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03.12.2016 | Kardiologie | Nachrichten

Der Versuchung widerstehen

Lebkuchenherzen und Herzgesundheit

Autor:
Dr. med. Ronald D. Gerste

Ob Wies’n-Herz oder Weihnachtsherz, kaum ein Organ ist als Naschwerk so weit verbreitet wie das Zielobjekt der Kardiologen. Das kann sich auch auf die Gesundheit auswirken.

Kardiologen sind eine privilegierte Population innerhalb des Ärztestandes. In der nunmehr beginnenden Jahreszeit mit den gemütlichen längeren Abenden legen von dieser Tatsache die Regale in den Geschäften, die Auslagen in der Konfiserie und das Angebot den heimischen Bäckereien Zeugnis ab. Schon längst liegen dort vorweihnachtliche Leckereien, neben Spekulatius, Zimtsternen und Dominosteinen ist es vor allem der König unter den winterlichen Backwaren, der in unterschiedlicher Formgebung, mal pur und mal mit buntem oder schokoladigem Überzug versehen, durch den reinen Anblick die Magensäure erwartungsvoll zu stimulieren weiß: Der Lebkuchen.

Die beliebte Herzform

Zwar gibt es ihn auch in platter Form, oft mit einer Oblate als einer Art Basalmembran versehen. Aber besonders beliebt ist bei Kunden in jedem Alter einerseits die Formgebung Stern, was zweifellos mit der die Weihnachtszeit auslösenden Geschichte zu tun hat, nämlich von Migranten, die eben dieser Leuchtmarke am Himmel folgten, welche Astronomen uns profan als Supernova oder extrem seltene Konjunktion dreier Planeten zu erklären und damit zu entmystifizieren suchen. Die andere Form ist das Herz, das eigentlich kein spezifisch mit der Weihnachtsgeschichte in Verbindung stehendes Organ ist, es steht aber sicher überzeugend als Symbol für die Nächstenliebe. Als Backware ist es zweifellos ästhetischer anzusehen als jene Körperteile, die bei einer Geburt – ob im Stall oder in der Uniklinik – eher die Hauptrolle spielen.

Aber genau hier wird des Kardiologen Privileg überdeutlich. Keine Kollegin, kein Kollege einer anderen Fachrichtung sieht sich bei weihnachtlichen Genüssen ähnlich repräsentiert. Die Studienfreundin in ihrer HNO-Praxis hätte sich, wie sie mir schamvoll anvertraute, eigentlich auch mal einen Lebkuchen in Gestalt eines Kehlkopfes gewünscht. Hochpräzise mit all diesen Knorpelringen, deren Namen wir einst für die zweite ärztliche Prüfung lernen durften, muss es ja gar nicht sein; das Herz aus Lebkuchen ist schließlich auch nur ein Symbol, das sich im völligen Verzicht des Backwerks auf Vorhöfe, Kammern und Herzkranzgefäße manifestiert. Immerhin kann sich die Kollegin trösten: In traditionellen Bäckereien werden jahreszeitlich unabhängig ja Schweineohren angeboten. Ganz diskriminiert müssen sich Kollegen vorkommen, in deren Disziplin das Entstehen neuen Lebens und das Zur-Welt-Kommen ihren Platz haben. Der Gynäkologe sucht vergeblich nach Weihnachtsgebäck in Uterusform und bei manch einem Urologen oder Andrologen mag sich Frustration breitmachen, dass auch anno 2016 das Publikum weiterhin auf Lebkuchen in Gestalt eines Skrotums warten muss.

Das Herz als Zielorgan der den Lebkuchen knetenden Bäckerhände ist aber keine exklusiv vorweihnachtliche Spezialität. Rund acht Wochen bevor die vierte Kerze auf dem Adventskranz entzündet wird, hat das Naschwerk schon einmal Hochkonjunktur: auf dem Oktoberfest in München und bei allen Nachahmerveranstaltungen von Nairobi bis New Ulm, Minnesota. Einer Reporterin der FAZ gelang der Einblick in die Massenproduktion dieser Lebkuchenvariante, sie hat das Unternehmen mit dem prachtvollen Namen Zuckersucht vor den Toren Münchens besucht. Dort werden täglich rund 50.000 Lebkuchenherzen gebacken.

Dass die Spezialisten den Urteig, der in einem 400 Kilogramm großen Block in einen Zerkneter wandert, „Jabba the Hutt“ getauft haben, wirkt auf den Leser zunächst nicht sehr appetitanregend, Jabba war schließlich jenes Monster aus Star Wars, das wie ein überdimensioniertes Verdauungsprodukt aussah. Doch die Erwähnung der olfaktorischen Reize in der Produktionshalle löscht schnell diese cineastische Assoziation aus: „Süßer, schwerer Duft nach Zimt, Zucker und Muskat steigt aus dem Zerkneter auf, diffundiert in jeden Winkel der Halle und nimmt noch mal richtig Fahrt auf durch Tausende fertig gebackene Herzen, die auf den gestapelten Blechen ringsum liegen.

