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16.04.2017 | Kardiologie | Nachrichten

Ei, was nun?

Cholesterin und Eierkonsum

Autor:
Dr. med. Ronald D. Gerste

Gutes Ei oder böses Ei? Je nach Studie scheint der Einfluss des Cholesterins darin auf die Herzgesundheit unterschiedlich. Letztlich kommt es auf den Zusammenhang an – wer hätte das gedacht!

Das Wechselbad der Gefühle war unerträglich in den letzten Jahren, vergleichbar einem Fußballspiel, das dem Elfmeterschießen entgegengeht. Längst galt es als strikt zu wahrendes persönliches Geheimnis, welcher Neigung man in den Stunden unmittelbar nach Sonnenaufgang nachgeht, zumindest am Wochenende, wenn mehr Zeit für eine solche Zeremonie zur Verfügung steht als unter der Woche:

Die Zeitung – Print natürlich, nicht auf dem Smartphone! – liegt aufgefaltet bereit, in der Tasse dampft der frisch gebrühte grüne Tee (der mit den vielen Radikalfängern). Auf dem Tisch freut sich der Räucherlachs (der mit dem massiven Load an Omega-3-Fettsäuren) darauf, einem Bagel aus der Biobäckerei auferlegt zu werden, von diesem nur durch eine Schicht Cream Cheese der fettärmsten Sorte separiert.

Sündenbock Frühstücksei?

Es könnte alles so gesund sein. Doch jedwede Aussicht, beim Frühstück schon die Grundlage zur Garantie der Teilnahme am eigenen 100. Geburtstag gelegt zu haben, schien in dem Moment zu schwinden, da man sich drei Eier in die Pfanne schlägt und dem toten, aber kardioprotektiven Fisch und dem Brühgetränk, das so wunderbar die freien Radikale abzufangen verspricht, das eigentliche Highlight eines Sonntagmorgens an die Seite stellt: Scrambled Eggs, an Wochenenden des Übermuts noch durch ein paar knusprige Bacon-Scheiben kalorisch aufgebrezelt. So groß der Genuss, so unheimlich doch die stete Erinnerung an den alten Chef und akademischen Lehrer während der Facharztausbildung, der aus ganz anderem Anlass (wenn bei einer OP tüchtig etwas schief ging) ausrief: „So kann’s nichts werden !“

Ja, das schlechte Gewissen begleitete den Freund eines British or American Breakfast seit Äonen, war doch der Verzehr von Eiern für Ernährungswissenschaftler und solche, die sich dafür hielten, der Sündenfall schlechthin. Eier, so wurde uns eingebläut, seien Cholesterinbomben, die Freikarte auf dem Weg zum Herzinfakt. So genoss man klammheimlich und zum Frühstück wurde nur jemand eingeladen, dem oder der man die gleiche Charakterschwäche zutraute. Dann bliesen im vergangenen Jahr amerikanische Experten zum Rückzug, quasi über Nacht war das Ei exkulpiert. Inzwischen unterzieht man sich geradezu einer Kur, wenn man morgens (in Maßen) dazu tendiert, den Beitrag der Henne zur westlichen Esskultur zu genießen – diesen Eindruck bekam man zumindest jüngst bei der Lektüre von Focus online.

Das Ei hat auch positive Seiten

Weil sie den Cholesterinspiegel steigen lassen“, so lesen wir in dem Magazin, „und damit Herzkrankheiten fördern könnten, galten Eier lange als ungesund. Diverse Studien widerlegten diesen Zusammenhang jedoch. Nun heizt ein Team von US-Ärzten die Diskussion um die ‚bösen Eier‘ erneut an. Internationale Untersuchungen belegen: Eier stellen kein Risiko für die Herzgesundheit dar.“

Und weiter geht es mit der guten Botschaft, erquickender für die Seele als alles, was der Herr Pfarrer nach der Goutierung des Bauernomeletts von der Kanzel verkünden könnte: „231 Eier isst jeder Deutsche im Schnitt pro Jahr. Das berichtet die Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung. Da Eier nicht nur gut schmecken, sondern auch Proteine, Antioxidanzien, Vitamine und Mineralien enthalten, achten manche sogar strikt darauf, ein Ei pro Tag zu sich zu nehmen.“

