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26.01.2017 | Kardiologie | Nachrichten

Deutscher Herzbericht 2016

Herzmedizin auf hohem Niveau ‒ und sie soll noch besser werden

Autor:
Philipp Grätzel

Ob koronare Herzerkrankung, Herzinsuffizienz oder Aortenklappenstenose: Die Versorgung von Patienten mit kardiovaskulären Erkrankungen in Deutschland verbessert sich weiter. Neue Qualitätsinitiativen der DGK sollen dazu beitragen, dass der Trend anhält.

Der von der Deutschen Herzstiftung herausgegebene „Deutsche Herzbericht 2016“ gibt einmal mehr einen umfassenden Überblick über die Versorgung von Herz-Kreislauf-Patienten in Deutschland. Bei KHK und Myokardinfarkt wurde die Erfolgsgeschichte fortgeschrieben: Die stationären Aufnahmen wegen KHK gingen im Jahr 2015 um 1,86 % auf 800 pro 100.000 Einwohner zurück.

Zwischen 1995 und 2015 ist die stationäre Morbiditätsziffer bei der KHK um 18,1 % gesunken. KHK-Patienten werden aber nicht nur seltener stationär aufgenommen, sie sterben auch seltener. Waren es in den 90er Jahren noch knapp 230 KHK-Todesfälle pro 100.000 Einwohner pro Jahr, sind es aktuell weniger als 150. Beim Herzinfarkt liegt die Sterbeziffer bei 59 pro 100.000 Einwohner, 45 % weniger als 1990.

Erfolg bei KHK hat viele Gründe

Diesen Erfolgen liege ein ganzes Spektrum an Verbesserungen in unterschiedlichen Abschnitten der Versorgungskette zugrunde, so DGK-Präsident Prof. Hugo Katus, Heidelberg. Beim Herzinfarkt spielten Fortschritte bei der Kathetertechnologie genauso mit hinein wie eine effizientere prästationäre Versorgung, eine raschere Labor- und Point of Care-Diagnostik und ein besseres Wissen um den Herzinfarkt in der Bevölkerung.

Bei der chronischen KHK dürften dagegen der Ausbau der ambulanten Diagnostik und Therapie sowie Fortschritte bei der Prävention und Verbesserungen bei der medikamentösen Behandlung für die Erfolge ausschlaggebend sein, so der Sprecher der Arbeitsgruppe Interventionelle Kardiologie der DGK, Professor Albrecht Elsässer, Oldenburg, in einer Pressemitteilung zum „Herzbericht 2016“.

Andere Richtung bei Herzinsuffizienz

Bei der Herzinsuffizienz deuten die Zahlen auf den ersten Blick in eine andere Richtung. Die Zahl der Krankenhauseinweisungen steigt. 541 Patienten pro 100.000 Einwohner wurden 2015 stationär aufgenommen, 10 % mehr als 2013 und fast doppelt so viele wie Mitte der neunziger Jahre. Hier gibt es demnach offensichtliche Spielräume für eine Optimierung der ambulanten Versorgung.

Für Katus sind diese Zahlen aber auch ein Beleg für die Erfolge der Kardiologie: Weil Herzpatienten länger leben, steige auch die Inzidenz der Herzinsuffizienz, der Endstrecke vieler Herzerkrankungen. Dafür, dass die Versorgung besser geworden ist, spricht der Rückgang der Sterbeziffer: 54,9 von 100.000 Menschen starben im Jahr 2014 an Herzinsuffizienz, ein Drittel weniger als 1990.

Aortenklappenersatz: Noch sind die TAVI-Patienten deutlich älter

Spannend sind natürlich auch in diesem Jahr wieder die Zahlen zum kathetergestützten perkutanen Aortenklappenersatz (TAVI). Hier zitiert der Bericht die AQUA/IQTiG-Daten, wonach im Jahr 2015 insgesamt 15.594 TAVI-Eingriffe erfolgten, über 2.000 mehr als im Jahr 2014. TAVI-Patienten waren im Mittel 81 Jahre alt, operierte Patienten 68. Es würden also weiterhin vor allem Hochrisikopatienten mit einer TAVI versorgt, so Katus. Allerdings: Die Zahl der Operationen zum Aortenklappenersatz ging um 450 auf jetzt 9.502 zurück. Das ist der stärkste Rückgang seit Beginn der TAVI-Statistiken.

Für die Herzchirurgie betonte DGTHG-Vizepräsident PD. Wolfgang Harringer, dass die Entscheidung über die Art des Aortenklappeneingriffs zwingend im Herz-Team erfolgen müsse. Nach wie vor gebe es nur begrenzte Langzeiterfahrungen bei Katheterklappen. Und die Rate an Patienten, die im Gefolge eines Aortenklappeneingriffs einen Schrittmacher benötigten, sei bei der Operation mit 3 % deutlich geringer als bei der TAVI. Interessant in diesem Zusammenhang ist, dass der Anteil der AV-Blocks an den Indikationen zur Schrittmachertherapie seit 2011 von damals 37 % auf jetzt knapp 43 % zugenommen hat. Dies könne durchaus mit den TAVI-Eingriffen in Zusammenhang stehen, so Katus.

Qualitätsinitiative bei Ablationen und Mitralklappenrekonstruktion

Nach oben zeigt der Trendpfeil auch bei den Herzrhythmusstörungen. Hier haben sich die stationären Aufnahmen seit 1995 auf 560 pro 100.000 Einwohner verdoppelt. Gleiches gilt für die Sterblichkeit. Katus geht davon aus, dass die höhere Sterblichkeit nicht nur mit der Demographie, sondern auch mit einer besseren Diagnostik in Zusammenhang steht. Der Anstieg der Krankenhauseinweisungen dürfte demgegenüber auch mit den umfangreicheren therapeutischen Möglichkeiten zu tun haben. So stieg die (geschätzte) Zahl der Ablationen im Jahr 2015 auf 76.000, ein Zehntel mehr als 2014.

Prof. Thomas Meinertz von der Herzstiftung betonte, dass bei der Katheterablation von Vorhofflimmern nicht mit dauerhafter Rezidivfreiheit gerechnet werden dürfe: „Das ist ein erfolgreiches Verfahren, aber wir müssen den Patienten sagen, dass sie sich für eine Therapie entscheiden, die eine bis drei Prozeduren erfordert.“ Dass die Rezidivrate auch mit der Erfahrung der Einrichtung und der Operateure in Zusammenhang steht, gilt als unstrittig. Die DGK arbeitet deswegen gerade an einem Positionspapier, das – ähnlich wie bei der TAVI – strukturelle Qualitätsanforderungen an Zentren formuliert, die Ablationen anbieten.

Knapp 50 % der Einrichtungen, die Katheterablationen durchführen, kommen gemäß Herzbericht auf weniger als 150 im Jahr, und 38,7 % schaffen nicht einmal 100. Reine Fallzahlregelungen sind freilich nicht das, was die DGK anstrebt: „Wir brauchen Indikatoren für Qualität, aber das dürfen nicht nur Mindestmengen sein“, so Katus. Auch bei den Mitralklappenrekonstruktionen möchte die DGK ein Positionspapier formulieren, das dazu beitragen soll, eine möglichst hohe Qualität in der Breite der Versorgung zu gewährleisten.


Der Herzbericht 2016 ist als PDF kostenfrei unter www.herzstiftung.de/herzbericht erhältlich. Ein gedrucktes Exemplar kann angefordert werden bei der Deutschen Herzstiftung, Tel. 069 955128-400, E-Mail presse@herzstiftung.de

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