Kardiologie ist sicher sehr sinnvoll und es ist gut, dass sich die Fachgesellschaft dafür einsetzt. Es gibt aber ein praktisches Problem: Wir in Bad Krotzingen sind zum Beispiel als Ausbildungszentrum zertifiziert und bei uns bewerben sich Kollegen für eine mehrjährige Ausbildung in der interventionellen Kardiologie. Das können wir aber nur schwer leisten. Wir haben unser spezialisiertes Team und eigene Kollegen aus dem Hause, die ausgebildet werden wollen. Da ist es schwierig, zusätzlich externe Kollegen anzunehmen. In der Praxis sind also zahlreiche Ausbildungsstätten nötig, die eine Art Grundausbildung vermitteln. Anschließend müssten die Kardiologen sich darum bemühen, im Sinne einer Hospitation darüber hinausgehendes Spezialwissen zu erlangen. Zu überlegen wäre, einen solchen kombinierten Ausbildungsgang in die Weiterbildungsordnung aufzunehmen, dann wären die Kliniken verpflichtet, dies auch anzubieten.

Welche Tipps geben Sie jungen Kollegen mit auf den Weg, wie wird man ein guter Interventionalist?

Büttner: Wenn Sie in einer Klinik sind, in der es ein sehr breites interventionelles Spektrum und viele erfahrene Kollegen gibt, ist es immer leichter, als in einer kleinen Klinik quasi Einzelkämpfer zu sein. Die Wahl der Ausbildungsstelle ist also sehr wichtig.

Die Lernkurve in der interventionellen Kardiologie ist steil, man lernt anfangs sehr schnell, hört aber auch nie damit auf. Auch wenn Sie zwanzig Jahre Erfahrung haben, werden Sie bei jedem Treffen mit anderen Experten oder bei jedem Besuch in einem anderen Katheterlabor noch eine Kleinigkeit aufpicken und sich noch weiterentwickeln können. Ich finde es sehr wichtig, dass junge Kollegen das gesamte Potenzial des Verfahrens erlernen und anwenden können. Sie sollten nicht nur technisch einfache Läsionen versorgen und die komplizierteren vermeiden, sondern den Patienten möglichst vollständig revaskularisieren.

Lässt sich die Qualität von interventionellen Eingriffen in Deutschland noch weiter verbessern?

Büttner: Die interventionelle Kardiologie in Deutschland ist – wie gesagt – im internationalen Vergleich auf einem Spitzenplatz. Aber eine hohe Qualität auch in der Breite zu gewährleisten, bleibt eine wichtige Aufgabe. Zwar muss nicht jeder interventionelle Kardiologe die aufwendigsten und komplexesten Interventionen beherrschen. Aber die Ausbildung im eigenen Labor lässt sich durch Besuche von Kursen, durch Hospitationen oder auch durch ein Proctoring vor Ort durch einen Spezialisten ergänzen.

Wie sieht es in zehn Jahren in der interventionellen Kardiologie aus?

Büttner: Interventionelle Kardiologie, Angiologie und Elektrophysiologie schreiben eine einzigartige Erfolgsgeschichte. Von heutigen kathetertechnischen Möglichkeiten zur Behandlung struktureller Herzerkrankungen konnte man vor zehn Jahren noch nicht einmal träumen. Die Entwicklungsdynamik wird in den nächsten Jahren weitergehen. Im koronaren Bereich sind die wesentlichen Entwicklungen passiert, vielleicht können wir hier noch die Strahlenbelastung für Patient und Untersucher senken.

Die Erfolgsraten sind schon im hohen 90%-Bereich, sodass sich die Verbesserungen hier nur noch asymptotisch einem Ideal annähern. Aber bei strukturellen Herzerkrankungen werden noch viele neue Verfahren hinzukommen, speziell auch bei der funktionellen Mitral- und Trikuspidalinsuffizienz.

Die interventionelle Kardiologie hat ein unglaubliches Potenzial für die Zukunft, ich glaube, dass Aortenklappenersatzeingriffe – bis auf wenige Ausnahmen – künftig interventionell durchgeführt werden. Wir sehen jetzt schon, dass diese Eingriffe bei Patienten mit hohem und mittlerem Risiko mindestens genauso erfolgreich sind, wie chirurgische. Jetzt kommen noch Studien zu Patienten mit geringem Risiko, die voraussichtlich eine Gleichwertigkeit der Verfahren zeigen werden. Vermutlich werden in zehn Jahren sogar die Eingriffe an allen vier Herzklappen überwiegend kathetertechnisch durchgeführt werden, z. T. aber über chirurgische Zugangswege, sodass weiterhin eine enge Kooperation mit den Kardiochirurgen notwendig bleibt.

Haben sich Ihre interventionellen Träume alle erfüllt oder gibt es noch offene Punkte?

Büttner: Meine Träume sind übererfüllt worden. Ich hätte nie gedacht, dass all das kathetertechnisch geht, was wir inzwischen machen, und das mit so tollen Ergebnissen. Gerade im Bereich der strukturellen Herzerkrankungen hätte ich früher nie geglaubt, dass man eine Aortenklappe kathetertechnisch ersetzen kann. Trotzdem geht die Entwicklung weiter und Dinge, die jetzt noch experimentell sind, werden schon in wenigen Jahren Standardverfahren sein.

Welche Kompensation wählen Sie, wenn Sie nun nicht mehr täglich im Katheterlabor arbeiten?

Büttner: Kathetern hat schon ein gewisses Suchtpotenzial. Wenn man mit Mitte 60 noch eine ruhige Hand hat und ein paar Stunden stehen kann, kann man ja noch ein bisschen weitermachen, um die Entzugssymptomatik zu mitigieren. Ich werde auch versuchen meine Erfahrung in Workshops und durch Proctoring weiterzugeben. Ansonsten habe ich gehört, dass das Leben auch außerhalb der Kardiologie pulsieren soll...

Interview: AGIK/CN

Das könnte Sie auch interessieren