Skip to main content
main-content

02.06.2017 | Kardiomyopathie | Nachrichten

Nach dem Entzug

Crystal Meth bedingte Herzschäden sind teils reparabel

Autor:
Veronika Schlimpert

Methamphetamin richtet schwere Schäden am Herzen an. Die gute Nachricht: Nach dem Entzug kann sich die Herzfunktion wieder erholen, wie deutsche Ärzte an ehemals Drogensüchtigen festgestellt haben.

Methamphetamin, besser bekannt als Crystal Meth, gilt als eine besonders zerstörerische Droge. Innerhalb kürzester Zeit verwandeln sich die Konsumenten in körperliche Wracks. Auch das Herz-Kreislauf-System wird von der Droge stark angegriffen. Kardiologen berichten zunehmend von Fällen, bei denen bereits sehr junge Menschen an einer sog. Methamphetamin-assoziierten Kardiomyopathie erkrankt sind.

Für die Betroffenen scheint die Lage aber nicht aussichtslos zu sein – wenn sie denn entzugswillig sind. Ärzte der Universität Leipzig und der Universität Tübingen haben nämlich herausgefunden, dass sich in einem frühen Stadium der Erkrankung die Herzfunktion wieder erholen kann und die Beschwerden entsprechend nachlassen, sobald der Konsum eingestellt wird.  

Junge Menschen mit Herzinsuffizienz

Das ist auch insofern eine wichtige Botschaft, da in Anbetracht des weltweit zunehmenden Konsums von Methamphetamin die toxische Kardiomyopathie immer häufiger die Ursache für eine Herzinsuffizienz bei jungen Menschen darstellt. Eine rechtzeitige Diagnose der Erkrankung könne hier Schlimmeres verhindern, machen die Studienautoren um Stephan Schürer deutlich.

Die Kardiologen haben insgesamt 30 Crystal Meth-abhängige Patienten untersucht, bei denen eine Methamphetamin-induzierte Kardiomyopathie festgestellt worden war, und diese Patienten prospektiv weiter beobachtet.

Der Drogenkonsum hatte bei den Teilnehmern bereits zu schwerwiegenden Veränderungen am Herzen geführt, mit dem Erscheinungsbild einer schweren Herzinsuffizienz. Die Patienten waren im Schnitt gerade einmal 30 Jahre alt.

Schwere kardiale Schäden

Die häufigsten offenkundigen Beschwerden seien Dyspnoe und Angina pectoris gewesen, berichten die Ärzte. 83,3% befanden sich bereits im NYHA-Stadium III oder IV. Die linksventrikuläre Ejektionsfraktion war deutlich eingeschränkt (19 +/– 6%) und die linke Herzkammer stark dilatiert (mittlerer linksventrikulärer enddiastolischer Durchmesser: 67,1 +/– 7,4 mm).

Bei einem Drittel der Patienten fanden sich intraventrikuläre Thromben, die Mehrheit wies Störungen der Klappenfunktionen auf; bei 40% war die Mitralklappe, bei 26,1% die Trikuspidal- und bei 4,3% die Aortenklappe betroffen. Die histologische Untersuchung von endomyokardialen Biopsiematerial ergab eine diffuse Inflammation, Fibrose und Myonekrose.

Die myokardiale Fibrosierung war bei Teilnehmern, die schon länger als fünf Jahre Methamphetamine einnahmen, stärker fortgeschritten; das Ausmaß der Fibrose korrelierte mit der Dauer des Drogenkonsums.

Die Dauer des Drogenmissbrauchs erstreckte sich von einem bis 15 Jahre, im Mittel hatten die Teilnehmer 5,7 Jahre lang Methamphetamin konsumiert.

Nach dem Entzug verbesserte sich die Pumpfunktion 

Alle Patienten bekamen nach der Diagnose eine leitliniengerechte Therapie. Neun Patienten erhielten als supportive Maßnahme einen implantierbaren Defibrillator (ICD) bzw. eine kardiale Resynchronisationstherapie (CRT).

Die Chance, dass sich der Zustand der Patienten durch diese Maßnahmen verbesserte war deutlich größer, wenn sie ihren Drogenkonsum einstellten. Bei den 23 Teilnehmern, die den Entzug schafften, verbesserte sich die Auswurffraktion innerhalb der nächsten 22 bis 35 Monate von anfänglich 19% auf 43%. Die Beschwerden ließen deutlich nach; 70% der Patienten befanden sich danach im NYHA-Stadium I.

Dagegen brachte die Behandlung bei den sieben weiterhin Drogenabhängigen keine Besserung der Herzfunktion und nur wenig Linderung der Symptomatik (mehr als 70% waren noch im NYHA-Stadium II oder III).

Folglich waren diese Patienten auch deutlich häufiger von Schlaganfällen und Herzinsuffizienz bedingten Klinikeinweisungen betroffen und sie hatten ein höheres Sterberisiko als die abstinenten Patienten (57,1% Ereignisse vs. 17,3%).

