Nachrichten 01.06.2017

Auch bei KHK: Schwankender Blutdruck signalisiert erhöhtes Herzrisiko

Menschen, deren  Blutdruckwerte von Messung zu Messung ausgeprägten Schwankungen unterliegen,  haben eine erhöhtes Risiko für kardiovaskuläre Ereignisse. Dies gilt auch für Patienten mit stabiler Koronarerkrankung, wie neue Studiendaten belegen.

Bei der Erforschung des Zusammenhangs zwischen Blutdruck und kardiovaskulärem Risiko galt lange Zeit der mittlere Blutdruck als maßgeblich Größe. Schwankungen des Blutdruck hielt man meist schlicht für ein Hindernis, das einer präzise Bestimmung des mittleren Blutdrucks im Wege steht.

Erst in jüngster Zeit reifte die Erkenntnis,  dass die Blutdruckvariabilität per se relevante prognostische Informationen beisteuern kann. In mehreren Studien konnte mittlerweile gezeigt werden, dass größere Schwankungen des Blutdrucks  bei wiederholten Messung mit einem erhöhten  Risiko für kardiovaskuläre Ereignisse  und einem erhöhten Sterberisiko assoziiert sind. Eine Metaanalyse kam jüngst zum gleichen Ergebnis.

KHK-Patienten im Fokus

Eine internationale Forschergruppe um den Pariser Kardiologen Prof. Gabriel Steg vermisste allerdings bislang Erkenntnisse dazu, ob diese Beziehung zwischen Blutdruckvariabilität und kardiovaskulärem Risiko auch bei Patienten mit stabiler KHK besteht. Die Beschaffung entsprechender Daten haben Steg und seine Kollegen selbst in die Hand genommen.

Dazu nutzen sie den Datenbestand der STABILITY-Studie. In dieser 2014 veröffentlichten placebokontrollierten Studie ging es bekanntlich primär um den Effekt des Wirkstoffs Darapladib auf die Inzidenz ischämischer Koronarereignisse bei Patienten mit stabiler KHK. Hypertonie stand dabei nicht Blickpunkt.

Bei den Teilnehmern waren im Laufe eines Jahres fünf Blutdruckmessungen (zu Beginn, nach einem Monat sowie nach drei, sechs und zwölf Monaten) vorgenommen worden. Insgesamt 13.794 Studienteilnehmer wurden in die aktuelle Analyse einbezogen. Zur Bestimmung der Blutdruckvariabilität wurden bei ihnen auf Basis der fünf Messungen die Standardabweichungen für den systolischen und diastolischen Blutdruck ermittelt.

Risikoerhöhung erneut bestätigt

Der mittlere Blutdruck der Teilnehmer lag im ersten Jahr bei 131,0/78,3 mmHg. Die mittlere „visit to visit“-Standardabweichung betrug 9.8 mmHg für den systolischen  und 6.3 mmHg für den diastolischen Blutdruck. Als Endpunkte definierte Ereignisse (kardiovaskulär bedingter Tod, Myokardinfarkt, Schlaganfall) traten im Verlauf von 2,6 Jahren bei 1010 Patienten auf.

Die Analyse ergab, dass Patienten mit der am stärksten ausgeprägten Variabilität der systolischen Werte ein signifikant höheres Risiko für entsprechende Endpunkt-Ereignisse hatten als Patienten mit der relativ geringsten Variabilität (hazard ratio für höchstes vs. niedrigstes Terzil: 1,30, p = 0.007). Diese Risikoerhöhung bei Patienten mit den relativ größten Blutdruckschwankungen bestätigte sich in der Analyse der Variabilität der diastolischen Blutdruckwerte (hazard ratio für höchstes vs. niedrigstes Terzil: 1,38, p < 0.001).

Für die  Studienautoren ist erhöhte Blutdruckvariabilität ein Marker für die „Steifigkeit“ der Arterien. Auch eine veränderte Baroreflex-Sensitivität und eine autonome Dysfunktion könnten nach ihrer Ansicht pathophysiologisch von Bedeutung sein, ebenso eine unregelmäßige  Einnahme verordneter Medikamente.

Literatur

Vidal-Petiot E. et al.: Visit-to-visit variability of blood pressure and cardiovascular outcomes in patients with stable coronary heart disease. Insights from the STABILITY trial. European Heart Journal 2017;  doi:10.1093/eurheartj/ehx250

Highlights

HRS-Kongress 2020 Science

Zwar musste auch die diesjährige Jahrestagung der Heart Rhythm Society in San Diego aufgrund der Corona-Pandemie kurzfristig abgesagt werden, aber für Ersatz wurde gesorgt: mit HRS 2020 Science – einer dreiteiligen Online- und On-Demand-Fortbildungsreihe. 

Aktuelles zum Coronavirus

Die WHO hat die Ausbreitung des Coronavirus kürzlich als Pandemie eingestuft. Inzwischen sind weit über 100 Länder von dem Ausbruch betroffen. Aktuelle Meldungen zum Coronavirus bzw. zu der Lungenkrankheit Covid-19 finden Sie in diesem Dossier. 

Das könnte Sie auch interessieren

Mechanismen der Gefäßschädigung bei COVID-19 entschlüsselt

Forscher konnten jetzt in einer Autopsie-Studie neue Erkenntnisse speziell zu den morphologischen und molekularen Mechanismen der vaskulären Schädigung bei schweren COVID-19-Verläufen gewinnen.

Hydroxychloroquin bei COVID-19 wirkungslos – und evtl. sogar schädlich

Zu Beginn der Coronapandemie wurde Hydroxychloroquin als Hoffnungsträger propagiert. Nun hat sich das Malariamittel bei COVID-19-Patienten in der bisher größten Studie als wirkungslos herausgestellt – die Sterblichkeit war darunter sogar erhöht.

Ist der implantierte Defibrillator noch immer ein Lebensretter?

Implantierte Defibrillatoren scheinen auch in heutiger Zeit vor dem Herztod schützen zu können. Dafür sprechen Daten einer europaweiten Studie, in der eine primärpräventive ICD-Implantation mit einer signifikanten Abnahme der Mortalität einherging.

Aus der Kardiothek

Expertenrückblick auf den ACC-Kongress 2020 – das Wesentliche für die Praxis

Auch in Corona-Zeiten konnte der diesjährige ACC-Kongress eine spannende „virtuelle“ Studienpräsentation bieten. Prof. Holger Thiele und Prof. Ulrich Laufs aus Leipzig haben für Sie die wichtigsten Ergebnisse und deren Praxisrelevanz diskutiert. 

Leistungsknick und Thoraxschmerz – was ist im Herzecho zu sehen?

Transthorakale Echokardiographie eines 55jährigen Patienten mit Leistungsknick und atypischen Thoraxschmerzen. Was ist zu sehen?

Was fällt Ihnen in der Echokardiografie auf?

Transthorakale Echokardiografie eines 50-jährigen Patienten mit schwerer rechtskardialer Dekompensation. Was ist zu sehen?

Bildnachweise
Digitaler HRS-Kongress 2020/© [M] jamesteohart / Getty Images / iStock
Corona/© Naeblys / Getty images / iStock
Webinar zum ACC-Kongress mit Thiele/Laufs/© Kardiologie.org [M]
Transthorakale Echokardiografie/© Monique Tröbs (Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg)