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31.01.2017 | Kardiomyopathie | Nachrichten

Heterogene Genetik

Kardiomyopathien: Wann ist eine Gendiagnostik sinnvoll?

Autor:
Peter Stiefelhagen

Kardiomyopathien gehören neben der KHK und der Hypertonie zu den häufigsten Grunderkrankungen einer Herzinsuffizienz und sind nicht selten Auslöser eines akuten Herztods. Sie können eine genetische Ursache haben. Deshalb stellt sich die Frage, ob und, wenn ja, wann eine Gendiagnostik sinnvoll ist?

Definitionsgemäß handelt es sich bei den Kardiomyopathien um eine Gruppe von Herzmuskelerkrankungen, die nicht durch KHK, Hypertonie oder angeborene bzw. erworbene Vitien erklärbar sind. Dazu gehören die hypertrophe Kardiomyopathie (HCM), die dilatative Kardiomyopathie (DCM), die arrhythmogene rechtsventrikuläre Kardiomyopathie (ARVC), die restriktive Kardiomyopathie (RCM) und die unklassifizierbaren Kardiomyopathien. „Alle diese Formen können familiär gehäuft auftreten, also genetisch verursacht sein“, erläuterte Prof. Roman Pfister von der Kardiologischen Universitätsklinik Köln. Doch die Genetik sei sehr heterogen und nicht alle Genvarianten seien schon bekannt. Eine Gentestung erspare auch nicht eine detaillierte Anamnese incl. Familienanamnese, sondern erfordere ein ausführliches Gespräch vorher und nachher. „Ein Muss für die Gentestung bei Kardiomyopathien gibt es nicht“, so Pfister.

Warum nicht jeden testen?

Bei der HCM sind mehr als 25 verschiedene genetische Veränderungen bekannt, mit denen aber nur 50–60 % der HCM-Fälle detektiert werden können. Bei der DCM sind es über 25 Gene, mit denen 15–30 % der Fälle erfasst werden, bei der familiären Form allerdings 60 %. Mehr als 10 Mutationen können eine ARVC hervorrufen, womit 30–40 % der Fälle erklärt werden. Bei der RCM sind bisher nur einige wenige Genveränderungen bekannt.

Eigentlich könnte man denken, dass es sinnvoll sein müsste, bei jedem betroffenen Patienten und seinen Angehörigen eine komplette Genom-Sequenzierung durchzuführen. „Doch es gibt einige gewichtige Gründe, die dagegen sprechen“, so Pfister. Das sind einmal die nicht unerheblichen Kosten; denn die Analyse von nur 5 HCM-Genen kostet bereits 1.400 bis 1.800 Euro. Auch ist die Befundinterpretation nicht immer einfach, da nicht jede Mutation eine pathognomonische Bedeutung hat. Und auch nicht jeder Patient bzw. Angehörige will es wissen. Eine Testung, so Pfister, sei aber immer sinnvoll, wenn sich daraus eine therapeutische Konsequenz ergebe. Bei einem DCM-Patienten mit einer nachgewiesener Laminin A/C-Mutation könne dies beispielsweise die ICD-Implantation sein, wenn bestimmte Risikofaktoren vorliegen.

Sinnvolle Argumente für die Testung

Ein Argument für die Testung bei betroffenen Patienten ist auch, dass sie die Basis für das Screening bei Verwandten ersten Grades ist. Bei fehlendem Nachweis der Mutation kann man sich bei diesen dann die klinische Nachsorge sparen. Bei einem positiven Befund können sich daraus aber evtl. entsprechende Empfehlungen wie ein Sportverbot oder die ICD-Implantation ergeben. „Eine Gentestung ist hilfreich für Indexpatienten mit einer syndromalen oder schweren Kardiomyopathie wie beispielsweise beim Morbus Fabry“, so Pfister.

Ein Familienscreening sei sinnvoll bei Kardiomyopathien mit hoher Detektionsrate wie HCM, familiärer/arrhythmischer DCM und ARVC. Man solle auch bedenken, dass eine breit eingesetzte Gentestung eine Voraussetzung für die Entwicklung differenzierter Therapien von Kardiomyopathien sein könne. Eine Gentypisierung erlaube evtl. eine Krankheitsspezifizierung und Therapieindividualisierung mit einem frühen Therapiebeginn in einem präklinischen Stadium. Nicht sinnvoll sei die Gendiagnostik bei der sporadischen DCM, der RCM und der peripartalen Kardiomyopathie.

Literatur

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