Nachrichten 27.09.2016

Schwankungen des Blutdrucks offenbaren Risiken

Nicht nur die Höhe des Blutdrucks, sondern auch dessen Schwankungen („Blutdruckvariabilität“) sind prädiktiv für die Mortalität sowie für kardiovaskuläre und renale Erkrankungen in der Zukunft. Diese bekannte Assoziation ist in der bislang größten Studie zur prognostischen Bedeutung der Blutdruckvariabilität bestätigt worden.

Je ausgeprägter die Variabilität des systolischen Blutdrucks, desto höher ist auf längere Sicht das Risiko im Hinblick auf Gesamtmortalität, koronare Herzkrankheit, Schlaganfall und terminales Nierenversagen. Zu diesem Ergebnis kommt eine Gruppe von US-Forschern um Dr. Csasba Kovesdy aus Memphis nach Analyse der im VA Veteran Affairs-System erfassten Gesundheitsdaten von mehr als 2,8 Millionen Patienten mit und ohne Bluthochdruck.

Standardabweichung als Parameter der Variabilität

Dabei handelte es sich um ambulante Patienten, bei denen in den Jahren 2005 und 2006 an Kliniken in den USA mindestens acht Messungen des Blutdrucks vorgenommen worden waren. Aus diesen Messungen ermittelten die Untersucher die Variabilität des systolischen Blutdrucks von Visite zu Visite (visit to visit variability, VVV), indem sie die Standardabweichung (SD) der Messwerte bei jedem Patienten berechneten. Dann wurden SD-Quartile (< 10,3 mmHg, 10,3 – 12,7 mmHg, 12,5 – 15,6 mmHg und > 15,6 mmHg) gebildet und in Beziehung zur Gesamtmortalität und zur Inzidenz von KHK, Schlaganfall und terminaler Niereninsuffizienz in der Folgezeit gesetzt. Die Follow-up-Dauer betrug mehr als acht Jahre.

Patienten mit erhöhter intraindividueller Blutdruckvariabilität waren im Schnitt älter und häufiger Männer. Auch der Familienstatus (geschieden oder verwitwet), niedrige GRF-Ausgangswerte sowie bestimmte Begleiterkrankungen (Diabetes, Hypertonie, kardiovaskuläre oder pulmonale Erkrankungen) erwiesen sich als Faktoren, die alle mit einer erhöhten Variabilität des Blutdrucks einhergingen.

Je variabler, desto ungünstiger

Wie die adjustierte Analyse (multivariate Cox models) des klinischen Outcomes in den SD-Quartilen ergab, war eine zunehmende intraindividuelle Blutdruckvariabilität, gemessen an der höheren Standardabweichung, mit einer Anstieg der Gesamtmortalität und einer graduellen Zunahme von Koronarerkrankungen, Schlaganfällen und terminalen Niereninsuffizienzen assoziiert. So hatten Patienten in den Quartilen 2, 3 und 4 im Vergleich zu jenen in Quartile 1 ein relativ um 10%, 32% und 80% höheres Sterberisiko. Auch im Hinblick auf KHK, Schlaganfälle und renale Erkrankungen ergab sich jeweils eine ähnliche graduelle Zunahme des Risikos mit zunehmenden Blutdruck-Fluktuationen.

Die schon zuvor in Studien festgestellte prädiktive Bedeutung einer erhöhten Blutdruckvariabilität wird damit auf breiterer Basis bestätigt.

Nur Marker oder Ursache?

Auf welche Mechanismen die Zunahme von Blutdruck-Fluktuationen zurückzuführen ist, muss im Einzelnen noch geklärt werden. Als mögliche Gründe sind eine mangelnde Therapietreue (non-adherence) bezüglich der antihypertensiven Medikation sowie Veränderungen der elastischen Eigenschaften von Gefäßen in der Diskussion. Störungen der Baroreflex-Funktion könnten ebenfalls von Bedeutung sein. Gegen die These von der schlechten Therapieadhärenz als Ursache spricht allerdings die Tatsache, dass die beobachteten Assoziationen in der aktuellen Studie auch bei Patienten ohne Hypertonie und somit ohne antihypertensive Medikation nachweisbar waren.

Auch die Frage, ob eine erhöhte Blutdruckvariabilität nur ein Marker für ein aus anderen Gründen erhöhtes Risiko oder selbst die Ursache dieser Risikoerhöhung ist, bleibt noch zu klären. Von ihrer Beantwortung hängt ab, ob die Blutdruckvariabilität als möglicher therapeutischer Ansatzpunkt dienen kann, um die Prognose der Patienten weiter zu verbessern.
 

Literatur

Gosmanova E. O. et al.: Association of Systolic Blood Pressure Variability With Mortality, Coronary Heart Disease, Stroke, and Renal Disease, J Am Coll Cardiol. 2016;68(13):1375-1386. doi:10.1016/j.jacc.2016.06.054

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