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24.05.2017 | Kardiomyopathie | Nachrichten

Kardioonkologie

Sind Männerherzen doch empfindlicher gegenüber Chemotherapie?

Autor:
Philipp Grätzel

Bisher galt, dass die Herzen von Frauen durch Anthrazyklin-haltige Chemotherapien stärker in Mitleidenschaft gezogen werden als die Herzen von Männern. Eine neue retrospektive Studie, die beim Kongress EuroCMR 2017 vorgestellt wurde, kommt jetzt zu einem anderen Ergebnis.

In einem Positionspapier aus dem Jahr 2016 nennt die Europäische Gesellschaft für Kardiologie das weibliche Geschlecht als Risikofaktor für eine Abnahme der Herzfunktion bei Einsatz kardiotoxischer Chemotherapien, in erster Linie Anthrazykline. Dieses Statement beruhte überwiegend auf Daten von Kindern und stand im Widerspruch zu Daten aus Tiermodellen, in denen regelmäßig die männlichen Tiere anfälliger für eine chemotherapieinduzierte Kardiomyopathie waren.

In einer beim EuroCMR 2017 in Prag jetzt als Poster vorgestellten, retrospektiven Studie haben Kardiologen um Dr. Iwan Harris vom Bristol Heart Institute Patienten ausgewertet, die eine potenziell kardiotoxische Chemotherapie über sich ergehen hatten lassen und bei denen danach in einer Kardio-MRT-Untersuchung eine eingeschränkte linksventrikuläre Pumpfunktion (LVEF) auffiel. Patienten mit anderen Gründen für eine eingeschränkte LVEF – ischämische Herzerkrankung, Herzklappenerkrankung, eine Familienanamnese mit Kardiomyopathie oder eine Alkoholanamnese – wurden von der Auswertung ausgeschlossen.

Am Ende blieben 76 Patienten mit sehr wahrscheinlich chemotherapieinduzierter Kardiomyopathie übrig, 45 Frauen und 31 Männer. Was folgte, war eine Multiregressionsanalyse, bei der versucht wurde, für zahlreiche denkbare Einflussfaktoren zu adjustieren. Unter anderem wurden Art, Gesamtdosis und Intervalle der Chemotherapie berücksichtigt, außerdem unterschiedliche Körperoberflächen, unterschiedliches Alter, Komorbiditäten und Begleittherapien.

Am Ende zeigte sich, dass sowohl die LVEF als auch die RVEF bei den Männern signifikant stärker abgenommen hatten als bei den Frauen. Auch waren die Kammervolumina und die Masse des Herzens bei Männern signifikant größer. Dies deute auf ausgeprägtere strukturelle Schäden hin, so Harris. Im Mittel hatten Männer und Frauen 240 mg/m² Doxorubicin oder Doxorubicin-Äquivalent erhalten. Die MRT wurde im Mittel knapp neun Jahre nach der Chemotherapie durchgeführt.

Der Unterschied zwischen Kindern und Erwachsenen, spekulieren die Wissenschaftler, könnte damit zusammenhängen, dass bei erwachsenen Frauen weibliche Sexualhormone, die bei Mädchen noch fehlen, tendenziell kardioprotektiv wirken. Die Kardiomyozyten könnten durch die weiblichen Geschlechtshormone unempfindlicher gegenüber oxidativem Stress werden, einem der Mechanismen der chemotherapieinduzierten Kardiomyopathie.

Literatur

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