Nachrichten 01.12.2020

Warum immer mehr Menschen über Statin-Nebenwirkungen berichten

Berichte über Nebenwirkungen im Zusammenhang mit einer Statintherapie haben in den USA in den letzten 10 Jahren deutlich zugenommen. Zumeist handelt es sich um subjektive Beschwerden – was Ärzten in ihrem Alltag bewusst sein sollte.

Immer mehr Menschen in den USA berichten über unerwünschte Effekte im Kontext mit einer Statinbehandlung. Diese sind aber sehr häufig subjektiver Natur, wie eine Analyse der von der FDA geführten Datenbank FAERS ergeben hat.

Die FDA hat die Datenbank 1968 ins Leben gerufen, um Menschen die Möglichkeit zu bieten, über potenzielle medikamentenassoziierte Nebenwirkungen zu berichten. Die Berichterstattung ist freiwillig und soll die Arzneimittelüberwachung nach Zulassung eines Medikamentes in den USA unterstützen.

Subjektive Nebenwirkungen viel häufiger als objektive

Zwischen 2010 und 2019 wurden der aktuellen Auswertung zufolge mehr als viermal so viele subjektive als objektive unerwünschte Effekte im Zusammenhang mit einer Statintherapie in die Datenbank eingetragen (im Schnitt 4.777 versus 999 Berichte im Quartal; p˂ 0,0001).

Als „subjektiv“ beurteilten die Autoren um Prof. Jungyeon Moon Nebenwirkungen, die von den Patienten selbst angegeben werden, ohne dass diese durch physiologische Veränderungen greifbar sind, z.B. Fatigue, Arthralgien, Muskelschwäche/schmerzen ohne Laborbefunde und neurologische Beschwerden wie Kopfschmerzen, Müdigkeit und Schwindel. Als „objektiv“ stuften sie Symptome ein, die mit Labor- oder anderen physiologische Auffälligkeiten einhergingen bzw. oder durch medizinisches Personal bestätigt wurden. Dazu zählten Rhabdomyolysen, Myopathien, Anstieg von Kreatinphosphokinase, Chromaturie und Hämaturie oder hepatische Störungen wie Leberschäden, Cholestasis, Ikterus, Anstieg von Leberenzymen usw.

Im Analysezeitraum ist es zu einem deutlichen Anstieg von subjektiven Beschwerden im Kontext einer Statintherapie gekommen, wohingegen die Rate an objektiven Nebenwirkungen konstant auf recht niedrigem Niveau geblieben ist.

Wahrscheinlich steckt oft ein Noceboeffekt dahinter

Diese Tatsache zusammen mit den Erkenntnisse aus früheren Studiendaten lassen Moon und Kollegen vermuten, dass hinter vielen der berichteten subjektiven Nebenwirkungen ein Noceboeffekt steckt: Ein Noceboeffekt manifestiere sich häufig über solche subjektiven Beschwerden, die zu einem großen Anteil durch die Wahrnehmung des Patienten beeinflusst werden, erläutern die Pharmakologen von der Western University of Health Sciences in Pomona ihren Verdacht.

Bestätigt wird die Einschätzung der Autoren durch eine erst kürzlich beim AHA-Kongress vorgestellte randomisierte Studie. In der dreiarmigen SAMSON-Studie ließen sich 90% der Nebenwirkungen, die Patienten im Kontext einer Statintherapie empfunden haben, mit großer Wahrscheinlichkeit auf einen Noceboeffekt zurückführen (wir berichteten).

