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28.04.2016 | Nachrichten | Onlineartikel

Herztodrisiko

Kontroverse: Wie sinnvoll ist ein Screening von Sportlern?

Autor:
Veronika Schlimpert

Ein generelles kardiologisches Screening von Sportlern halten belgische Wissenschaftler für nicht empfehlenswert. Sie argumentieren mit negativen Folgen, die diese Untersuchung mit sich bringen könnte. Deutsche Experten sind dagegen vom Nutzen eines Screenings überzeugt.

Über die Sinnhaftigkeit eines kardiologischen Screenings bei Sportlern wurde in letzter Zeit kontrovers diskutiert. Anlass ist ein Review, das belgische Wissenschaftler um Dr. Hans Van Brabandt veröffentlicht haben. In diesem Artikel nimmt Brabandt die aktuelle Evidenz zu dieser Thematik auseinander und kommt nach einer Risiko-Nutzen-Abwägung zu dem Schluss, dass junge Sportlern vielleicht besser nicht an solchen Programmen teilnehmen sollten.

Nutzen nicht eindeutig belegt

Begründet wird dies u. a. mit dem Fehlen eindeutiger Evidenz, dass Screeningprogramme die Zahl plötzlicher Herztode bei jungen Sportlern tatsächlich reduzieren können. Der Rückgang der Herztod-Inzidenz, der in der italienischen Region Veneto beobachtet worden sei, könne auch andere Ursachen als das dort zu Studienbeginn etablierte Screeningprogramm haben, beispielsweise verbesserte Wiederbelebungsmaßnahmen, argumentieren Brabandt und Kollegen. Zudem sei die anfänglich festgelegte Inzidenz des plötzlichen Herztodes (3,6/100.000 Personenjahre) nur anhand von 14 Fällen kalkuliert worden. 

Größere Schäden lassen sich abwenden

Die Sportkardiologen Prof. Herbert Löllgen aus Remscheid und Prof. Jürgen Scharhag vom Institut für Sport- und Präventivmedizin der Universität des Saarlandes sind dagegen von den Vorteilen solcher Screeningmaßnahmen überzeugt. Zwar räumt Löllgen ein, dass deren Wirksamkeit bisher nicht anhand harter Endpunkte wie Tod und Herzkreislaufstillstand in großen prospektiven Studien belegt ist. Für eine solche Studie müssten Tausende von Sportlern über 15 bis 20 Jahre hinweg beobachtet werden. 

Doch nach Ansicht von Prof. Jürgen Scharhag, „kann und darf es nicht der alleinige Sinn und Zweck eines sportkardiologischen Screenings sein, sich nur auf den plötzlichen Herztod zu beschränken.“ Auch andere kurz- oder langfristige sportinduzierte Risiken oder Schäden ließen sich dadurch reduzieren.

„Man bringt schließlich sein Auto nicht nur zur Inspektion, um einen tödlichen Autounfall zu verhindern, sondern auch, um zum Beispiel mit dem defekten Fahrzeug nachts nicht auf der Autobahn liegen zu bleiben“, veranschaulicht Scharhag die Thematik. 

Dem Argument der belgischen Kritiker, das Ruhe-EKG habe zudem eine relativ geringe Sensitivität, bringt Löllgen neuere Studien etwa von Kimberly Harmon entgegen, die belegen, dass anhand des Ruhe-EKGs bei valider Auswertung abnormale kardiale Befunde besser zu erkennen seien als mittels Anamnese und klinischem Befund. 

Gefahr: Unnötige Angst und Ende der Sportkarriere 

Brabandt und Kollegen weisen in ihrem Review aber auch auf die negativen Folgen hin, die solche Untersuchungen für junge Athleten haben könnten. Sie schätzen, dass dann bis zu 30% der gescreenten Personen zusätzliche kardiologische Untersuchungen erhalten. Diese könnten zu einer unnötigen Angst führen oder sogar das Ende der Sportlerkarriere bedeuten, schreiben sie. 

„Vermutung ohne Beweis“

Löllgen hält dies für eine Vermutung ohne Beweis: „Sportler sind eher beunruhigt, wenn sie nicht ausschließen können, ob ein pathologischer Befund vorliegt.“ Der Prozentsatz nachfolgender Untersuchungen ist seiner Ansicht nach auch viel zu hoch geschätzt; Studien zufolge trifft dies auf etwa fünf Prozent der Sportler zu.

Darüber hinaus dürfte ein Ende der Sportkarriere aufgrund falsch positiver Befunde heutzutage extrem selten sein. Denn mit der Echokardiografie und dem MRT lassen sich Auffälligkeiten im EKG zuverlässig abklären. Beide Verfahren werden laut Löllgen bei Leistungssportlern in Deutschland schon recht früh in der Diagnostik eingesetzt.

Und selbst wenn ein pathologischer Befund festgestellt wird, bedeutet das nicht zwangsläufig das Ende der Sportkarriere. Es gebe sogar Triathleten mit Brugada-Syndrom und implantierten Defibrillator, die weiter Sport treiben, berichtet der Sportkardiologe, wenngleich in solchen Fällen vom Wettkampfsport meist abgeraten werde.

Vorsorgeuntersuchungen auch für Freizeitsportler

Vorsorgeuntersuchungen bei Leistungssportlern in Deutschland beinhalten neben dem Ruhe-EKG, zusätzlich eine Belastungsuntersuchung, die Untersuchung der Lungenfunktion, ein Herzecho sowie Blutuntersuchungen, je nach Sportart und Gefährdung.

Aber auch für Freizeitsportlern ab einem Alter von 35 Jahren hält Löllgen eine abgespeckte Vorsorgeuntersuchung inklusive Ruhe-EKG für sinnvoll. So empfehlen die Fachgesellschaften fast aller europäischer Länder eine Vorsorgeuntersuchung mit Anamnese, klinischer Untersuchung und Ruhe-EKG (ggf. mit IT-gestützter Auswertung).

„Wenn wir allen Menschen – ob jung oder alt – anraten, sich regelmäßig körperlich zu betätigen, müssen wir Ärzte auch dafür sorgen, dass möglichst keine Komplikationen auftreten“, so Löllgen. 

Zusatzqualifikation soll Versorgung verbessern 

Wie kürzlich auf dem Kongress der Deutschen Gesellschaft für Kardiologie (DGK) von Scharhag berichtet wurde, erarbeitet die DGK derzeit eine Zusatzqualifikation Sportkardiologie, durch die sich Ärzte u. a. auf sportkardiologische Untersuchungen spezialisieren können. Scharhag und Löllgen glauben, dass sich mit dieser Initiative die Versorgung von Sportlern in Deutschland weiter verbessern könnte – damit sowohl tragische Ereignisse wie ein plötzlicher Herztod als auch etwaige falsch positive Befunde noch seltener werden.  

Literatur

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