Nachrichten 03.05.2021

Wann ein hoher Salzkonsum sogar hilfreich ist

Es gibt kardiale Erkrankungen, da wird ein hoher Salzkonsum sogar empfohlen: beim posturalen orthostatischen Tachykardie-Syndrom etwa. In Studien bewiesen ist der Nutzen dieser Intervention bisher allerdings nicht. Jetzt gibt es erstmals Daten dazu.

Den meisten Menschen wird von einem hohen Salzkonsum abgeraten, gerade Herzpatienten sollten in der Regel die Zufuhr beschränken. Nicht so bei Patienten mit einem sog. posturalen orthostatischen Tachykardie-Syndrom, kurz POTS.

POTS-Patienten sollten viel Salz und Wasser zu sich nehmen

Patienten mit einer POTS leiden an einer orthostatischen Tachykardie, d.h. während des Aufrichtens kommt es zu einem starken Herzfrequenzanstieg (um mind. 30 Schläge/Minute). Der Blutdruck bleibt dagegen stabil, was die Erkrankung von einer orthostatischen Hypotonie unterscheidet. Meist sind Frauen davon betroffen. Viele POTS-Patienten haben erniedrigte Plasmavolumen und erhöhte Noradrenalin-Plasmaspiegel. Ein spezifisch für das POTS zugelassenes Medikament gibt es bis heute nicht.

Den Betroffenen wird in der Regel geraten, möglichst viel Salz zu sich nehmen: 10 bis 12 g am Tag. Daneben sollten sie auf eine ausreichende Wasserzufuhr achten (2 bis 3 L/Tag). Ziel dieser Intervention ist, das Plasmavolumen der Patienten zu erhöhen und dadurch ihren Kreislauf zu stabilisieren.

Durch Studien belegt ist diese Empfehlung aber nicht

Durch eine Studie belegt wurde der Nutzen einer erhöhten Salzzufuhr bei POTS-Patienten bisher aber nicht. Mediziner um Dr. Emily Garland, Tennessee, wollten das ändern und haben jetzt erstmals Daten dazu publiziert.

Insgesamt 14 POTS-Patientinnen und 13 gesunde Kontrollpersonen haben sie dafür rekrutiert und randomisiert. Die Teilnehmerinnen wurden angehalten, sechs Tage lang einen bestimmten Diätplan zu befolgen, der entweder sehr viel Salz (300 mmol Natrium, entspricht ca. 17,5 g Salz/Tag) oder sehr wenig Salz (10 mmol Natrium, entspricht ca. 0,5 g Salz/Tag) enthielt. Nach der jeweiligen Studienphase fand ein crossover statt, also jede Patientin aß mal wenig und mal sehr viel Salz. Die jeweiligen Phasen fanden immer zur selben Zeit der Menstruation statt, um die Vergleichbarkeit zu gewährleisten.

Die Compliance wurde mithilfe von Urinproben überprüft. Die hämodynamischen Reaktionen wurden mittels Stehtests, Herzfrequenz- und Blutdruckmessungen sowie Blutproben dokumentiert.

Verbesserte Kreislaufreaktionen bei hohem Salzkonsum

Und diese Aufzeichnungen legen tatsächlich einen Effekt des Salzkonsums nahe: So fiel der Herzfrequenzanstieg während des Aufstehens deutlich geringer aus in der Zeit, in der die Frauen viel Salz zu sich nahmen als in der Phase des geringen Konsums (im Schnitt + 43 Schläge/Min vs. + 60 Schläge/Min; p=0,001). Die Herzfrequenz in aufrechter Haltung war bei hoher Salzzufuhr ebenfalls geringer (117 vs. 129 Schläge/min; p=0,002). Das Volumendefizit der Teilnehmerinnen reduzierte sich und ihre Noradrenalin-Plasmaspiegel gingen zurück.

Doch ganz weg ist das POTS dadurch nicht

Doch trotz dieser Verbesserungen waren all diese Parameter bei den POTS-Patientinnen noch immer ausgeprägter als bei den gesunden Kontrollpersonen – selbst bei hohem Salzkonsum. Sprich, das POTS-Syndrom ist durch die Salzintervention nicht vollständig verschwunden, die Kriterien trafen weiterhin zu: Die Herzfrequenz stieg beim Aufstehen ≥ 30 Schläge/Min an und die Frauen hatten Beschwerden einer orthostatischen Intoleranz, auch wenn sich diese in Zeiten des hohen Salzkonsums tendenziell verbesserten.

Eine Behandlung mit einer hohen Salzzufuhr könne somit die POTS-Symptomatik verbessern, sie reiche aber nicht aus, um das Syndrom vollständig zu „normalisieren“, schließen Garland und ihr Team aus diesen Daten. Ihrer Ansicht nach unterstützt die Studie damit die aktuellen Empfehlungen, Patienten mit einer POTS zu einer verstärkten Salzzufuhr über die Ernährung zu raten.

Unklar ist allerdings, ob die Wirkung auch langfristig bestehen bleibt. Vorstellbar wäre etwa, dass sich über die Zeit ein gewisser Gewöhnungseffekt einstellt. Darüber hinaus ist bei der Interpretation der Ergebnisse zu beachten, dass die Salzzufuhr in der Niedrigsalz-Phase sehr gering war und weit weniger als dem „Normalen“ entsprach.

Literatur

Garland E et al. Effect of High Dietary Sodium Intake in Patients With Postural Tachycardia Syndrome; J Am Coll Cardiol. 2021,77(17):2174–84

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