Skip to main content
main-content

06.12.2018 | Kardiologische Notfälle | Nachrichten

Ungewöhnlicher Fallbericht

Herzstillstand unter Wasser – an welches Syndrom Sie bei Tauchern denken sollten

Autor:
Veronika Schlimpert

Ein vollkommen gesunder 73-jähriger Mann erleidet beim Tauchen einen Herzstillstand. Der Auslöser war ein als harmlos geltendes Syndrom, das aber lebensbedrohliche Folgen haben kann.

Dieser Herzstillstand kam völlig unerwartet und in einer sehr ungewöhnlichen Situation. Ein 73-jähriger Mann verliert während eines Tauchganges plötzlich sein Bewusstsein. Der geübte Sporttaucher hatte an einem Rettungstaucherkurs am Gardasee teilgenommen.  Der Vorfall passierte in sechs Meter Wassertiefe.

Der Mann überlebte den Herzstillstand ohne neurologische Komplikationen. Zu verdanken hatte er sein Überleben dem beherzten Eingreifen der anderen Kursteilnehmer, die ihn sofort an Land brachten und eine kardiopulmonale Reanimation unter Hinzunahme eines automatisierten externen Defibrillators (AED) einleiteten. Ein glücklicher Umstand war, dass die Teilnehmer derartige Notfallsituationen im Rahmen des Kurses ausführlich geübt hatten. Nach Epinephrin-Gabe stellte sich der Spontankreislauf des Patienten ein.   

Der Mann war völlig gesund

Der Mann hatte keinerlei kardio- oder zerebrovaskuläre Vorerkrankungen. Er nahm keine Medikamente ein und litt auch an keinen prodromalen Beschwerden wie Brustschmerz, Palpitationen usw.

Die Notärzte und auch die Ärzte des regionalen Krankenhauses tappten im Dunkeln, welcher Auslöser für den Herzstillstand verantwortlich war. Das 12-Kanal-EKG zeigte keine Auffälligkeiten, Vitalzeichen wie Herz- und Atemfrequenz, Blutdruck wie SO₂ waren ebenfalls unauffällig. Die im Krankenhaus durchgeführte Diagnostik mit EKG, Echokardiografie und CT brachte ebenfalls keine Ursache zutage, selbst eine CT-Angiografie blieb ergebnislos.

Der Patient wurde daraufhin in die Universitätsklinik nach Innsbruck überwiesen. Nach Rekonstruktion der Ereignisse schöpften die Ärzte um Dr. Frank Hartig einen Verdacht. Vielleicht hatte der eng am Hals des Patienten anliegende Neoprentauchanzug beim Eintauchen ins Wasser zu einer Irritation der im Karotissinus liegenden Barorezeptoren geführt.

„Als Ursache bisher unterschätzt“

Eine Hyperreagibilität des Karotissinus wird als Karotissinussyndrom bezeichnet. In der Folge kann es zu einer Bradykardie, kurzfristigen Asystolie und/oder einem Blutdruckabfall kommen. Das Syndrom ist vor allem bei älteren Menschen recht häufig (bei bis zu 41% der über 80-Jährigen), es wird allgemeinhin aber als harmlos erachtet.

Allerdings wird das Karotissinussyndrom nach Ansicht der Innsbrucker Ärzte „als Ursache für einen plötzlichen Bewusstseinsverlust womöglich unterschätzt“. Das Syndrom könne eine Synkope bis hin zu einem Herzstillstand hervorrufen, schreiben sie im Case Report des „European Heart Journals“. Ein spezielles Risiko gehe von Sportarten aus, die im Wasser oder in Höhenlagen ausgeübt werden wie Sporttauchen, Schwimmen, Fliegen oder Klettern.

Bestätigen lässt sich die Verdachtsdiagnose durch eine Karotissinusmassage. Dieser Test hatte auch bei dem Mann eine entsprechende Reaktion ausgelöst: Sinusarrest von mehr als 6 Sekunden und einen plötzlich einsetzenden Bewusstseinsverlust, sein Blutdruck blieb allerdings unverändert. „Unseres Wissens ist das der erste Fallbericht, in dem ein Patient unter Wasser aufgrund eines Karotissinussyndroms einen Herzstillstand erlitten hat“, berichten die Innsbrucker Ärzte.

Solche Ereignisse wären vermeidbar...

Sie entschieden sich, dem Patienten einen elektrodenlosen Minischrittmacher (MICRA TPS-System) zu implantieren, da sie annahmen, dass dieser den Druckverhältnissen unter Wasser besser standhält und bei sportlichen Aktivitäten ein geringeres Komplikationsrisiko birgt als herkömmliche Mehrkammer-Schrittmacher.

Der Mann blieb tatsächlich beschwerdefrei, als man während zweier Tauchtestgänge im warmen und kalten Wasser sowie in 5 und 12 Meter Tiefe seinen Karotissinus stimuliert hatte. Wie die Herzfrequenz-Aufzeichnungen zeigen, hatte der implantierte Schrittmacher einen Abfall der Herzfrequenz und eine beginnende Asystolie verhindern können. Der Patient durfte daraufhin wieder Tauchen gehen und erlitt auch danach keine weiteren Komplikationen während der Ausübung seiner zahlreichen sportlichen Aktivitäten.

