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17.05.2018 | Kardiomyopathie | Nachrichten

Genetische Prädisposition

Alkoholische Kardiomyopathie: (Auch) eine Frage der Gene?

Autor:
Philipp Grätzel

Wie andere Kardiomyopathien könnte auch die alkoholische Kardiomyopathie (ACM) eine genetische Grundlage haben. In einer nicht-prospektiven Kohortenstudie konnten Wissenschaftler jetzt Gene identifizieren, die mit Alkoholtoxizität am Herzmuskel assoziiert sind.

Die Aufklärung der genetischen Grundlagen der Kardiomyopathien ist eine der großen Erfolgsgeschichten der molekulargenetischen Forschung in der der Kardiologie. Als Folge dieser Arbeiten von vielen Arbeitsgruppen rund um die Welt werden Kardiomyopathien heute überwiegend genetisch klassifiziert. 

Exzessiver Alkoholkonsum führt nicht immer zum Herzschaden

Die alkoholische Kardiomyopathie (ACM) stand dabei bisher aber abseits: Sie galt als streng durch einen Umweltfaktor – exzessiven Alkoholkonsum – verursacht, wobei auch lange bekannt ist, dass es Menschen gibt, die sehr viel Alkohol konsumieren, ohne eine ACM zu entwickeln.

Eine These zur Erklärung dieses Phänomens war, dass genetische Unterschiede in den alkoholmetabolisierenden Enzymen mitverantwortlich für die individuell unterschiedlichen Effekte von Alkohol auf das Myokard sein könnten. 

Ein Forscher-Team um Dr. James Ware vom Imperial College London hat jetzt eine Analyse vorgelegt, die dafür spricht, dass es auch auf Ebene der kardialen Strukturgene eine genetische Prädisposition für die Entwicklung einer ACM gibt. 

Die Wissenschaftler haben 141 ACM-Patienten, 366 Patienten mit dilatativer Kardiomyopathie (DCM) und 445 gesunden Kontrollprobanden, die nicht exzessiv Alkohol tranken, genetisch untersucht. Außerdem haben sie sich bei insgesamt 716 DCM-Patienten die Ausprägung der Herzinsuffizienz in Abhängigkeit vom Alkoholkonsum angesehen. 

Bei den Genen konzentrierten sich die Forscher auf neun (von über 60 bekannten) Genen, die eng mit erblicher DCM assoziiert sind und bei denen entsprechend eine gewisse Wahrscheinlichkeit bestand, dass sie auch mit der ACM in Beziehung stehen könnten.

Titin-Gen häufig verändert

Eines dieser Gene war das Gen TTN, das für das Protein Titin (auch Connectin genannt) codiert. Titin ist ein sehr großes Protein, das als eine Art Feder fungiert und mitverantwortlich ist für die passive Dehnbarkeit der Muskulatur, auch der Herzmuskulatur. Nach Myosin und Aktin ist es das dritthäufigste Protein in Muskelzellen.

 Was die Wissenschaftler nun zeigen konnten war, dass mit DCM assoziierte Varianten der neun Gene auch bei ACM-Patienten in rund 13,5% der Fälle auftraten und damit mehr als viermal so häufig waren wie in gesunden Kontrollprobanden. Mit Abstand am häufigsten waren das Genvarianten des TTN-Gens, die zu einem vorzeitigen Abbruch der Aminosäurekette des Titins führen.

Unterschiede in der Häufigkeit der DCM-assoziierten Genvarianten zwischen DCM-Patienten und ACM-Patienten gab es nicht. Die Wissenschaftler konnten aber zeigen, dass DCM-Patienten mit den problematischen TTN-Genvarianten eine um im Mittel 8,7 Prozentpunkte niedrigere Ejektionsfraktion aufwiesen, wenn sie zusätzlich exzessiv Alkohol tranken. 

Beides zusammen genommen lasse die Schlussfolgerung zu, dass Genvarianten, die zu Titin-Abbrüchen führen, zu einer alkoholischen Kardiomyopathie prädisponierten.

Vielleicht mit praktischen Konsequenzen

Sollte sich das bestätigen bzw. sollten sich vielleicht noch andere Genvarianten mit ähnlichen Eigenschaften finden lassen, dann könnte das durchaus klinische Konsequenzen haben. 

So könnten DCM-Patienten hinsichtlich des Alkoholkonsums differenzierter beraten werden. Und auch gesunde Menschen ließen sich möglicherweise eher von einem verantwortungsvollen Umgang mit Alkohol überzeugen, wenn sie wüssten, dass ihr Herz anlagebedingt besonders gefährdet ist.

 In einem begleitenden Editorial diskutiert Prof. Mariann Piano von der Vanderbilt University in Nashville außerdem ein Szenario, bei dem ACM-Patienten genetisch untersucht werden, um im Falle von prädisponierenden Genvarianten Angehörige der Patienten zu screenen und ggf. spezifisch beraten zu können.

Literatur

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