Nachrichten 22.06.2017

Ersthelfer-App soll Zeit bis zur Herzdruckmassage verkürzen

Kann die kardiopulmonale Reanimation außerhalb des Krankenhauses mit Hilfe einer Ersthelfer-App optimiert werden? In einem Pilotprojekt der European Heart Rhythm Association (EHRA) am UKSH Lübeck sind die Erfahrungen gut. Jetzt sollen andere Regionen folgen.

Neun Minuten dauert es in Europa im Durchschnitt, bis nach einem Notruf bei einem kollabierten Patienten der Rettungsdienst vor Ort ist. Im Falle des plötzlichen Herztods ist das eine lange Zeit. Jede Minute früherer Beginn einer Reanimation beim plötzlichen Herztod erhöht die Überlebenswahrscheinlichkeit um relativ 10 Prozent.

Per GPS werden Ersthelfer zum Notfallort gelotst

Braucht der Rettungsdienst länger als wenige Minuten, dann ist der Patient ohne effektive Laienreanimation zur Überbrückung in vielen Fällen nicht mehr zu retten. Eine Laienreanimation findet aber nur in maximal 30 bis 60 Prozent der Fälle statt. Oft sind Zeugen eines solchen Notfalls nicht in effektiver Reanimation geschult. Und umgekehrt bekommen Menschen, die wissen, wie reanimiert wird, derartige Ereignisse nicht zwangsläufig mit, auch wenn sie in unmittelbarer Nachbarschaft passieren.

Hier setzt die EHRA First Responder App an, in ihrer deutschen Version auch „Ersthelfer-App“ genannt. Es handelt sich um ein gemeinsames Projekt der EHRA mit dem Universitätsklinikum Schleswig-Holstein, der Universität Lübeck und weiteren Partnern. Die Idee ist, dass professionelle Ersthelfer oder gut trainierte Laien, die sich freiwillig dafür registrieren, mit einer solchen App ausgestattet werden.

Geht ein Notruf bei der Leitstelle ein, wird nicht nur der Rettungswagen in Marsch gesetzt, sondern es werden über die App auch Ersthelfer kontaktiert, die sich gerade zufällig in der Nähe befinden. Das passiert automatisch, und die Lokalisation läuft über GPS. Der Ersthelfer, der sich zuerst meldet, wird von der App dann zum Ort des Notfalls dirigiert und kann dort die Reanimation beginnen, bis der Notarzt oder Rettungsdienst eintrifft. Andere Ersthelfer werden gefragt, ob sie von einem Defibrillator in der Nähe wissen, der eventuell zum Notfallort gebracht werden könnte.

„Die Menschen wollen helfen“

In einem Pilotprojekt im Raum Lübeck wurden in den letzten Monaten über 650 Ersthelfer mit einer solchen App ausgestattet. „Teilnehmer zu rekrutieren, war überhaupt kein Problem, denn die Menschen wollen helfen“, sagte Dr. Christian Elsner, Geschäftsführer des UKSH, Campus Lübeck und auch Mitglied im EHRA-Vorstand. Sieben von zehn Ersthelfern haben eine medizinische Ausbildung. Der Rest verpflichtet sich, alle zwei Jahre ein Reanimationstraining zu absolvieren.

Mittlerweile gibt es Erfahrungen mit rund zehn „Echteinsätzen“. Dabei zeigte sich, dass es in jedem dritten Fall gelang, einen Ersthelfer mehr als drei Minuten vor dem Rettungsdienst am Ort zu haben. Im nächsten Schritt sollen jetzt weitere Rettungsdienste in Deutschland und anderen europäischen Ländern beteiligt werden, um größere Patientenzahlen zu erreichen. Ziel ist es, die Rate der Laienreanimationen um 70 bis 90 Prozent zu steigern. „Die Software hat eine Standardschnittstelle, die eine Anbindung der meisten in Europa üblichen Rettungsdienst-Systeme erlaubt“, so Elsner. Zum „Paket“ für die teilnehmenden Ersthelfer zählt auch eine Versicherung.

