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10.12.2014 | Nachrichten | Onlineartikel

Plötzlicher Herztod

Lebensrettende Wirkung? Defi-Weste bleibt kontrovers

Autor:
Philipp Grätzel

Bei der ESC-Tagung 2014 in Barcelona erregten Registerdaten zur lebensrettenden Defibrillatorweste LifeVest einiges Aufsehen. Doch die genaue Zielgruppe bleibt strittig. Mehr Evidenz wird gefordert.

Bei der Defi-Weste LifeVest handelt es sich um ein patentiertes externes Defibrillatorsystem, das ventrikuläre Tachykardien und Kammerflimmern mit Hilfe von Elektroden erkennt, die in die Weste eingelassen sind.

Patient kann Schockabgabe verhindern

Im Alarmfall, und nur dann, wird an den Defibrillatorelektroden Gel aus Kapseln freigesetzt, und es erfolgte eine Schockabgabe, sofern der Patient den Vorgang nicht innerhalb eines Zeitfensters von maximal 25 Sekunden abbricht. Anders als bei einem ICD kann der Patient bei diesem System also fehlerhafte Schockabgaben aktiv verhindern.

Beim 6. Euro VT/VF Meeting in Berlin berichtete Professor Wojciech Zareba, Leiter der kardiologischen Klinik an der Universität Rochester, dass in den USA mittlerweile Erfahrungen mit über 100.000 Patienten bestünden, die diese Weste im Alltag meist temporär tragen.

Einsatz nach Herzinfarkt

Die meisten dieser Patienten erfüllten (noch) nicht die Kriterien für einen implantierbaren Defibrillator (ICD). Eine typische Indikation ist die präventive Ausrüstung mit einer Weste in den ersten Monaten nach einem Myokardinfarkt.

Zareba rekapitulierte in Berlin Daten aus dem WEARIT-II-Register, die bei der ESC-Jahrestagung in Barcelona in der Late-Breaking-Session vorgestellt worden waren. Es handelt sich um ein freiwilliges Register, das insgesamt rund 2000 Patienten umfasst, davon knapp die Hälfte mit ischämischer Herzerkrankung, die andere Hälfte mit nicht ischämischen Kardiomyopathien oder kongenitalen Vitien.

Gute Akzeptanz

Das Register zeige die gute Akzeptanz der Weste, so Zareba. Im Mittel wurde sie 22,5 Stunden pro Tag getragen.

Die Rate an inadäquaten Schocks lag bei 0,5% pro 90 Tage, die Schockrate insgesamt bei 1,1% und die Ereignisrate (VT/VF) bei 2,1%. Demnach wurde knapp jeder zweite drohende Schock von den Patienten in Eigenregie abgebrochen.

Der Kardiologe sieht sich durch diese Daten bestätigt, die Weste Patienten nach Myokardinfarkt zu empfehlen. Auch nach koronarer Bypass-Operation, eventuell sogar nach unklarer Synkope, könne die Weste seiner Ansicht nach eine Option sein.

Unklare Indikationskriterien

Professor Andrew Epstein von der University of Pennsylvania äußerte sich demgegenüber deutlich kritischer. Er wies darauf hin, dass es bisher keine klaren Kriterien dafür gebe, wem genau diese Weste empfohlen werden sollte.

Er sieht die Gefahr einer Übertherapie, mit der Patienten letztlich weniger beruhigt als verunsichert werden. Zudem sei unklar, ob die Weste insbesondere nach Myokardinfarkten überhaupt das richtige Instrument sei.

So sei in den Monaten nach einem Infarkt zwar das Risiko eines plötzlichen Herztods erhöht. Dies habe aber nicht immer und möglicherweise nicht einmal in der Mehrzahl der Fälle rhythmologische Ursachen, so Epstein.

Warten auf randomisierte Studien

Auch die negativen Ergebnisse von ICD-Studien im primärpräventiven Kontext sieht Epstein als indirektes Argument gegen einen frühen Einsatz der Weste.

Vor einem breiten Einsatz seien in jedem Fall randomisierte Studien abzuwarten. Eine solche Studie, die VEST-Studie, bei der Patienten für 90 Tage nach einem Infarkt eine Weste erhalten, läuft gerade. Die Rekrutierung dürfte Ende 2015 abgeschlossen sein.

Literatur

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