Skip to main content
main-content

25.10.2016 | Kardiologische Notfälle | Nachrichten

Herzstillstand außerhalb der Klinik

Verlängerte Reanimation – bei welchen Patienten sinnvoll?

Autor:
Veronika Schlimpert

Nach einer gewissen Reanimationszeit sinken die Chancen für Patienten einen Herzstillstand noch mit Erhalt der Funktionalität zu überleben. In gewissen Situationen ist es aber nicht aussichtslos, weiter zu reanimieren, wie eine große Kohortenstudie nun verdeutlicht.

Erleiden Patienten außerhalb der Klinik einen Herzstillstand, ist man sich uneins, wie lange ein Reanimationsversuch fortgesetzt werden sollte bzw. wann man die Wiederbelebung abbrechen kann. So empfehlen einige Leitlinien, mindestens 20 Minuten lang zu reanimieren. Andere wiederum legen nahe, nach drei Zyklen der kardiopulmonalen Reanimation und nach einer Rhythmusanalyse ein strukturiertes Assessment vorzunehmen; beispielsweise kann ein Rettungssanitäter über einen Abbruch der Reanimation nachdenken, wenn die Kreislauffunktion eines Patienten vor dem Transport in eine Klinik nicht spontan wiederkehrt. Wieder andere Leitlinien geben keine konkreten Empfehlungen hinsichtlich der Reanimationsdauer und überlassen dem Arzt einen Ermessensspielraum, wie in einem konkreten Fall vorgegangen werden sollten.

Wiederbelebungsversuche dauerten im Schnitt 20 Minuten

Kanadische Wissenschaftler wollte angesichts dieser Diskussionen herausfinden, wie die Reanimationsdauer mit der Wahrscheinlichkeit zusammenhängt, dass ein Patient nach einem Herzstillstand seine körperliche und geistige Funktionalität erhält. Dafür haben sie Daten von über 11.000 Patienten der ROC- und PRIMED-Studie aus verschiedenen Zentren in den USA retrospektiv ausgewertet.

Bei 35,4% ist der Kreislauf durch die Reanimation spontan zurückgekehrt, 10,8% haben den Klinikaufenthalt überlebt und 8% taten dies in einem guten funktionellen Status (gemessen an der modifizierten Ranking Skala [mRS] 0–3).

Die mittlere Reanimationsdauer betrug 20 Minuten, 13,5 Minuten bei den Patienten, deren Kreislauf spontan wiederkehrte, 23,4 Minuten bei denen, wo dies nicht der Fall war. 

Dauer und Outcome korrelieren

Je länger die Reanimation dauerte, desto unwahrscheinlicher war es, dass die Patienten die Klinik in einem guten funktionellen Status verließen. So erlangten 99% der Patienten, die mit einem guten funktionellen Outcome überlebten, eine spontane Rückkehr ihrer Kreislauffunktionen innerhalb der ersten 37 Minuten einer Reanimation; in den ersten 20 Minuten traf dies auf 90% der Patienten zu. 

Größere Chancen unter gewissen Bedingungen

Allerdings war der Zusammenhang zwischen Reanimationsdauer und Überleben mit Erhalt der Funktionalität abhängig von der Situation und Patientencharakteristika. So war es bei Patienten mit schockbarem Rhythmus, einem Herzstillstand in Anwesenheit von anderen Personen, einer kurzen Dauer zwischen Kreislaufstillstand und Beginn einer professionellen Reanimation und bei Patienten, die eine Laienreanimation erhalten hatten, wahrscheinlicher, dass sie auch nach einem längeren Wiederbelebungsversuch (30 bis 40 Minuten) in gutem funktionellem Status überlebten. In diesen Fällen erscheine eine verlängerte Reanimation sinnvoll, schreiben die Studienautoren um Joshua Reynolds von der Universität British Columbia in Vancouver. Dabei scheine ein schockbarer Rhythmus der beste prognostische Indikator zu sein. 

Reanimationszeit nicht als Kriterium für den Abbruch

Der längste Reanimationsversuch, nach dem ein Patient mit Erhalt der Funktionalität überlebt hatte, dauerte 47 Minuten. Da allerdings nur wenige Daten zu noch längeren Wiederbelebungsbemühungen vorliegen, lässt sich anhand dessen nicht sagen, ob eine längere Reanimation noch Sinn macht.

Eine allgemein akzeptierte Definition der „medizinischen Sinnlosigkeit („medical futility“) stellt nach Angaben der Studienautoren eine Erfolgswahrscheinlichkeit von unter 1% dar. Hätte man in dieser Studie an diesem Punkt ein hypothetisches Ende gesetzt, also nach 12 Minuten bei nicht-schockbarem Rhythmus oder 17 Minuten bei einem Herzstillstand ohne Anwesende, wären entsprechend 23% und 16% der Studienpatienten rausgefallen, die letztlich in einem guten funktionellen Status überlebt haben, geben die Studienautoren zu bedenken. 

Alles in allem würden diese Daten also dagegen sprechen, allein die Reanimationsdauer als ad hoc-Kriterium heranzuziehen, ein Wiederbelebungsversuch, der nicht zu einer Wiederherstellung des Kreislaufes führt, vorzeitig abzubrechen, so das Fazit von Reynolds und Kollegen.
Darüber hinaus lasse sich auch nicht klären, wie es den Patienten mit spontaner Rückkehr der Kreislauffunktion ergangen wäre, wenn die Reanimation länger als die im Schnitt üblichen 23,4 Minuten gedauert hätte.

Literatur

Das könnte Sie auch interessieren

01.09.2015 | Nachrichten | Onlineartikel

Wiederbelebung nach Herzstillstand: Durchhalten lohnt sich

28.04.2014 | Nachrichten | Onlineartikel

Reanimation nach STEMI: Prähospitales EKG kann Leben retten

18.11.2014 | Nachrichten | Onlineartikel

Kein Überlebensvorteil durch mechanische Reanimationshilfe