Onlineartikel 13.11.2015

Mehr Endokarditiden nach Änderung der ESC-Leitlinien?

Eine Studie aus Holland bringt eine Zunahme von Endokarditiden in zeitlichen Zusammenhang mit veränderten Leitlinien-Empfehlungen zur Endokarditis-Prophylaxe.

Auch die aktuellen Guidelines der ESC von 2015 sehen eine Indikation zur Endokarditis-Prophylaxe nur bei Zahnarzteingriffen bei Hochrisikogruppen (Zustand nach Klappenersatz oder Endokarditis) und bei cyanotischen Vitien, ohne dass dies durch eine randomisierte Studie belegt ist. Diese Empfehlungen entsprechen weitestgehend denen der ESC von 2009 und den AHA-Guidelines. Sowohl in den Vereinigten Staaten als auch in UK gab es Hinweise auf eine Zunahme von Endokarditiden nach Einführung dieser Leitlinien.

Eine niederländische Arbeitsgruppe sammelte die Versicherungsdaten von 2005–2011 mit der Diagnose Endokarditis, zusätzlich wurden noch die Daten von drei Allgemeinkliniken bzgl. Endokarditiden (216 Patienten) als Gegenkontrolle mit untersucht.

Insgesamt fanden sich im untersuchten Zeitraum 5.213 Patienten mit einer Endokarditis, davon 69% männlich. Bei 30% fand sich ein Klappenersatz, bei 8% waren eine Schrittmacherelektroden und bei 5% Klappen rechtventrikulär betroffen. Häufigste Erreger waren Streptokokken mit 37,4% und Staphylokokken mit 36,1%.

Die Daten zeigten im Zeitraum eine deutliche Zunahme von 30,2 neuen Fällen pro 1 Mio. im Jahr 2005 auf 62,9 pro 1 Mio. in 2011 auf. Überwiegend kam es bei den Männern zu einem Anstieg. Allerdings begann der Anstieg sowohl bei Männern als auch bei Frauen schon 2007.

Patienten mit einer Endokarditis hatten eine hohe Mortalität von 36,1%, wobei Frauen (49,3 vs. 28,2%) und Patienten mit Klappenersatz (66,2 vs. 37%) signifikant häufiger betroffen waren.

Einschränkend stellen die Autoren selbst fest, dass die Daten keine Kausalität beweisen können und dass auch keine Daten zur Verschreibung von Medikamenten zur Prophylaxe vorlagen.

In ihrem Kommentar zu den Daten wies Dr. Jane W. Newburger von der Harvard Medical School auf wesentliche Punkte hin. Sie gab zu bedenken, dass eine mögliche Ursache der Zunahme von Endokarditiden in der Zunahme der Häufigkeit von degenerativen Herzklappenveränderungen, implantierten Devices und prädisponierenden Co-Morbiditäten wie Diabetes, Niereninsuffizienz und invasiver Prozeduren liegen könnte.

Ein weiterer Aspekt könnte eine bessere Codierung der Diagnose und eine bessere Diagnostik sein. Newburger verweist auch auf den auffälligen Anstieg der Endokarditiden in den holländischen Daten bereits im Jahr 2007 – also lange vor den ESC Guidelines 2009.

Insgesamt bleibt festzuhalten, dass zur Klärung der Notwendigkeit einer Endokarditis-Pophylaxe Studien, entweder Fallkontrollstudien oder randomisierte Studien, erforderlich sind. Vorerst bleibt eine gewisse Unsicherheit.


In unserer Kolumne „Expertenblickpunkt“ hebt ein Experte aus Klinik oder Praxis besondere Inhalte von Kongressen und aus der aktuellen kardiologischen Berichterstattung hervor. Dr. Norbert Smetak ist Bundesvorsitzender des Bundesverbandes Niedergelassener Kardiologen (BNK). Er arbeitet als niedergelassener Kardiologe in Kirchheim.


Literatur

Increased Incidence of Infective Endokarditis after the 2009 ESC Guideline update: A Nation-wide Study in the Netherlands, vorgestellt bei der Jahrestagung 2015 der American Heart Association (AHA) in Orlando, Florida, 7.–11. November 2015

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Expertenblickpunkt AHA Kongress 2015/© kardiologie.org