Nachrichten 21.04.2017

Patienten mit Synkope: Wann ans Steuer und wann nicht?

Patienten mit rezidivierenden Synkopen gefährden im Straßenverkehr nicht nur sich selbst, sondern auch andere. Doch wann genau sollte etwa vom Autofahren explizit abgeraten werden? Neue US-Leitlinien zur Synkope geben jetzt sehr präzise Empfehlungen.

Rund 30 bis 40 Prozent aller Menschen erleben im Laufe ihres Lebens eine oder mehrere Synkopen, sagte Prof. Dr. Christian Meyer vom Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf bei der DGK-Jahrestagung 2017 in Mannheim. Rund ein Drittel aller Synkopen gehen auf neurologische Krampfanfälle zurück. Rund ein Fünftel ist diabetesassoziiert. Kardiale Ursachen liegen in der Rangliste bei etwa 8 Prozent.

„Auch wenn sich ein solcher Kreislaufkollaps häufig vorher ankündigt, stellt das ein relevantes Risiko im Straßenverkehr dar“, betonte Meyer. Er begrüßte es deswegen, dass die gesetzlichen Regularien hinsichtlich der ärztlichen Empfehlungen zur Verkehrstauglichkeit in den letzten Jahren verbessert wurden. Von wissenschaftlicher Seite hat die Deutsche Gesellschaft für Kardiologie schon 2010 in einem Positionspapier die für den Straßenverkehr relevanten Aspekte sämtlicher kardiovaskulärer Erkrankungen zusammengefasst.

Eine vasovagale Einzelsynkope ist unbedenklich

Einen Schritt weiter sind jetzt vor wenigen Wochen die US-Fachgesellschaften AHA, ACC und HRS gegangen. Sie haben eine gemeinsame Leitlinie für die Evaluation und das Management von Patienten mit Synkopen entwickelt. „Derart detaillierte Empfehlungen zur Verkehrstüchtigkeit bei Patienten mit Synkopen hat es bisher weltweit nicht gegeben“, betonte Meyer. „Wir sollten die Gelegenheit nutzen und die Empfehlungen auch bei der Weiterentwicklung unserer zur Begutachtung relevanten Regularien berücksichtigen.“

In der Leitlinie werden für unterschiedliche Synkopentypen jeweils Zeitfenster angegeben, in denen nicht Auto gefahren werden sollte, und zwar auch in Abhängigkeit von der Therapie. So wird bei einer einzelnen vasovagalen Synkope ohne weitere Synkope im Jahr davor kein Anlass gesehen, von einer Teilnahme am Straßenverkehr abzuraten.

Bei Patienten mit bis zu sechs Synkopen pro Jahr sollte jeweils eine symptomfreie Zeit von einem Monat abgewartet werden, bevor sich der Betreffende wieder ans Steuer setzt. Wer mehr als sechs vasovagale Synkopen im Jahr hat, wird als nicht fahrtüchtig angesehen.

Auch Patienten mit unbehandelten Hustensynkopen sollten den US-Gesellschaften zufolge nicht Auto fahren. Wird der Husten effektiv mit Antitussiva behandelt, dann reicht eine Pause von einem Monat nach einer Hustensynkope. Patienten mit Synkopen auf Basis eines unbehandelten Karotissinus-Syndroms oder unbehandelter Bradykardien sollten ebenfalls nicht Auto fahren. Nach der Schrittmacherimplantation kann der Platz am Steuer in beiden Fällen dann nach einer Pause von einer Woche wieder eingenommen werden.

Drei Monate Pause nach ICD-Implantation

Relativ differenziert fallen die US-Empfehlungen hinsichtlich der Fahrtüchtigkeit bei Synkopen wegen supraventrikulärer Tachykardien (SVT) und ventrikulärer Tachykardien (VT/VF) aus. Erneut werden unbehandelte SVT- bzw. VT/VF-Patienten mit Synkope als nicht fahrtüchtig angesehen. Nach erfolgreicher SVT-Ablation ist die Fahrtüchtigkeit demnach nach einer Pause von einer Woche wieder gegeben. Bei pharmakologisch unterdrückten SVT sollte ein synkopenfreies Intervall von erneut einem Monat abgewartet werden.

