Nachrichten 25.08.2016

ESC-Kongress 2016: Was gibt es diesmal Neues in der Kardiologie?

Am Samstag, den 27. August, startet in Rom der diesjährige Kongress der European Society of Cardiology (ESC). Das Programm ist wieder vollgepackt mit neuen Studien. Auch der Papst will sich am letzten Kongresstag in einer Rede an die teilnehmenden Kardiologen wenden.

Beim ESC-Kongress sind es seit jeher die „Hot Line“-Sitzungen, die der Erstpräsentation von als besonders wichtig eingestuften Studien aus dem Bereich der Kardiologie gewidmet sind. Sechs „Sessions“ mit insgesamt 28 klinischen Studien stehen diesmal auf dem Programm.

Thema Herzinsuffizienz

Los geht es Sonntag mit einer „Hot Line“ zum Thema Herzinsuffizienz. Sie startet mit der Präsentation der DANISH-Studie. Dabei handelt es sich um eine randomisierte kontrollierte Studie dänischer Untersucher, die klären wollten, ob implantierbare Defibrillatoren (ICDs) als Primärprophylaxe auch bei Patienten mit symptomatischer Herzinsuffizienz, die nicht durch eine ischämische Herzerkrankung verursacht wurde, von klinischem Nutzen sind. An der Studie, deren Follow-up im Schnitt fünf Jahre betrug, waren 1.116 Patienten beteiligt. Primärer Endpunkt ist die Gesamtmortalität.

Auf DANISH folgen zwei randomisierte Studien (REM-HF und MORE-CARE), in denen es um die Frage ging, ob eine engmaschigere telemetrische Nachsorge (remote monitoring), die sich auf Messdaten aus implantierten kardialen Geräten wie ICD oder CRT-D stützt, bei Patienten mit Herzinsuffizienz klinisch von Vorteil ist.

Im Fokus der beiden abschließend vorgestellten Studien steht die regenerative Therapie durch Infusion von Stammzellen aus dem Knochenmark bei Patienten mit Herzinsuffizienz. Um dieses noch immer experimentelle Therapiekonzept ist es nach anfänglichem Hype inzwischen merklich stiller geworden. Ob die neuen Studien daran etwas ändern werden, bleibt abzuwarten. Zumindest von der der CHART-1-Studie ist bereits durchgedrungen, dass das Studienziel wohl nicht erreicht worden ist und positive Effekte nur in einer Subgruppe zu beobachten waren.

Thema präventive Strategien

Im Blickpunkt der zweiten „Hot Line“ stehen präventive Strategien unterschiedlicher Art. In der NIPPON-Studie sind japanische Forscher der Frage nach der optimalen plättchenhemmenden Therapie bei Patienten nachgegangen, die einen bioresorbierbaren Koronarstent erhalten haben.

In der ANTARCTIC-Studie ist bei rund 850 Patienten mit perkutaner Koronarintervention (PCI) einmal mehr geprüft worden, ob die Messung der Plättchenfunktion als Grundlage für eine individuell dosierte Einstellung auf einen Plättchenhemmer – in diesem Fall Prasugrel – zu besseren Ergebnissen führt als eine Standardtherapie. Man darf gespannt sein. Eine ähnlich konzipierte und größer angelegte Studie (GRAVITAS) mit Clopidogrel hatte jedenfalls vor Jahren nicht den Nachweis erbringen können, dass eine durch Messungen der Plättchenfunktion gesteuerte Clopidogrel-Therapie klinisch von Vorteil ist.

Auf ANTARCTIC folgt SAVE. In der 2008 in Australien und China gestarteten und dann weltweit an 89 Zentren durchgeführten Studie ist bei mehr als 2.700 Patienten untersucht worden, ob eine CPAP-Therapie ("continuous positive airway pressure") bei Patienten mit obstruktiver Schlafapnoe das Risiko für schwerwiegende kardiovaskuläre Ereignisse reduzieren kann. Die Follow-up-Dauer soll mehr als vier Jahre betragen.

Blickpunkt Lipidtherapie

In der Studie ODYSSEY ESCAPE ist bei Patienten mit heterozygoter familiärer Hypercholesterinämie untersucht worden, ob eine Lipidsenkung mit dem PCSK9-Hemmer Alirocumab an der zuvor notwendigen regelmäßigen Behandlung durch LDL-Apherese etwas verändert.

In einer weiteren Studie geht es um die Frage, ob die Apherese als Therapiemöglichkeit auch bei Patienten mit erhöhten Lipoprotein (a)-Werten und refraktärer Angina pectoris von Nutzen ist.

Auch eine Studie, die sich der Methode der „Mendelschen Randomisierung“ bedient hat, steht auf dem Programm. Mithilfe dieser Methode wollen Biometriker kausale Zusammenhänge auch aus nichtrandomisierten Beobachtungsstudie ableiten. Die Mendelsche Randomisierung nutzt dazu genetische Polymorphismen. In der bei ESC-Kongress vorgestellten Studie ist das kardiovaskuläre Risiko von Personen, die aufgrund solcher Polymorphismen langfristig niedrige LDL- oder Blutdruckwerte oder beides hatten, analysiert worden. Ob das Ergebnis wohl überraschend sein wird?

Eine weitere „Session“ beschäftigt sich ausführlich mit neuen Studienergebnissen zum Thema kardiologische Bildgebung. So sind in PACIFIC-Studie drei Methoden bezüglich ihres Stellenwerts in der Diagnostik der ischämischen Herzerkrankung direkt miteinander verglichen worden.

Blickpunkt Koronare Herzerkrankung

Der ESC-Kongress 2016 wartet auch mit einer veritablen Mega-Studie auf. Norwegische Kardiologen haben in der schon 2008 gestarteten NorSTENT-Studie bei mehr als 9.000 Patienten untersucht, ob Drug-eluting Stents (DES) den reinen Metallstents (bare metal stents, BMS) wirklich klinisch überlegen sind. Die randomisierte Studie ist unabhängig und ohne finanzielle Unterstützung von Seiten der Stent-Hersteller durchgeführt worden. Sie ist die größte klinische Studie dieser Art, die je in Norwegen zum Abschluss kam.

Passt sie noch in die Zeit? Eigentlich herrscht unter Kardiologen längst die Meinung vor, dass sich die Ära der BMS dem Ende zuneigt. DES sind in den letzten Jahren im Vergleich zu DES der ersten Generation deutlich verbessert worden. Die Frage ist, inwieweit sich diese Entwicklung auch in der NorSTENT-Studie widerspiegelt.

Ihre Autoren haben die Messlatte hoch gelegt: Primärer Studienendpunkt ist eine Kombination aus Gesamtmortalität und nicht tödlichem Herzinfarkten. Nach derzeitiger Studienlage ist nicht davon auszugehen, dass in diesem Endpunkt eine signifikante Überlegenheit von DES gegenüber BMS zum Ausdruck kommen wird. Denn mehrere Metaanalysen von Daten aus Vergleichsstudie haben gezeigt, dass DES zwar das Risiko für Restenosen und revaskularisierende Re-Interventionen im Vergleich zu BMS signifikant um bis zu 70 % verringern, nicht aber die Mortalität. Auf jeden Fall dürfte die Studie für Gesprächsstoff sorgen.

Auf unserem kardiologischen Onlineportal www.kardiolgie.org werden wir Sie aktuell und ausführlich über die beim ESC-Kongress präsentierten Ergebnisse informieren.