Nachrichten 23.04.2020

Disseminierte Gerinnungsstörung bei COVID-19: Antikoagulieren oder nicht?

Gerinnungsstörungen sind bei COVID-19-Pneumonie eher die Regel als die Ausnahme. Vor allem die schwerer betroffenen Patienten erfüllen oft die DIC-Kriterien. Nur: Wie damit umgehen?

Die Internationale Gesellschaft für Thrombose und Hämostase (ISTH) hat dieser Tage ein vorläufiges Positionspapier vorgelegt, in dem sie diskutiert, wie mit Gerinnungsstörungen bei stationären COVID-19-Erkrankungen umzugehen ist. Zugrunde liegt dem die schon früh im Verlauf der derzeitigen Pandemie gemachte Beobachtung, dass insbesondere schwer kranke Patienten mit COVID-19-Pneumonie häufig Gerinnungsstörungen zeigen. 

Die spiegeln sich in der Labordiagnostik wider. So sind bei schwer kranken Patienten mehrheitlich die D-Dimere teils stark erhöht und häufig die Prothrombinzeit verlängert. Auch die Thrombozytenzahlen waren in einer aktuellen Metaanalyse von neun Studien und Fallserien bei schwerer COVID-19-Erkrankung im Schnitt niedriger.

Aktuelle Empfehlung: Gerinnungsparameter monitoren

Die ISTH empfiehlt vor diesem Hintergrund eine Basismessung von D-Dimeren, Prothrombinzeit und Thrombozyten bei Aufnahme, auch um abzuschätzen, bei welchen Patienten ungünstigere Verläufe drohen. 

Auch ein Monitoring dieser drei Gerinnungsparameter wird empfohlen, zusätzlich auch ein Monitoring von Fibrinogen. Letzteres geht auf eine chinesische Patientenserie mit 183 konsekutiven COVID-19-Patienten zurück, die eine Gesamtmortalität von 11,5% zeigten. In dieser Kohorte hatten 71,4% der Patienten, die verstarben, am im Mittel vierten Tag nach Aufnahme eine disseminierte intravasale Gerinnung (DIC), festgemacht am ISTH DIC-Score, der Fibrin, D-Dimere, Thrombozyten und Prothrombinzeit berücksichtigt. Bei den Patienten, die überlebten, war dieser Score nur in 0,6% der Fälle zu irgendeinem Zeitpunkt während des Krankenhausaufenthalts pathologisch.

Prophylaktische LMWH als Standard

Vor dem Hintergrund dieser DIC-Zahlen und der Beobachtung, dass hohe D-Dimere bei COVID-19 mit einer höheren Mortalität assoziiert sind, empfiehlt die ISTH den Einsatz niedermolekularer Heparine (LMWH) in prophylaktischer Dosis bei allen Patienten, die wegen einer COVID-19 ins Krankenhaus eingewiesen werden und die dafür keine Kontraindikationen aufweisen, also keine aktive Blutung bei Thrombozyten unter 25 x 109 pro Liter. 

Dass die LMWH-Behandlung nutzenstiftend sei, habe kürzlich eine bisher nur als Abstract vorliegende, erneut chinesische Studie mit 449 COVID-19-Patienten gezeigt, von denen 99 prophylaktisch mit Heparin, meist LMWH, behandelt wurden. Zwar habe es in der 28-Tage-Sterblichkeit zwischen LMWH- und Nicht-LMWH-Patienten keinen Unterschied gegeben. Wohl aber hätten Patienten mit Sepsis-Koagulopathie, festgemacht an einem SIC-Score ≥ 4, eine um ein Drittel geringere Sterblichkeit gehabt, wenn sie prophylaktisch mit LMWH behandelt wurden.

Ist eine Vollantikoagulation die bessere Strategie?

Unumstritten ist diese ISTH-Empfehlung zur Gerinnungshemmung nicht. Manchen geht sie nicht weit genug. 

Ein ebenfalls im „Journal of Thrombosis and Haemostasis” veröffentlichter Kommentar von Intensivmedizinern der Harvard Medical School und der University of Colorado in Denver plädiert vehement für eine Vollantikoagulation mit unfraktioniertem Heparin (UFH). Die Autoren weisen unter anderem darauf hin, dass es aus Studien jenseits von COVID-19 Hinweise darauf gebe, dass die Effektivität prophylaktischer LMWH-Dosierungen bei erhöhten Fibrinogen-Spiegeln reduziert sei. Zudem sei beim COVID-19-ARDS regelmäßig von Mikrothrombosierungen im Lungengefäßsystem auszugehen, die zum progressiven Atemversagen beitrügen. Dies erkläre unter anderem, warum die Echokardiografie bei schwerkranken COVID19-Patienten häufig eine Rechtsherzbelastung zeige und sei ein weiteres Argument für die Vollantikoagulation.

„Es gab noch nie eine Erkrankung, die so konsistent wie COVID-19 eine thrombotische DIC bei einer hohen Zahl von Patienten verursacht“, so die Autoren. Sie plädieren, so lange es keine randomisierten Daten gibt, für eine Vollantikoagulation mit UFH bei stationären Patienten bevor diese eine signifikante klinische Verschlechterung zeigen. 

Auch eine Antithrombin-Gabe könne hilfreich sein, wofür es aber auch keine kontrollierten Daten gibt. Grundsätzlich sei möglichst schnell eine randomisierte Studie nötig, die bei COVID-19-Patienten eine Vollantikoagulation mit UFH mit einer therapeutischen sowie einer prophylaktischen LMWH-Gabe vergleiche.

Literatur

Thachil J et al. ISTH interim guidance on recognition and management of coagulopathy in COVID-19. J Throm Haemost 2020. doi: 10.111/JTH.14810

Tang N et al. Abnormal coagulation parameters are associated with poor prognosis in patients with novel coronavirus pneumonia. J Thromb Haemost 2020;18:844-7

Barrett CD et al. ISTH interim guidance on recognition and management of coagulopathy in COVID-19: A Comment. J Thromb Haemost 2020. doi: 10.111/JTH.14860

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