Nachrichten 05.08.2022

Synkopen: Wie hoch ist das Unfallrisiko wirklich?

Fahrverbote bei Synkopen können Unfälle verhindern, sind aber auch belastend für die Betroffenen. In einer Studie wurde jetzt das Risiko von Personen mit Synkopen und das von anderen Patienten und Patientinnen der Notaufnahme verglichen.

Studien weisen darauf hin, dass Synkopen mit einem gesteigerten Risiko für Verkehrsunfälle einhergehen. Meist dienten Personen aus der Allgemeinbevölkerung als Kontrollgruppe. Kanadische Forschende haben jetzt herausgefunden, dass an Synkopen Erkrankte nicht häufiger in Autounfälle verwickelt waren als Menschen, die aus anderen Gründen die Notaufnahme aufgesucht hatten.

Einbezogen wurden mehr als 9.000 kanadische Patientinnen und Patienten, die sich aufgrund der ersten Episode einer Synkope in einer von sechs Notaufnahmen vorgestellt hatten, sowie mehr als 34.000 Kontrollpersonen, die wegen anderer Erkrankungen dort gewesen waren. Jeder Person mit Synkope wurden vier gleichaltrige Kontrollen mit gleichem Geschlecht zugeordnet, die im selben Monat in die Notaufnahme gekommen waren. Anhand von Versicherungsdaten wurde die Anzahl ihrer Verkehrsunfälle im folgenden Jahr verglichen.

Erhöhtes Risiko auch bei anderen Erkrankungen

Im Jahr nach dem Besuch der Notaufnahme hatten 9,2% der Personen mit Synkopen und 10,1% der anderen Erkrankten einen Autounfall, was keinen signifikanten Unterschied ergab. In den ersten 30 Tagen nach dem Aufenthalt in der Notaufnahme war das Unfallrisiko der von Synkopen Betroffenen im Vergleich zur Kontrollgruppe nicht signifikant erhöht, auch nicht bei Risikogruppen wie Senioren, Personen mit kardial bedingten Synkopen oder einem mittleren bis hohen Risiko für auf Synkopen folgende unerwünschte Ereignisse (definiert als ≥ 1 auf dem Canadian Syncope Risk Score).

„Strengere Fahrverbote nach einer Synkope sind möglicherweise nicht gerechtfertigt“, so die Forschenden um Dr. John Staples von der University of British Columbia in Vancouver. In einem begleitenden Kommentar schreiben Prof. Cary Gross von der Yale School of Medicine in New Haven et al., dass das nicht heiße, dass die Patienten und Patientinnen jetzt freie Fahrt hätten. Denn das Unfallrisiko sowohl der Synkopen- als auch der Kontrollgruppe mit anderen Erkrankungen war im Vergleich zur Allgemeinbevölkerung um 50% erhöht, mit Raten von 13,2 bzw. 12,2 gegenüber 8,2 Unfällen pro 100 Fahrerjahre.

Wie lassen sich Gefährdete identifizieren?

„Die größere Frage, die durch diese Ergebnisse aufgeworfen wird, ist, wie Personen identifiziert werden können, die möglicherweise ein erhöhtes Risiko für Verkehrsunfälle haben, wenn sie nach einem Besuch in der Notaufnahme und vielleicht auch nach anderen akuten Erkrankungen fahren“, ergänzen Gross et al. Es sei nicht praktikabel, allen aus der Notaufnahme entlassenen Erkrankten mitzuteilen, dass sie nicht Auto fahren könnten. „Unsere Aufgabe ist es, Daten zu sammeln, um klarere Vorgaben zu entwickeln und für die Sicherheit von Patienten und Patientinnen sowie anderen Verkehrsteilnehmenden zu sorgen“, schließen sie.

Literatur

Staples J et al. Syncope and the Risk of Subsequent Motor Vehicle Crash. A Population-Based Retrospective Cohort Study. JAMA Internal Medicine 2022. https://doi.org/10.1001/jamainternmed.2022.2865

Gross C et al. Driving Safety After an Acute Illness—This Is Our Lane. JAMA Internal Medicine 2022. https://doi.org/10.1001/jamainternmed.2022.2874

Highlights

Kardiothek

Alle Videos der Kongressberichte, Interviews und Expertenvorträge zu kardiologischen Themen. 

Corona, COVID-19 & Co.

Aktuelle Meldungen zu SARS-CoV-2 bzw. zu der Lungenkrankheit COVID-19 finden Sie in diesem Dossier.

Aktuelles und Neues aus der Kardiologie

Schlaganfall: Spezielle Strategie verbessert neurologische Prognose

Das Prinzip der „ischämischen Fernkonditionierung“ kommt ursprünglich aus der Herzmedizin, und hat hier in den letzten Jahren eher enttäuscht. Nun liefert eine randomisierte Studie Hinweise, dass das Konzept bei Schlaganfallpatienten funktionieren könnte.

Ticagrelor plus ASS: Mehr offene Venengrafts nach Bypass-OP

Eine duale Plättchenhemmung mit Ticagrelor plus ASS beugt Venengraftverschlüssen nach aortokoronarer Bypass-Operation besser vor als ASS allein, ergab jetzt eine Metaanalyse. Die höhere Effektivität hat aber ihren Preis.

Wie gefährlich ist (Wettkampf-)Sport bei Long-QT?

Menschen mit einem Long-QT-Syndrom wird von intensiverem Sport üblicherweise abgeraten. Eine französische Kohortenstudie deutet nun an, dass ein solch restriktiver Umfang nicht unbedingt vonnöten ist – doch die Sicherheit scheint an bestimmte Voraussetzungen geknüpft zu sein.

Aus der Kardiothek

Herzinsuffizienz: Optimal-Medikamentöse-Therapie (OMT), und ... was noch?

Medikamente sind die Eckpfeiler einer adäquaten Herzinsuffizienztherapie. Darüber hinaus gibt es zusätzliche Optionen, die für manche Patienten eine Lösung darstellen können. Anhand von Fallbeispielen erläutert Dr. med. Andreas Rieth welche das sind.

Digitale Kardiologie anno 2022 – von Zukunftsvisionen bis sinnvollem Einsatz im Alltag

Die digitale Kardiologie ist nicht nur ein Trend, sie eröffnet eine realistische Chance, die Versorgung von Patientinnen und Patienten zu verbessern. Dr. med. Philipp Breitbart gibt Tipps für den Einsatz solcher Devices im Alltag.

Muss eine moderne Herzinsuffizienztherapie geschlechtsspezifisch sein?

Medikamente wirken bei Frauen oft anders als bei Männern. Dr. med. Jana Boer erläutert, wie sich diese Unterschiede auf die pharmakologische Herzinsuffizienztherapie auswirken, und was Sie dabei beachten sollten.

Kardiothek/© kardiologie.org
Corona/© Naeblys / Getty images / iStock
kardiologie @ home/© BNK | Kardiologie.org