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29.10.2016 | Kardiologie | Nachrichten

Genießen und genesen

Mit Musik Herzfrequenz und Blutdruck senken

Autor:
Dr. med. Ronald D. Gerste

Ob Mozart, Strauss oder ABBA – Musik hat ein therapeutisches Potenzial, das sich positiv auf das Herz auswirken kann. Stille aber auch!

Für die Industrie ist die randomisierte Studie aus Bochum, welche das Ärzteblatt International jüngst veröffentlichte, eine potenziell schlechte Nachricht: Warum teure Lipidsenker oder harntreibende Diuretika schlucken, wenn sanfte Walzerklänge einen therapeutischen Effekt haben? Denn zumindest auf den ersten Blick sprechen die Ergebnisse einer neuen Untersuchung für diese wenig belastende und kostengünstige Alternative.

Kardiologen der Ruhr-Universität Bochum (Marienhospital Herne) setzten 60 Probanden einer wenig invasiven Therapie aus, welche weder oral noch parenteral appliziert wurde, sondern lediglich ein einigermaßen gutes Gehör erforderte: Die Probanden hörten im Studienraum an drei Tagen Musikstücke von Mozart (z. B. die „Symphonie No. 40 in g-Moll“), Strauss (z. B. „An der schönen blauen Donau“) oder ABBA (z. B. „Thank you for the music“) für einen Zeitraum von insgesamt 25 Minuten. Die Kontrollgruppe bekam nichts zu hören – nicht mal den Heulgesang von U2 (eine Karenz, die vielleicht auch positive gesundheitliche Folgen haben mag). Vor und nach dem Musikgenuss – bzw. der Exposition gegenüber Stille – wurden die Herzfrequenz, der Blutdruck und das Serumkortisol gemessen.

Kein Blutdruckeffekt mit ABBA

Die Herzfrequenz sank bei allen drei Musikrichtungen. Der systolische Blutdruck wurde durch die beiden großen Komponisten aus Österreich um durchschnittlich –4,7 mmHg (das Wolferl) und –3,7 mmHg (der Johann) gesenkt. Eine Besonderheit bei ABBA: Der diastolische Blutdruck sank nicht und auch der systolische Blutdruck wurde von den vier Schweden nur um durchschnittliche –1,7 mmHg reduziert. Beim Serumkortisol zogen alle drei Musikrichtungen therapeutisch gesprochen an einem Strang: Die Werte sanken im Mittel um –4,56 µg/dL mit Mozart, um –4,76 µg/dL mit Strauss und um –3,00µg/dL mit ABBA.

Mäßige statistische Signifikanz

Auch wenn die statistische Signifikanz der Ergebnisse verschiedentlich etwas schwachbrüstig war, könnten die Ergebnisse auf einer Wellenlänge mit Erkenntnissen liegen, die unter anderem Leistungssteigerungen bei Athleten und – zumindest anekdotenhaft – von Chirurgen zu berichten wissen. Vor mehreren Jahren wurde die Gefäßdilatation und der Blutdruck in einer Art Duell der Werke Bachs gegen Beethoven getestet – mit Beethoven als deutlichem Verlierer.

In einer Video-Kommentierung der Studie auf Medscape verwies der Münchner Kardiologe Nikolaus Sarafoff darauf hin, dass zu einer erschöpfenderen Beurteilung der kardialen Wirkungen des Musikgenusses vielleicht auch andere Stilrichtungen in die Studienlage einbezogen werden sollten wie Heavy Metal und Rap; auch gelte es zu ermessen, ob der Liedtext einen Effekt haben kann. Wer die Musikszene der 1970er miterlebt hat, mag an einen Hit von Donna Summer als würdiges Testobjekt denken, obwohl „Text“ vielleicht etwas zu viel gesagt ist.

Und Sarafoff verweist auf eine nicht unwesentliche potenzielle Schwachstelle der Publikation: „Aktuell kann man nur sagen, dass der Blutdruck sinkt, wenn man 25 Minuten auf einer Liege liegt.“ Denn der Blutdruck sank auch, nicht ganz überraschend, bei jenen, denen eine solche Zeitspanne in aller Ruhe gewährt wurde – was in unserem Zeitalter permanenter Musikberieselung, ob im Supermarkt, im Aufzug und mancherorts auch im Wartezimmer eine für die Beteiligten durchaus wertzuschätzende Randomisierung gewesen sein dürfte. 

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