Und Forscher einer Consulting-Firma in Utah (arbeiten bei solchen Unternehmen wirklich Forscher??) werden zitiert mit: „Eier erhöhen das Risiko für eine koronare Herzkrankheit und einen Schlaganfall nicht. Im Gegenteil: Die Forscher fanden sogar Hinweise dafür, dass ein Ei pro Tag das Risiko für einen Schlaganfall reduzieren kann. Die US-Wissenschaftler analysierten sieben Studien. Ihre Untersuchung erschien 2016... Selbst wer täglich ein Ei isst, erhöht sein Risiko für Herzkrankheiten nicht.“

Nun wissen wir als Konsumenten unserer Medien alle: Nur gute Nachrichten – das geht einfach nicht! Natürlich fand man bald amerikanische Wissenschaftler, die einem die Freude an dem kardioprotektiven Frühstück schnell wieder vermiesen: Eier sollten nach Ansicht einer US-Ärztegruppe wieder vom Speiseplan verschwinden. Quintessenz einer Publikation in der Märzausgabe des Journal of the American College of Cardiology sei: „Eier heben den Cholesterinspiegel und sollten daher höchst selten auf dem Teller landen.“

Das muss den Leser doch einigermaßen verwirrt zurücklassen – gestern hui, heute (und vorgestern) pfui. Glücklicherweise fragt Focus einen deutschen Experten, Helmut Gohlke, Vorstandsmitglied der Deutschen Herzstiftung, der die Relationen zurechtrückt. Er „warnt davor, die Ergebnisse der US-amerikanischen Untersuchung auf Deutschland zu übertragen. Entscheidend beim Ei-Konsum sei nämlich die ‚begleitende Ernährung‘. Während ein Frühstück in den USA häufig aus Ei mit Speck besteht, genießen Deutsche lieber ein hartgekochtes Ei mit Gemüse. Darin liege der große Unterschied: Amerikaner nehmen mit der Speckbeilage zusätzlich ungesunde, gesättigte Fettsäuren auf.‘ Klingt gut – allerdings kenne ich wenige bis keine Mitbürger, die morgens um 9 zum Ei einen Brokkoli-Strunk oder zwei Knabbermöhren genießen.

Ein anderer Experte, Prof. Ulrich Laufs, Oberarzt an der Universitätsklinik des Saarlandes, machte Mut, als er von einem Extrembeispiel berichtet: „Es gab einen Mann, der 25 Jahre lang jeden Tag 25 Eier gegessen hat. Er wurde 85 Jahre alt, hatte einen normalen Cholesterinspiegel und keine Gefäßverkalkungen.“

Die Mischung macht‘s!

Erfreulicherweise vertrat die FAZ fast zeitgleich mit Focus auch eine Position, die die Gefahr durch das Ei relativiert. Man interviewte den Ernährungswissenschaftler Prof. Stefan Lorkowski, der freimütig erklärte: „Ja, mal wieder gilt der abgedroschene Satz: Auf die Mischung kommt es an. Ab und zu ein Ei zu essen, das ist gut und wichtig für den Körper, es muss aber nicht auch noch in Butter geschwenkt und mit Speck kombiniert werden. Sonst kann das Cholesterin in Verbindung mit bestimmten Fetten eben doch eine negative Wirkung auf den Körper haben. Denn immerhin ist Cholesterin das Fett, das man am häufigsten in Gefäßablagerungen findet, welche auf lange Sicht zu Thrombosen, Herzinfarkt oder Schlaganfall führen.“

So bleibt nur zu hoffen, dass sich die Waage zugunsten der positiven Effekte im April, dem aufgrund eines gewissen Feiertagswochenendes wohl Ei-intensivsten Monat des Jahres, nicht wieder in die andere Richtung, zur totalen Verdammnis neigt. Schließlich ist es Schlimm genug, dass man uns den Schokoladenosterhasen als adipositasinduzierend und prädiabetogen schon seit langem zu vermiesen sucht.