Nachrichten 22.07.2020

Krankheit Herzschmerz

Die Literatur hat zahlreiche tragische Helden hervorgebracht, die am Liebeskummer zerbrochen sind, allen voran der junge Werther aus dem Roman Johann Wolfgang von Goethes. Doch auch in der Kardiologie gibt es gebrochene Herzen.

In jenen Zeiten, die in manchen Bundesländern angesichts der Lehrpläne der Vergangenheit angehören, als in der Schule noch Goethes „Die Leiden des jungen Werthers“ gelesen und interpretiert wurde, erahnte jeder Teenager, dass die Warnung, welche man inzwischen auf jeder Zigarettenschachtel liest, leicht umformuliert lauten könnte: „Vorsicht! Liebe kann tödlich sein!“ 

Der Geheime Rat aus Weimar schuf einen Klassiker über die mentale Pein des Verliebtseins in die falsche Person oder zur falschen Zeit, der bereits in jenem Zeitalter der Romantik geradezu zu einer tödlichen Epidemie führte – den Suiziden von jungen Männern (kaum je von jungen Frauen – woran mag es wohl gelegen haben?), die es aus Liebeskummer dem Romanhelden nach taten.

Aus dem literarischen Genre wurden immerhin auch Therapieansätze gegen das Leiden vorgeschlagen. Jules Verne, dem man ein Übermaß an Fantasie nachsagen kann, lässt in seinem Roman „Keraban der Starrkopf“ den schrulligen
Niederländer Mijnheer Jan Van Mitten bei der Nachricht vom Ableben seiner Ehefrau nicht zu diesem letzten Mittel greifen, sondern sich in allerlei Abenteuer rund ums Schwarze Meer stürzen – eine Lebensbejahung, die dadurch belohnt wird, dass Mijnvrauw Van Mitten am Ende quicklebendig beim Gatten auftaucht und im unheilverkündenden Telegramm aus „entschieden“ (ihm nachzureisen) ein „verschieden“ geworden war.

Schwerwiegende Folgen von Liebeskummer?

Mit diesen literarischen Größen kann – bei allem Respekt für regionales Verlegertum in diesen für Printmedien so schweren Zeiten – der Marktspiegel nicht ganz mithalten. Er ist eine Wochenzeitung aus dem Großraum Nürnberg-Fürth mit einem Schwerpunkt auf Kleinanzeigen. Dennoch lohnt sich das Lesen des Beitrages aus der Rubrik Ratgeber mit dem Titel „Kann Liebeskummer tödlich sein?“ 

Zwar mit „Regional“ eingeleitet, basiert der Text indes auf einem Gespräch mit einem Außerfränkischen, nämlich mit PD Dr. Wolfgang Fehske, Chefarzt der Kardiologie und Inneren Medizin III im St. Vinzenz-Hospital in Köln. Fehske
spricht zu einem ernsten Thema und hier mit Mythen und falschen Vorstellungen beim Laienpublikum aufzuräumen, ist höchst verdienstvoll. 

Er legt die Grundlage der Stresskardiomyopathie dar, für die auch Bezeichnungen wie Broken-Heart-Syndrom und Gebrochenes-Herz-Syndrom existieren. „Meist tritt sie nach großem Stress auf, daher rührt der ungewöhnliche Name“, so wird Fehske zu der Krankheit zitiert und der Kölner Kardiologe erklärt weiter: „Aktuell arbeiten Wissenschaftler und Ärzte noch immer an der Erforschung dieser Erkrankung, da es bis vor wenigen Jahren lediglich Einzelfallbeschreibungen gab.“

Mehr Frauen als Männer vom Broken-Heart-Syndrom betroffen 

Im Gegensatz zur literarischen Darbietung des potenziell tödlichen gebrochenen Herzens sind es im realen klinischen Leben offenbar weniger junge Männer als vielmehr reifere Frauen, die von der Kardiomyopathie bedroht sind. Ein wesentlicher Grund dafür sei die geringere Präsenz des Östrogens im Blut mit und nach der Menopause. 

Die Symptome können unter Umständen mit jenen eines Herzinfarkts verwechselt werden. Dazu gehören, wie der Marktspiegel schreibt, „sowohl Schmerzen in der Brust als auch Atemnot. Doch anders als bei einem Herzinfarkt liegt kein Verschluss der Koronararterien vor. Schüttet der Körper bei großem emotionalem Stress exzessive Mengen an Adrenalin, Noradrenalin und Dopamin aus, führt das laut Medizinern vermutlich zu krampfartigen Verengungen mehrerer Herzgefäße, sogenannte Koronarspasmen, sodass sich ein Teil der linken Herzkammer nicht mehr bewegt. 

„…Wissenschaftler vermuten, dass rund ein Prozent der diagnostizierten Herzinfarktpatienten eigentlich unter dem Broken-Heart-Syndrom leiden. Dies führen sie auf die große Ähnlichkeit der Symptome der beiden Herzfunktionsstörungen zurück. Für die korrekte Diagnose spielt eine ausführliche kardiologische Untersuchung eine entscheidende Rolle.“

Stresskardiomyopathie ist behandelbar

Dem kann man nur beipflichten. Die Geschichte hat auch ein Happy End, denn Fehske macht den Lesern die insgesamt recht positive Prognose deutlich: „Durch eine medikamentöse Behandlung in Kombination mit ausreichend Flüssigkeit und Bettruhe erholen sich Erkrankte meist bereits nach einigen Tagen. Die Veränderung der Herzleistung normalisiert sich wieder und in den seltensten Fällen bleiben bei den Betroffenen Folgeschäden zurück.“

Bettruhe indes – allein der Gedanke an dieses Möbelstück mag den jüngeren Leidenden mit zusätzlichem Schmerz, mehr in der Seele als im Thorax, erfüllen. Denn das Bett ist exakt der Ort, an dem sich Werther seine Lotte gewünscht hätte – und jeder andere Verschmähte der nächsten 250 Jahre die Angebetete.

Literatur

CardioNews, Ausgabe 4 2020

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Bildnachweise
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Webinar Prof. Martin Möckel/© Springer Medizin Verlag GmbH