Nebenwirkungs-Rate korreliert mit negativen Berichterstattungen

Ebenfalls dafür spricht, dass die im Laufe der Zeit zu beobachtenden Piks von Berichten subjektiver Nebenwirkungen mit medialen Berichterstattungen bzw. Warnungen über potenzielle Statin-Nebenwirkungen korrelierten. So fällt der erste deutliche Anstieg im dritten Quartal 2010 mit dem Erscheinen einer FDA-Warnung im März desselben Jahres zusammen, in welcher die Behörde über das Risiko einer Muskeltoxizität im Zusammenhang mit einer Hochdosis-Simvastatin-Therapie berichtet hatte. Kurz vor dem zweiten Pik hatte die FDA über mögliche kognitive Effekte einer Statinbehandlung, ein womöglich erhöhtes Diabetes-Risiko und Medikamentenwechselwirkungen aufgeklärt. Und der Anstieg im Jahr 2018 könnte nach Ansicht der Autoren mit den von den US-Leitlinien eingeführten Verschärfungen der LDL-Cholesterin-Zielwerte zusammenhängen.

„Der leichte Zugang zu negativen Online-Informationen, über die Google-Suchmaschine, könnte den Noceboeffekt für Statin-Nebenwirkungen weiter verstärken“, erläutern die US-Pharmakologen mögliche Ursachen für den zu beobachtenden Anstieg.

„Ärzte sollten ihr Bewusstsein für subjektive Nebenwirkungen stärken“

Sie weisen allerdings darauf hin, dass nicht alle subjektiven Nebenwirkungen, die potenziell mit einem Noceboeffekt zusammenhängen, automatisch diesem zugeschrieben werden können. Doch egal ob Nocebo oder nicht – eine Statintoleranz z.B. aufgrund von Muskelbeschwerden sollte ihrer Ansicht nach von den Ärzten ernst genommen werden. „Es ist wichtig, dass Ärzte ihre Bewusstsein für die zunehmenden Berichte subjektiver Statin-Nebenwirkungen, die mit einem Noceboeffekt assoziiert sein könnten, steigern, und in einen Dialog mit ihren Patienten treten“, schreiben sie in der Publikation. Obligat ist ihrer Ansicht nach, die Patienten sorgfältig über das Nutzen/Risiko-Profil einer Statintherapie aufzuklären und dabei potenzielle negative Einstellungen des Patienten wahrzunehmen, um einem möglichen Noceboeffekt entgegenwirken zu können.

Frauen scheinen anfälliger für subjektive Nebenwirkungen

Besonders bei Frauen ist laut Moon und Kollegen auf eine umfassende Aufklärung zu achten. Denn in der aktuellen Analyse berichteten Frauen deutlich häufiger über subjektive Nebenwirkungen als Männer, und früheren Studien zufolge brechen Frauen auch deutlich häufiger eine Statinbehandlung aufgrund von Muskelbeschwerden ab. Objektive Nebenwirkungen kamen in der aktuellen Studie dagegen häufiger bei Männern vor. Auch wegen vorheriger Studienergebnisse vermuten die Pharmakologen, dass Frauen anfälliger für Noceboeffekte sein könnten als Männer.

Als weitere Auffälligkeit stellten die Autoren fest, dass objektive Muskelbeschwerden unter einer Therapie mit Simvastatin häufiger dokumentiert worden sind als bei anderen Statinpräparaten, mit einem um 50% höheren relativen Risiko (beobachtete Odds Ratio: 1,53; 95%-KI: 1,49–1,58). Aufgrund des pharmakologischen Profils von Simvastatin für die US-Pharmakologen kein überraschender Befund: Denn eine Therapie mit dieser Substanz werde mehr durch CYP450 3A4-Medikamentenwechselwirkungen und durch genetische, mit einer Myopathie einhergehende Polymorphismen beeinflusst.

Einschränkend weisen sie darauf hin, dass ihre retrospektive Analyse auf einem freiwilligen passiven Berichtsystem basiert, wodurch die tatsächliche Rate an Nebenwirkungen womöglich unterschätzt werde.

Literatur

Moon J et al. Examining the nocebo effect of statins through statin adverse events reported in the FDA adverse event reporting system (FAERS). Circulation 2020; DOI: https://doi.org/10.1161/CIRCOUTCOMES.120.007480

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