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22.06.2017 | Kardiologische Notfälle | Nachrichten

Reanimation außerhalb des Krankenhauses

Ersthelfer-App soll Zeit bis zur Herzdruckmassage verkürzen

Autor:
Philipp Grätzel

Kann die kardiopulmonale Reanimation außerhalb des Krankenhauses mit Hilfe einer Ersthelfer-App optimiert werden? In einem Pilotprojekt der European Heart Rhythm Association (EHRA) am UKSH Lübeck sind die Erfahrungen gut. Jetzt sollen andere Regionen folgen.

Neun Minuten dauert es in Europa im Durchschnitt, bis nach einem Notruf bei einem kollabierten Patienten der Rettungsdienst vor Ort ist. Im Falle des plötzlichen Herztods ist das eine lange Zeit. Jede Minute früherer Beginn einer Reanimation beim plötzlichen Herztod erhöht die Überlebenswahrscheinlichkeit um relativ 10 Prozent.

Per GPS werden Ersthelfer zum Notfallort gelotst

Braucht der Rettungsdienst länger als wenige Minuten, dann ist der Patient ohne effektive Laienreanimation zur Überbrückung in vielen Fällen nicht mehr zu retten. Eine Laienreanimation findet aber nur in maximal 30 bis 60 Prozent der Fälle statt. Oft sind Zeugen eines solchen Notfalls nicht in effektiver Reanimation geschult. Und umgekehrt bekommen Menschen, die wissen, wie reanimiert wird, derartige Ereignisse nicht zwangsläufig mit, auch wenn sie in unmittelbarer Nachbarschaft passieren.

Hier setzt die EHRA First Responder App an, in ihrer deutschen Version auch „Ersthelfer-App“ genannt. Es handelt sich um ein gemeinsames Projekt der EHRA mit dem Universitätsklinikum Schleswig-Holstein, der Universität Lübeck und weiteren Partnern. Die Idee ist, dass professionelle Ersthelfer oder gut trainierte Laien, die sich freiwillig dafür registrieren, mit einer solchen App ausgestattet werden.

Geht ein Notruf bei der Leitstelle ein, wird nicht nur der Rettungswagen in Marsch gesetzt, sondern es werden über die App auch Ersthelfer kontaktiert, die sich gerade zufällig in der Nähe befinden. Das passiert automatisch, und die Lokalisation läuft über GPS. Der Ersthelfer, der sich zuerst meldet, wird von der App dann zum Ort des Notfalls dirigiert und kann dort die Reanimation beginnen, bis der Notarzt oder Rettungsdienst eintrifft. Andere Ersthelfer werden gefragt, ob sie von einem Defibrillator in der Nähe wissen, der eventuell zum Notfallort gebracht werden könnte.

„Die Menschen wollen helfen“

In einem Pilotprojekt im Raum Lübeck wurden in den letzten Monaten über 650 Ersthelfer mit einer solchen App ausgestattet. „Teilnehmer zu rekrutieren, war überhaupt kein Problem, denn die Menschen wollen helfen“, sagte Dr. Christian Elsner, Geschäftsführer des UKSH, Campus Lübeck und auch Mitglied im EHRA-Vorstand. Sieben von zehn Ersthelfern haben eine medizinische Ausbildung. Der Rest verpflichtet sich, alle zwei Jahre ein Reanimationstraining zu absolvieren.

Mittlerweile gibt es Erfahrungen mit rund zehn „Echteinsätzen“. Dabei zeigte sich, dass es in jedem dritten Fall gelang, einen Ersthelfer mehr als drei Minuten vor dem Rettungsdienst am Ort zu haben. Im nächsten Schritt sollen jetzt weitere Rettungsdienste in Deutschland und anderen europäischen Ländern beteiligt werden, um größere Patientenzahlen zu erreichen. Ziel ist es, die Rate der Laienreanimationen um 70 bis 90 Prozent zu steigern. „Die Software hat eine Standardschnittstelle, die eine Anbindung der meisten in Europa üblichen Rettungsdienst-Systeme erlaubt“, so Elsner. Zum „Paket“ für die teilnehmenden Ersthelfer zählt auch eine Versicherung.

Literatur