Nachrichten 16.06.2022

Kann i.v.-Flüssigkeitsgabe einen Herzkollaps verhindern?

Aktuelle Leitlinien empfehlen, kritisch kranken Patientinnen und Patienten, die endotracheal intubiert werden müssen, Flüssigkeit i.v. zu geben, um einen Herzkollaps zu vermeiden. Doch diese Maßnahme bringt einer aktuellen randomisierten Studie zufolge offenbar gar nichts.

Eine endotracheale Intubation bei kritisch Kranken birgt Risiken. Nicht selten fällt der Blutdruck der Patienten nach Einführung des Tubus stark ab, das kann zum Herzstillstand und Tode führen. Um einen solchen „Herzkollaps“ zu vermeiden, raten internationale Leitlinien während einer Trachealintubation zu einer intravenösen Flüssigkeitsinfusion. In der Praxis umgesetzt wird das Studien zufolge bei etwa 40 bis 50% aller notfallmäßig durchgeführten Trachealintubationen. Doch bringt eine prophylaktische Flüssigkeitsgabe in dieser Indikation überhaupt etwas?   

Wider erwartend offenbar nicht, wie eine randomisierte Multicenterstudie aus den USA jetzt gezeigt hat. Bei kritisch kranken Patientinnen und Patienten, deren Atemwege durch einen Endotrachealtubus gesichert wurden, hat eine i.v. Flüssigkeitsgabe in dieser Studie keine Abnahme von Herzkollapsen bewirkt.

500 ml-Flüssigkeitsbolus i.v. als präventive Maßnahme

In der PREPARE II-Studie wurden 1.067 kritisch kranke Patientinnen und Patienten, deren Atemwegen wegen einer geplanten Narkose und Überdruckbeatmung durch eine endotracheale Intubation gesichert werden mussten, randomisiert: Eine Hälfte erhielt im Zuge der Intubation einen 500 ml-Flüssigkeitsbolus i.v. (als isotone kristalloide Lösung), die andere Hälfte bekam keine solche Infusion (es sei denn, sie entwickelten eine Hypotonie und eine Flüssigkeitsgabe wurde als notwendig erachtet). 

Kollaps-Risiko nicht reduziert

Primärer Endpunkt war das Auftreten eines kardiovaskulären Kollaps: definiert als Abfall des systolischen Blutdrucks auf ˂ 65 mmHg oder eine neue initiierte bzw. eskalierte Vasopressor-Therapie in der Zeit zwischen Narkosebeginn bis zwei Minuten nach Intubation oder ein Herzstillstand/Todesfall zwischen Narkosebeginn bis eine Stunde nach der Trachealintubation.  

Einen solchen „Kollaps“ erlitten 21,0% der Patienten, die eine Flüssigkeitsinfusion erhalten hatten, und 18,2% der Patienten ohne eine solche Maßnahme (p=0,25). Während der kommenden 28 Tage verstarben entsprechend 40,5% vs. 42,3% der Patientinnen und Patienten (p=0,55). Auch in keiner der präspezifizierten Subgruppen hatte die vorsorgliche Flüssigkeitsgabe in Bezug auf die Kollaps-Rate einen signifikanten Nutzen gebracht.

Frühere Studie mit ähnlichem Ausgang

Wie die Autoren der aktuellen Studie um Dr. Derek Russell, Birmingham, ausführen, ist die PREPARE II-Studie nicht die einzige randomisierte Studie, die den Nutzen einer i.v.-Flüssigkeitstherapie im Kontext einer endotrachealen Intubation untersucht hat. Die 2019 publizierten PrePARE-Studie mit insgesamt 337 Patienten hatte sich mit derselben Fragenstellung beschäftigt. Auch in dieser Studie konnte eine vorsorgliche Flüssigkeitsinfusion das Risiko für einen Herzkollaps nicht verringern, jedenfalls nicht in der Gesamtkohorte. In der Subgruppe von Patienten, die künstlich beatmet wurden, hatte die Flüssigkeitsgabe tatsächlich einen Effekt (Odds Ratio im Falle einer Beutelbeatmung: 0,61; p=0,03; OR bei nicht invasiver Beatmung: 0,51; p=0,008). Ein entsprechender Nutzen für diese spezifische Patientengruppe hat sich in der PREPARE-II-Studie allerdings nicht gezeigt.

Nach Ansicht der Autoren ist die bisherige Evidenz damit ziemlich eindeutig: Die Gabe eines 500 ml-Flüssigkeitsbolus während einer Trachealintubation von kritisch kranken Patienten hat keine Auswirkungen auf die Herzkollaps-Inzidenz. Wie die Intensivmediziner betonen, wurde in der Studie der Nutzen eines i.v.-Flüssigkeitsbolus als präventive Maßnahme untersucht. Die Ergebnisse sagen deshalb nichts über die Wirksamkeit einer Flüssigkeitssubstitution zur Behandlung einer bereits vorhandenen Hypotension aus.

Literatur

Russell D et al. Effect of Fluid Bolus Administration on Cardiovascular Collapse Among Critically Ill Patients Undergoing Tracheal Intubation. A Randomized Clinical Trial. JAMA 2022; doi:10.1001/jama.2022.9792

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