...wenn man Taucher entsprechend untersucht

Hier habe man das erste Mal beobachten können, dass ein elektrodenloser Schrittmacher unter Wasser ordnungsgemäß funktioniert und Synkopen beim Sporttauchen verhindern könne, heißt es in dem Fallbericht. Die Innsbrucker Ärzte weisen aber darauf hin, dass das MICRA TPS-System wie auch die meisten anderen Schrittmacher-Systeme nicht offiziell für den Einsatz beim Sporttauchen zertifiziert sind. Deren Eignung und Sicherheit unter solch hyperbaren  Bedingungen müssten daher in künftigen Studien untersucht werden.  

Dieser Fallbericht ist aber nicht nur aus medizinischer Sicht interessant, er könnte auch praktische Konsequenzen nach sich ziehen. Bisher empfehlen die ESC-Leitlinien eine Karotissinusmassage nämlich nur bei über 40-jährigen Patienten, die eine unklar Synkope erlitten haben (Klasse 1). Fällt dieser Test positiv aus, kann eine Schrittmacher-Implantation erwogen werden (Klasse IIa). Hartig und Kollegen sind allerdings der Meinung, dass ein solcher Test bei Sporttauchern oder anderen Athleten, die Sportarten mit einem entsprechenden Risiko ausüben, als Screening-Maßnahme in Betracht gezogen werden sollte, insbesondere bei älteren Sportlern.

Literatur

Zurzeit meistgelesene Artikel

Highlights

05.12.2018 | DGK Herztage 2018 | Highlights | Video

So führen Sie Sonden-Extraktionen erfolgreich durch

Eine Sonden-Explantation ist nicht einfach, vor allem, weil die Patienten immer älter und kränker werden. Mit welchen Hilfsmitteln Sie die Prozedur trotzdem erfolgreich durchführen können, erklärt Prof. Michael Knaut.

04.12.2018 | DGK Herztage 2018 | Highlights | Video

Knifflige Situationen nach Sonden-Extraktionen

Was tun, wenn bei Anzeichen einer Sonden-Infektion kein Erreger nachweisbar ist. Und was macht man, wenn nach der Explantation Überbleibsel (Ghosts) zu sehen sind?  Dr. Götz Buchwalsky erklärt den richtigen Umgang mit solchen Problemsituationen. 

Aus der Kardiothek

05.12.2018 | DGK Herztage 2018 | Highlights | Video

So führen Sie Sonden-Extraktionen erfolgreich durch

Eine Sonden-Explantation ist nicht einfach, vor allem, weil die Patienten immer älter und kränker werden. Mit welchen Hilfsmitteln Sie die Prozedur trotzdem erfolgreich durchführen können, erklärt Prof. Michael Knaut.

04.12.2018 | DGK Herztage 2018 | Highlights | Video

Knifflige Situationen nach Sonden-Extraktionen

Was tun, wenn bei Anzeichen einer Sonden-Infektion kein Erreger nachweisbar ist. Und was macht man, wenn nach der Explantation Überbleibsel (Ghosts) zu sehen sind?  Dr. Götz Buchwalsky erklärt den richtigen Umgang mit solchen Problemsituationen. 

09.11.2018 | DGK Herztage 2018 | Highlights | Video

Sollte jede nicht-aktive Sonde explantiert werden?

Es kann gefährlich sein, stillgelegte Sonden nicht sofort zu entfernen. Aber nicht bei jedem Patienten ist eine frühe Explantation sinnvoll. Was Prof. Thomas Blum empfiehlt, hören Sie in diesem Vortrag.

Kontroverser Fall: So kann man wiederkehrendes Vorhofflimmern auch behandeln

DGK Herztage 2018 - Interview Prof. Dr. Boris Schmidt

Ein Patient leidet an wiederkehrendem Vorhofflimmern. Das Team um Prof. Boris Schmidt entscheidet sich für eine ungewöhnliche Strategie: die Implantation eines endokardialen Watchmann-Okkluders, um den linken Vorhof zu isolieren. Das genaue Prozedere sehen Sie hier. 

Spezielle Katheterablations-Strategie bei ausgeprägtem Narbengewebe

Vortrag Prof. Dr. Thomas Deneke - Jahrestagung DGK 2018

Die ventrikuläre Tachykardie eines 54-jährigen Patienten mit zurückliegendem Hinterwandinfarkt soll mit einer Katheterablation beseitigt werden. Prof. Thomas Deneke entscheidet sich für eine unkonventionelle Strategie und erläutert wie das CT  in solchen Fällen helfen kann. 

Komplizierte Mehrgefäß-KHK bei einem jungen Patienten

Vortrag Priv.-Doz. Dr. Hans-Jörg Hippe Jahrestagung DGK 2018

Mehrere komplexe Stenosen bei einem 46-jährigen Patienten erfordern ein strategisch sinnvolles Vorgehen. Wofür sich das Team um PD Dr. Hans-Jörg Hippe vom Universitätsklinikum Schleswig-Holstein Klinik entschieden hat, erfahren Sie in diesem Livecase. 

Bildnachweise