Ausmaß der Fibrose als prognostischer Marker

Generell standen die Chancen auf eine Verbesserung der Auswurffraktion besser, wenn die Fibrosierung des Herzmuskels noch nicht so stark fortgeschritten war. Dieser Zusammenhang blieb auch dann bestehen, wenn die weiterhin Drogen konsumierenden Teilnehmer aus der Analyse herausgenommen wurden.

Die möglicherweise mangelnde Compliance, die die Drogensüchtigen gegenüber der Herzinsuffizienz-Therapie entgegenbringen, sei daher wahrscheinlich nicht die Ursache für diesen Befund, vermuten Schürer und Kollegen. Sie gehen davon aus, dass sich mit dem Ausmaß der myokardialen Fibrosierung die Entwicklung der kardialen Pumpfunktion bei diesen Patienten vorhersagen lässt.  

Die Mechanismen, wie Methamphetamin den Herzmuskel schadet, sind noch nicht genau verstanden. Diskutiert werden eine verstärkte Freisetzung von Katecholaminen und reaktiver Sauerstoffspezies, direkte toxische Effekte, Ischämien sowie mitochondriale und metabolische Veränderungen, die der Konsum der Droge mit sich bringt.

In dieser Studie war das Methamphetamin aber wohl nicht der alleinige Schuldige für die zu beobachtenden kardialen Schäden.  Die meisten Probanden konsumierten nämlich weitere Drogen, u. a. Nikotin, Alkohol, Cannabis, Heroin und Kokain.

Literatur

Zurzeit meistgelesene Artikel

 

Highlights

Düsseldorfer Herz- und Gefäßtagung 2019

Expertenvorträge für Sie zusammengestellt: Auf der diesjährigen Düsseldorfer Herz- und Gefäßtagung haben renommierte Experten die neuesten Leitlinien, Studien und medizintechnischen Entwicklungen vorgestellt und die Kernaussagen kompakt für den Alltag in Klinik und Praxis zusammengefasst.

Expertenrückblick auf den ACC-Kongress – das Wichtigste im Überblick

Kann man ASS als Plättchenhemmer in Zukunft komplett weglassen? Muss jedem Patienten ab sofort eine TAVI angeboten werden? Und wo stehen wir in der kardialen Prävention? Eine Expertenrunde hat in Leipzig die neuesten Studien und viel diskutierte Themen des diesjährigen ACC-Kongresses kommentiert. Schauen Sie rein und bleiben Sie auf dem neuesten Stand.

Aus der Kardiothek

19.08.2019 | DGK-Jahrestagung 2019 | Expertenvorträge | Video

Herz und Diabetes – was der junge Kardiologe wissen soll

Ist Diabetes eigentlich eine kardiologische Erkrankung? Die DDG-Leitlinien empfehlen zumindest, jeden kardiologischen Patienten auch auf Diabetes zu screenen. Welcher HbA1c-Wert schon kritisch ist und welche weiteren Maßnahmen ergriffen werden sollten, erläutert Frau Dr. Bettina J. Kraus, Würzburg, in ihrem Vortrag. 

02.07.2019 | Quiz | Onlineartikel

Was ist die Ursache für die Lumenreduktion?

Koronarangiografie bei einem 63-jährigen Patienten. Augenscheinlich ist eine systolische Lumenreduktion des linken Hauptstamms. Was ist die Ursache?

16.04.2019 | Quiz | Onlineartikel

Patientin mit Fieber und Tachykardie – die Ursache verrät das Röntgenbild

Röntgenaufnahme des Thorax im Stehen bei einem 43 jährigen Patienten mit Fieber und Tachykardie. Was ist zu sehen?

Kontroverser Fall: So kann man wiederkehrendes Vorhofflimmern auch behandeln

DGK Herztage 2018 - Interview Prof. Dr. Boris Schmidt

Ein Patient leidet an wiederkehrendem Vorhofflimmern. Das Team um Prof. Boris Schmidt entscheidet sich für eine ungewöhnliche Strategie: die Implantation eines endokardialen Watchmann-Okkluders, um den linken Vorhof zu isolieren. Das genaue Prozedere sehen Sie hier. 

Spezielle Katheterablations-Strategie bei ausgeprägtem Narbengewebe

Vortrag Prof. Dr. Thomas Deneke - Jahrestagung DGK 2018

Die ventrikuläre Tachykardie eines 54-jährigen Patienten mit zurückliegendem Hinterwandinfarkt soll mit einer Katheterablation beseitigt werden. Prof. Thomas Deneke entscheidet sich für eine unkonventionelle Strategie und erläutert wie das CT  in solchen Fällen helfen kann. 

Komplizierte Mehrgefäß-KHK bei einem jungen Patienten

Vortrag Priv.-Doz. Dr. Hans-Jörg Hippe Jahrestagung DGK 2018

Mehrere komplexe Stenosen bei einem 46-jährigen Patienten erfordern ein strategisch sinnvolles Vorgehen. Wofür sich das Team um PD Dr. Hans-Jörg Hippe vom Universitätsklinikum Schleswig-Holstein Klinik entschieden hat, erfahren Sie in diesem Livecase. 

Bildnachweise