Nachrichten 18.08.2022

Chemotherapie-bedingte Herzschäden: SGLT2-Hemmer könnten helfen

Etablierte Therapien zur Prävention Anthrazyklin-bedingter Herzschäden gibt es bisher nicht. Eine Studie bringt jetzt einen neuen Therapiekandidaten ins Spiel.

SGLT2-Inhibitoren könnten eine Therapiemöglichkeit gegen Chemotherapie-bedingte Herzschäden darstellen. In einer retrospektiven Studie haben sich diese Arzneistoffe in dieser Indikation als vielversprechende Therapiekandidaten hervorgetan.

„Unseres Wissens nach sind dies die ersten Daten, die SGLT2-Inhibitoren mit einem verbesserten kardialen und nicht kardiovaskulären Outcome bei Patienten mit Anthrazyklintherapie in Verbindung gebracht haben“, berichten die Studienautoren um Dr. Carlos Gongora.

Kardiotoxizität von Anthrazyklinen

Anthrazykline gehören immer noch zur Standardbehandlung unterschiedlichster Krebserkrankungen. Die Zytostatika haben allerdings ein großes Manko: Sie wirken kardiotoxisch, und erhöhen dadurch etwa das Risiko für die Entwicklung einer Herzinsuffizienz und Rhythmusstörungen. Schon länger wird deshalb nach Therapiemöglichkeiten gesucht, um Anthrazyklin-bedingten Herzschäden vorbeugen zu können. Bisher hat sich aber kein Medikament in dieser Indikation etablieren können, da die untersuchten Substanzen, wenn überhaupt, nur moderate Effekte gezeigt haben.

SGLT2-Hemmer als potenzielle Therapiekandidaten

SGLT2-Inhibitoren wiederum haben sich bisher als Diabetes- und Herzinsuffizienzmedikamente einen Namen gemacht. Tierexperimentelle Untersuchungen deuten aber an, dass diese Medikamente auch kardioprotektiv wirken könnten. Gongora und Kollegen haben sie deshalb genauer ins Visier genommen und eine retrospektive Kohortenstudie vorgenommen, um erste Hinweise auf eine klinische Wirksamkeit in dieser Indikation zu liefern.

Im Krankenhausnetzwerk Massachusetts General Brigham haben die US-Mediziner 3.033 Patientinnen und Patienten mit Diabetes mellitus, die wegen einer Tumorerkrankung mit Anthrazyklinen behandelt wurden, ausfindig gemacht. Davon wurden 32 Personen parallel zur Krebstherapie mit SGLT2-Inhibitoren behandelt. Diese „Fälle“ verglichen die Autoren mit nach Alter, Geschlecht und Jahr der Krebstherapie gematchten Kontrollpatienten, die mit Anthrazyklinen, aber nicht mit SGLT2-Inhibitoren behandelt worden sind (n=96).

Deutlich weniger Herzkomplikationen unter SGLT2-Hemmer

Der primäre Endpunkt der Studie war zusammengesetzt aus den Ereignissen „Herzinsuffizienz“, „Herzinsuffizienz-bedingte Hospitalisierungen“, „neu entstandene Kardiomyopathien (Abfall der EF um > 10 % auf ˂ 53 %)“ sowie „klinisch relevante Arrhythmien“.

Solche kardialen Komplikationen sind bei den mit SGLT2-Hemmer behandelten Krebspatienten während des durchschnittlichen 1,5-jährigen Follow-up deutlich seltener aufgetreten als in der Kontrollgruppe (bei 3% vs. 20%; p=0,025). Für diese Hochrisikopatienten sei es somit sechsmal weniger wahrscheinlich gewesen, eine kardiale Komplikation zu erleiden, wenn sie mit SGLT2-Inhibitoren behandelt worden sind, veranschaulichen die Autoren das Ausmaß des Unterschiedes. Vor allem Klinikeinweisungen wegen Herzinsuffizienz und neu entstandene Kardiomyopathien traten unter der SGLT2-Hemmer-Behandlung deutlich seltener auf.

Erfreulich ist auch, dass es in der SGLT2-Gruppe keinen einzigen Fall gab, in der ein Patient erstmals eine Doxorubicin-induzierte kardiale Dysfunktion entwickelt hat.  

Keine Sicherheitssignale

Die SGLT2-Hemmer-Behandlung stellte sich zudem als sicher heraus. So war die Gesamtmortalität (primärer Sicherheitsendpunkt) in der SGLT2-Gruppe deutlich niedriger als in der Kontrollgruppe (9% vs. 43%, p ˂ 0,001). Auch Sepsis-Fälle und febrile Neutropenien kamen seltener vor bei den Patienten, die mit SGLT2-Hemmer behandelt worden sind (16% vs. 40%; p=0,013). Wenig überraschend traten in der SGLT2-Gruppe häufiger Genitalinfektionen auf, eine bekannte Nebenwirkung dieser Behandlung.

Die Studienautoren plädieren angesichts ihrer positiven Hinweise für die Durchführung einer randomisierten Studie. In dieser sollte die Wirksamkeit von SGLT2-Hemmern bei Patienten mit einem hohen kardialen Risiko unter Anthrazyklintherapie untersucht werden. 

Literatur

 Gongora AC et al. Sodium-Glucose Co-Transporter-2 Inhibitors and Cardiac Outcomes Among Patients Treated With Anthracyclines. J Am Coll Cardiol HF 2022;10:559–67; https://doi.org/10.1016/j.jchf.2022.03.006

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