Onlineartikel 16.09.2015

Mittagsschlaf, Kaffee, TV-Konsum – was so alles den Blutdruck verändert

Ein Mittagsschläfchen wirkt sich positiv auf den Blutdruck aus, während zu viel Kaffee, Bewegungsmangel durch langen TV-Konsum und Depressionen negative Effekte für Hypertoniker haben – wer hätte das gedacht?

Vier Beobachtungsstudien zeigen einmal mehr den Zusammenhang zwischen Lebensstil und Bluthochdruck. Die gute Nachricht zuerst: In Griechenland hat der Athener Kardiologe Dr. Maniolis Kallistratos bei 386 Patienten mit arterieller Hypertonie (200 Männer und 186 Frauen, Durchschnittsalter 61,4 Jahre) festgestellt, dass ein Nickerchen am Tag sowohl Blutdruck als auch Medikamentenverbrauch senken kann.

Die Siesta-Gruppe musste mindestens 60 Minuten in Morpheus Armen verbringen. Nach Adjustierung der Faktoren Alter, Geschlecht, BMI, körperliche Aktivität, Alkohol-, Kaffee- und Salzkonsum führte das Nickerchen tatsächlich zu einem Abfall des 24-Stunden-Blutdrucks um 6 mmHg (systolisch). Im Vergleich zu den Nichtmittagsschläfern war das eine Reduktion von 5%.

Außerdem fiel der nächtliche Blutdruck der Tagesschläfer 2% tiefer als im Vergleichskollektiv, die Pulswellengeschwindigkeiten war um 11% geringer und die linken Ventrikel hatten ca. 5% kleinere Durchmesser.

Der Benefit einer Mittagsruhe wird sich im hiesigen Alltag, abseits des mediterranen Umfeldes, wohl nur schwer auf einen durchschnittlichen Arbeitsnehmer übertragen lassen. Noch erntet man mit einem Schläfchen im Bürostuhl nicht unbedingt die Anerkennung des Vorgesetzten.

Psyche kann dem Herz schaden

Dass Depressionen das Allgemeinbefinden gerade bei Hypertonikern nicht unbedingt verbessern, ist weder neu noch überraschend. Wenn die Psyche leidet, erhöht sich auch das kardiovaskuläre Risiko, so der Mediziner Dr. Bhautesh Jani aus Glasgow, Schottland. Seine Studienergebnisse basieren auf der Datenanalyse von mehr als 35.000 Patienten mit bekannter Herzerkrankung, Diabetes oder vorangegangenem Schlaganfall. Für sie lagen Blutdruckwerte und Depressions-Scores (HADS-D) über einen Follow-up-Zeitraum von 4 Jahren vor.

Bei Herzpatienten mit erhöhtem Blutdruck (systolisch 140–150 mmHg, diastolisch 90–99 mmHg) plus Depressionen stieg das Risiko für einen weiteren Schlaganfall, Herzinfarkt oder kardiovaskulären Tod um 83% (p < 0,001); ebenso bei Herzpatienten mit niedrigem Blutdruck (systolisch < 120, diastolisch < 80 mmHg) und Depressionen (um 36%; p < 0,001), jeweils im Vergleich zu Herzpatienten, die nicht depressiv waren und einen niedrigen Blutdruck hatten.

Unklar blieb, ob jetzt alle Hypertoniker auf Depressionen gescreent werden sollen, ob die Kombination von Blutdrucksenkern mit Antidepressiva synergistisch wirkt und ob Herzpatienten mit niedrigem Blutdruck von einer antidepressiven Therapie hinsichtlich ihres Risikos profitieren. Und wie immer, wenn die Aussagekraft etwas dürftig ist, wurden weitere Studien gefordert, damit man die Zusammenhänge besser versteht.

Kaffee in der Kritik

Je nach Studiendesign werden dem Kaffeekonsum in schöner Regelmäßigkeit herzschützende oder eben herzschädigende Eigenschaften zugesprochen. Diesmal ging es wieder schlecht aus, und zwar für Kaffeetrinker in der Altersgruppe zwischen 18 und 45 Jahren, die gleichzeitig einen nicht behandelten erhöhten Blutdruck (systolisch 140–150 mmHg, diastolisch 90–99 mmHg) hatten und täglich 1 bis 3 (moderate Kaffeetrinker) oder 4 und mehr Tassen Kaffee (starke Kaffeetrinker) zu sich nahmen.

Dann war nach 12 Jahren Follow-up das Risiko für ein kardiovaskuläres Ereignis drei bzw. vierfach erhöht, erklärte Dr. Lucio Mos, Udine, Italien. Die Daten stammen von über 1.200 Studienteilnehmern der prospektiven HARVEST-Studie. Insgesamt traten 60 kardiovaskuläre Ereignisse auf, in 80% der Fälle Herzinfarkte.

Ebenfalls linear mit dem Kaffeekonsum stieg auch das Risiko, einen medikamentös behandlungsbedürftigen Bluthochdruck zu entwickeln. Diese Risikoerhöhung entpuppte sich bei starken Kaffeetrinkern als signifikant (p = 0,004). Und auch das Risiko für Prädiabetes erhöhte sich für die stark Kaffeesüchtigen auf das Doppelte. Signifikant (p = 0,0076) war das aber nur in einer Subpopulation mit dem Genotyp CYP1A2, die Koffein langsamer metabolisiert und dessen schädlichen Wirkungen auf den Glukosestoffwechsel daher länger ausgeliefert ist. Vor dem nächsten Kaffee also bitte erst mal zum Genotyp-Screening?!

Embolie durch Bewegungsmangel

Wer dann noch länger als 5 Stunden täglich vor dem Fernseher sitzt, was auf ein Viertel der Japaner zutreffen soll, der hat ganz schlechte Karten. Denn dieser deutliche Hinweis auf mangelnde Bewegung fördert ebenfalls gewisse Gesundheitsrisiken.

Dazu gehört die von Dr. Toru Shirakawa aus Osaka, Japan, etwas isoliert betrachtete tödliche Lungenembolie, wie sie vereinzelt auch bei Passagieren von Langstreckenflügen in der Holzklasse auftritt. Shirakawa analysierte Langzeitdaten (mittlere Follow-up-Dauer 18,4 Jahre) von über 86.000 Japanern im Alter zwischen 40 und 79 Jahren und fand bei der Auswertung von Totenscheinen in 59 Fällen eine Lungenembolie als Todesursache.

Dabei ergab sich ein doppelt so hohes Risiko (Hazard Ratio [HR] = 2,38) für tödliche Lungenembolien, wenn täglich mehr als 5 Stunden TV-Zeit auf dem Programm standen, verglichen mit einer geringeren Flimmerkistenaffinität von 2,5 Stunden oder weniger. Besonders drastisch stieg dieses Risiko in der Altersgruppe der unter 60-Jährigen, nämlich auf das Sechsfache (HR = 6,49).

Der Referent schlussfolgerte, dass eine ähnliche Risikoerhöhung auch bei der Nutzung anderer moderner visueller Endgeräte bestehen könnte, z.B. beim exzessiven Computerspielen oder Smartphone-Gebrauch.

Wer also nach stundenlangem TV-Konsum noch keine Depressionen hat, der sollte wenigstens seine Kaffeezufuhr einschränken, damit er durch einen ausgedehnten Mittagsschlaf sein kardiovaskuläres Risiko wieder etwas reduzieren kann. Fazit: Wer gesund lebt, bleibt auch länger gesund – na sowas!  

Literatur

Pressekonferenz „Lifestyle & Hypertension“ im Rahmen des ESC-Kongresses am 29.8.2015 in London