Bis sie dahin kommen, haben sie allerdings noch etwas vor sich: „Jabba the Hutt“ wandert nach dem Kneten erst mal vier Wochen in blauen Boxen ins Klimalager, damit alles schön fluffig wird. Der Teig soll die Zeit haben, die er braucht, um am Ende richtig „ausgelassen“ in die Walze zu fließen. Dort kommt die braune Masse nach der Ruhephase hinein und wird, einmal platt gewalzt, zu Herzen in allen Größen ausgestanzt, die sofort auf Blechen aufgefangen werden.“

Ungegessene Wies’n-Herzen

Einmal durch die Anlage zu wandeln und Proben zu naschen, muss für jeden Freund gepflegter Süßigkeiten ein Traum sein. Die FAZ macht indes den Unterschied zwischen Weihnachtsherzen und Oktoberfestherzen deutlich: „Wohin man sich auch wendet in der Halle, man blickt auf Lebkuchenherzen: So müssen sich Hänsel und Gretel gefühlt haben. Die haben allerdings die Lebkuchen auch gegessen, was bei den Wies’n-Herzen nicht die Regel ist. Die teilen meist das Schicksal von Brautsträußen und vertrocknen in der Wohnung bis zum nächsten Umzug. Bei manchem als Trophäe, wenn klar ist, dass es dieses Herz nur im VIP-Zelt bei der VIP-Party mit VIP-Gästen gab. Schnödes Lebensmittel wollte das Wies’n-Herz nie sein, es kommuniziert neben Liebeserklärungen auch Corporate Identity oder Trends, wenn Unternehmen wie Louis Vuitton bei der Bestellung auf ihren Farbnuancen bestehen oder die Wies’n-Zelte ihre Herzen für die Dekoration in den aktuellen Dirndlfarben (2016 auch Orange und Fuchsia) wünschen.“

Wer geglaubt hat, dass in dem von Politikern geradezu unerbittlich mit den Attributen „weltoffen“ und „tolerant“ versehenen Deutschland des Jahres 2016 Lebkuchenherzen unpolitisch sind, lernt bei der Lektüre hinzu: Hat der Inhaber der Firma doch – um im Politspeak zu bleiben – ein immens starkes Zeichen gesetzt: Er „...versucht, alle Wünsche zu erfüllen, beliefert Oktoberfeste in Australien und China. Der AfD allerdings, die Herzen ordern wollte, hat er abgesagt. ‚So was machen wir nicht.‘“ Damit ist dem Zuckersüchtler der Beifall aller (zur Zeit) im Bundestag vertretenen Parteien sicher.

Sich nicht nur mit der politischen Korrektheit, sondern auch mit der Politik gut zu stellen, ist ein Grundbedürfnis in einer Industrie, die Produkte von zumindest zweifelhaftem Einfluss auf die Gesundheit herstellt. Es gibt keinen Grund, den Lebkuchen zu dämonisieren: Niemand wird von ein paar Herzen, Sternen oder Printen in den sinnenfreudigsten Wochen des Jahres ein metabolisches Syndrom bekommen. Aber vor dem Hintergrund des Zuckerkonsums können auch weihnachtliche Leckereien nicht ganz losgelöst von der öffentlichen Gesundheit gesehen werden.

In den USA hat, wie erst jüngst wieder veröffentlichte Dokumente belegen, die Zuckerindustrie über Lobbygruppen und pseudowissenschaftliche Institute die Gesetzgebung wie die öffentliche Perzeption entscheidend beeinflusst. „Als die amerikanische Wissenschaftlerin Cristin Kearns vor wenigen Tagen ihre Erkenntnisse über ein wissenschaftliches Papier aus dem Jahr 1967 vorstellte,“ so berichtete die Süddeutsche Zeitung, löste dies „Entsetzen darüber [aus], wie lange die Zuckerindustrie tatsächlich schon die Wahrheit zu ihren Gunsten manipuliert. Und wie weit der Einfluss reicht.

Denn der Artikel, um den es geht, stammt aus der Feder dreier Eliteforscher, die damals an der Harvard University bei Boston lehrten. Es ging um die Frage, ob Zuckerkonsum und Herz-Kreislauf-Erkrankungen miteinander in Zusammenhang stehen. Die Autoren meinten: Nein. Und zeigten stattdessen aufs Fett als den Hauptschuldigen für Herzinfarkt und Schlaganfall.“ Zwei der Autoren erwiesen sich als von der Zuckerlobby gekauft.

Zuckerfrage und Gesundheit

Würde man Bürger befragen, was gefährlicher für die Herzgesundheit ist, der weihnachtliche Gänsebraten oder die paar kleinen Dominosteine zwischendurch, die Antwort fiele wohl deutlich aus. Die Süddeutsche schreibt beinahe resignierend: „Die Lebensmittelindustrie nimmt seit Jahrzehnten massiven Einfluss auf Wissenschaft und Politik. Sie tut es nicht nur in den USA, sondern überall auf der Welt. Auch in Deutschland. Und sie tut es nicht nur in der Zuckerfrage, sondern in allen Bereichen der Ernährung.“

Das mag ja alles richtig sein – aber dennoch schmecken Lebkuchenherzen in dieser Jahreszeit unvergleichlich gut. Sogar vielen Kardiologen.

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