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12.10.2015 | Nachrichten | Onlineartikel

Risikofaktor Umwelt

Lärm als Hypertonie-Äquivalent

Autor:
Philipp Grätzel

Geht die Hälfte aller Herzinfarkte auf schädigende Umweltfaktoren zurück? Zumindest gibt es immer mehr Hinweise, dass insbesondere Lärm nicht nur die Ohren, sondern auch die Blutgefäße in Mitleidenschaft zieht.

In den kardiologischen Risiko-Scores für Koronarereignisse finden sich Luftverschmutzung und Lärm als relevante Faktoren noch nicht. Und auch die europäischen kardiologischen Leitlinien schweigen sich dazu bisher weitgehend aus: „Nicht einmal in der Präventionsleitlinie der ESC kommt das Wort Lärm vor“, sagte Prof. Thomas Münzel, Mainz.

Das könnte sich ändern. Denn es gibt immer mehr Hinweise darauf, dass Lärm das kardiovaskuläre Risiko erhöhen könnte. So hat eine aktuelle Studie aus London in einer detaillierten geographischen Analyse den Zusammenhang zwischen Tages- und Nachtlärm und Gesamtsterblichkeit bzw. kardiovaskulärer Sterblichkeit und kardiovaskulären Ereignissen untersucht.

Lärm erhöht Schlaganfallrisiko

Ergebnis: Im Vergleich zu Straßenlärm unter 55 db erhöht Straßenlärm über 60 db das Schlaganfallrisiko bei Erwachsenen um signifikante 5% und bei über 75-Jährigen um signifikante 9%. Auch Gesamtsterblichkeit, ischämische Herzerkrankungen und kardiovaskuläre Todesereignisse waren teils signifikant erhöht.

Münzel berichtete in Berlin jetzt über eine eigene Studie, bei der seine Mitarbeiter mit Hilfe eines MP3-Players Nachtfluglärm simuliert haben, und zwar 30 und 60 Überflüge pro Nacht. Untersucht wurde, wie sich das auf die Endothelfunktion auswirkt. Anlass der Studie war unter anderem eine neue Start- und Landebahn des Frankfurter Flughafens, die dazu führte, dass regelmäßig ab 5 Uhr morgens Flugzeuge mit bis 76 db über das Uniklinikum donnern. „Die WHO empfiehlt für Krankenhäuser maximal 55 db“, so Münzel.

Endothelfunktion verschlechtert sich

In ihrer Studie, an der gesunde Probanden teilnahmen, konnten die Mainzer Kardiologen zeigen, dass sich die Endothelfunktion durch den Lärm verschlechtert. „Das war dosisabhängig. Bei 60 Lärmereignissen war der Effekt signifikant stärker“, so Münzel.

In einer weiteren Untersuchung zeigte sich, dass der Zusammenhang zwischen Lärm und endothelialer Dysfunktion bei KHK-Patienten noch ausgeprägter war als bei Gesunden. Durch Vitamin C ließ sich die lärminduzierte endotheliale Dysfunktion teilweise antagonisieren. Die These sei deswegen, dass Lärm zu oxidativem Stress führe, der wiederum das Endothel schädige, so Münzel.  

Literatur

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