VT/VF-Patienten mit Synkope und struktureller Herzerkrankung sowie einer LVEF von 35 % oder darüber sollten nach Implantation eines ICD und Einleitung einer leitliniengerechten, pharmakologischen Therapie drei Monate autoabstinent bleiben. Patienten mit Synkopen und einer LVEF von unter 35 % werden unabhängig vom Nachweis von VT/VF als nicht fahrtüchtig angesehen, solange kein ICD implantiert ist. Nach ICD-Implantation sollten nach den US-Empfehlungen ebenfalls drei Monate abgewartet werden.

Literatur

DGK Pressemeldung; Kreislaufversagen im Straßenverkehr: Unterschätzte Gefahr; 83. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Kardiologie (DGK), 19. bis 22. April 2017, Mannheim

Shen W-K et al. 2017 ACC/AHA/HRS Guidelines for the Evaluation and Management of Patients With Synkope. Circulation 2017; doi: 10.1161/CIR.0000000000000499

Highlights

TCT-Kongress 2022

Hier finden Sie die Highlights der Transcatheter Cardiovascular Therapeutics (TCT) Conference 2022, der weltweit größten Fortbildungsveranstaltung für interventionelle Kardiologie. 

Patientin mit NSTEMI – was sehen Sie in der Koronarangiographie?

Koronarangiographie (links: LAO5°/CRAN35°, rechts: RAO35°, CRA 35°) bei einer Patientin mit Nicht ST-Hebungsinfarkt (NSTEMI). Wie lautet Ihre Diagnose?

Aktuelles und Neues aus der Kardiologie

Smartphone in der Kitteltasche: Welche Apps helfen im kardiologischen Alltag?

Gesundheitsapps gibt es inzwischen jede Menge – aber welche davon können Kardiologinnen und Kardiologen wirklich unterstützen? Dr. Victoria Johnson aus Gießen gab bei den DGK-Herztagen einen Überblick über die Optionen.

Studie zur Antikoagulation bei subklinischem Vorhofflimmern gestoppt

Die NOAH-AFNET-6-Studie sollte Aufschluss darüber geben, ob sich durch orale Antikoagulation auch bei asymptomatischem Vorhofflimmern thromboembolische Ereignisse verhindern lassen. Jetzt ist die vom Kompetenznetz Vorhofflimmern e.V. initiierte Studie vorzeitig gestoppt worden.

Ist Rhythmuskontrolle bei asymptomatischem Vorhofflimmern von Vorteil?

Infolge besserer Screeningmethoden wie Smartphone-Apps wächst die Zahl der Menschen mit detektiertem asymptomatischem Vorhofflimmern. Bezüglich der rhythmuskontrollierenden Therapie bei dieser Gruppe sollte ein Umdenken stattfinden, forderte ein Experte bei den DGK-Herztagen 2022.

Aus der Kardiothek

Hätten Sie es erkannt?

Koronarangiographie (links: LAO5°/CRAN35°, rechts: RAO35°, CRA 35°) bei einer Patientin mit Nicht ST-Hebungsinfarkt (NSTEMI).

Verordnungsspielräume eines leitliniengerechten Therapiekonzepts aus Sicht der Kardiologen und Hausärzte

Single Pills haben sich in Studien im Vergleich zu Einzelwirkstoffen als vorteilhaft erwiesen. Sie kosten aber mehr als die losen Kombinationen. Dr. med. Georg Lübben gibt Tipps, wie Sie diese trotzdem wirtschaftlich verordnen können.

Young-BNK 2030: Eine Idee

Wie könnte eine Niederlassung 2030 aussehen? Wie findet man dann eine Praxis? Und wie läuft die Praxisversorgung? Dr med. Marvin Schwarz von der Young BNK berichtet über Zukunfts-Ideen der Young BNK.

TCT-Kongress 2022/© mandritoiu / stock.adobe.com
Kardio-Quiz September 2022/© Luise Gaede, Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg
kardiologie @ home/© BNK | Kardiologie.org