Literatur

ESC Pressemeldung vom 19. Juni 2017, Smartphone App Directs First Responders to Cardiac Arrest Three Minutes Before Ambulance

Mehr Informationen: www.firstresponderapp.com

Zurzeit meistgelesene Artikel

Highlights

STEMI – mein Alptraum – aus Fehlern lernen

Prof. Dr. Christoph Liebetrau, UK Heidelberg

Erstes Antidot gegen Faktor-Xa-Hemmer jetzt in Deutschland verfügbar

Andexanet-alfa, das erste in der EU zugelassene Faktor-Xa-Inhibitor-Antidot zur Behandlung lebensbedrohlicher Blutungen bei Antikoagulation mit  Rivaroxaban oder Apixaban, ist seit dem 1. September verfügbar, teilt die Portola Deutschland GmbH mit

Neuartiger Lipidsenker besteht Test in erster Phase-III-Studie

Über positive „Top Line“-Ergebnisse  der ersten Phase-III-Studie zur Wirksamkeit und Sicherheit des innovativen Cholesterinsenkers Inclisiran  informiert aktuell der Hersteller. Im Detail wird die Studie in Kürze beim europäischen Kardiologenkongress vorgestellt.

Aus der Kardiothek

Auffälliges MRT bei 33-Jähriger – wie lautet Ihre Diagnose?

Ausgeprägtes „Late Gadolinium Enhancement“ (LGE) im MRT bei einer 33-jährigen Patientin, die mit ventrikulärer Tachykardie und eingeschränkter linksventrikulärer Ejektionsfraktion (LVEF) aufgenommen wurde. Wie lautet Ihre Diagnose?

Risikoadjustierter Vergleich zwischen transapikaler TAVI und chirurgischem Aortenklappenersatz

PD Dr. Peter Stachon, UK Freiburg – Sprecher
vs. 
Prof. Rüdiger Autschbach, UK Aachen – Diskutant

Live Cases

Kontroverser Fall: So kann man wiederkehrendes Vorhofflimmern auch behandeln

Ein Patient leidet an wiederkehrendem Vorhofflimmern. Das Team um Prof. Boris Schmidt entscheidet sich für eine ungewöhnliche Strategie: die Implantation eines endokardialen Watchmann-Okkluders, um den linken Vorhof zu isolieren. Das genaue Prozedere sehen Sie hier. 

Spezielle Katheterablations-Strategie bei ausgeprägtem Narbengewebe

Die ventrikuläre Tachykardie eines 54-jährigen Patienten mit zurückliegendem Hinterwandinfarkt soll mit einer Katheterablation beseitigt werden. Prof. Thomas Deneke entscheidet sich für eine unkonventionelle Strategie und erläutert wie das CT  in solchen Fällen helfen kann. 

Komplizierte Mehrgefäß-KHK bei einem jungen Patienten

Mehrere komplexe Stenosen bei einem 46-jährigen Patienten erfordern ein strategisch sinnvolles Vorgehen. Wofür sich das Team um PD Dr. Hans-Jörg Hippe vom Universitätsklinikum Schleswig-Holstein Klinik entschieden hat, erfahren Sie in diesem Livecase. 

Bildnachweise
Vortrag von Ch. Liebetrau/© DGK 2019
Vortrag von M. Kreußer/© DGK 2019
Late Gadolineum Enhancement im MRT/© S. Achenbach (Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg)
Diskussion P. Stachon vs. R. Autschbach/© DGK 2019
Vortrag von T. Schmidt/© DGK 2019
DGK Herztage 2018 - Interview Prof. Dr. Boris Schmidt
Vortrag Prof. Dr. Thomas Deneke - Jahrestagung DGK 2018/© DGK 2018
Vortrag Priv.-Doz. Dr. Hans-Jörg Hippe Jahrestagung DGK 2018/© DGK