Nachrichten 02.09.2022

Herzbeteiligung nach Boosterimpfung – wie hoch ist die Inzidenz wirklich?

Eine Herzbeteiligung nach COVID-19-Impfungen mit mRNA-Vakzinen könnte häufiger vorkommen als gedacht. In einer Beobachtungsstudie aus der Schweiz war eine von 35 Personen betroffen, jedoch ohne schwere kardiovaskuläre Ereignisse.

Eine COVID-19-Erkrankung kann sich auf das Herz auswirken, selten auch die entsprechende Impfung. Bisher wurden auf die Vakzinierung folgende Myokarditiden besonders bei jungen Männern beobachtet. Ein Forscherteam hat die Hypothese aufgestellt, dass die Inzidenz von impfbedingten Herzbeteiligungen höher sein könnte als angenommen, da bisher vor allem schwere Fälle, die mit einem Klinikaufenthalt einhergingen, erfasst wurden. Die beim ESC vorgestellte Studie dazu liefert überraschende Ergebnisse und weist auf geschlechtsspezifische Unterschiede hin.

Forschende um Prof. Christian Eugen Mueller vom Universitätsklinikum Basel haben in einer Beobachtungsstudie mit aktiver Überwachung untersucht, inwieweit nach mRNA-Booster-Impfungen Herzbeteiligungen auftreten. Passive Beobachtungsdaten hatten ergeben, dass solche Komplikationen mit einer Inzidenz von 0,0035% sehr selten sind. Das Forscherteam hatte vermutet, das entsprechende Auswirkungen auf das Myokard auch mit milden oder gar keinen Symptomen einhergehen könnten, sodass die Inzidenz eigentlich höher sei.

„Früherkennung ist wichtig“

„Da Boosterimpfungen aktuell weltweit benötigt werden, ist es wichtig, die wahre Inzidenz zu kennen“, so Mueller. Ziel sei auch, ein Sicherheitsnetz für Menschen mit impfbedingten Herzschäden zu etablieren, damit diese früh erkannt werden und eine Verschlimmerung verhindert werde, etwa durch Vermeiden von Sport an den Folgetagen.

Teil der Studie waren 777 Mitarbeitende der Universitätsklinik Basel, die eine Boosterimpfung erhalten sollten und in den vergangenen 30 Tagen kein kardiovaskuläres Ereignis und keine Herzoperation gehabt hatten. Sie waren median 37 Jahre alt, 69% waren Frauen und die meisten hatten keine kardiovaskuläre Vorgeschichte. Drei Tage nach der Impfung wurden ihre Troponinwerte (hs-cTnT) gemessen, um kardiale Schäden festzustellen. Waren die Spiegel erhöht, folgte am nächsten Tag eine weitere hs-cTnT-Messung und eine bildgebende Untersuchung. Teilnehmende mit einer akuten Herzbeteiligung sollten einige Tage auf Sport verzichten. Bei allen wurde erfasst, ob in den 30 Tagen nach dem Booster schwere kardiovaskuläre Ereignisse (MACE) auftraten.

Um akute Herzbeteiligungen als kontinuierliche Variable zu untersuchen, wurde die geboosterte Gruppe gleichaltrigen Kontrollpersonen mit ähnlichen Merkmalen aus einer anderen Analyse gegenübergestellt, die mit akutem Brutschmerz die Notaufnahme aufgesucht hatten und bei denen keine kardiale Ursache festgestellt worden war.

Inzidenz von 2,8% beobachtet

40 der 777 Teilnehmenden hatten an Tag 3 erhöhte Troponinspiegel, bei 18 davon wurde eine andere Ursache als die Impfung festgestellt. 22 gesunde Personen hatten demnach erhöhte Troponinwerte, die auf eine Herzbeteiligung hinweisen, was einer Inzidenz von 2,8% entspricht. Dabei ergaben sich signifikante geschlechtsspezifische Unterschiede: Die Inzidenz bei Frauen betrug 3,7% und bei Männern lediglich 0,8%. „Von Tag 3 auf Tag 4 beobachteten wir bei fast allen Teilnehmenden einen klaren Abfall des Troponins, was darauf hinweist, dass es sich um ein akutes Problem handelt“, ergänzte Mueller. Es sei aber auch ein Hinweis, dass die Inzidenz an Tag 2 noch höher gewesen sein könnte.

Der Vergleich der Booster- mit der Kontrollgruppe ergab höhere Troponinwerte bei den geboosterten Personen, was für beide Geschlechter zutraf. „Die Studie bestätigt die Hypothese, dass die Inzidenz akuter Herzbeteiligungen höher ist als gedacht, mit 2,8% war sie 800 Mal höher als in passiven Beobachtungsstudien“, resümierte Mueller. Allerdings handele es sich um ein mildes Phänomen, innerhalb von 30 Tagen seien keine MACE aufgetreten.

Mechanismen noch unklar

Der Einfluss von boosterbedingten Herzbeteiligungen auf langfristige Komplikationen wie Arrhythmien und Herzinsuffizienz sei noch unklar. Ihr geringer Anteil in der untersuchten Population, verglichen mit Personen mit akuter Myokarditis, weise eher auf eine positive Langzeitprognose hin. „Aber da wir jetzt jährliche Boosterimpfungen brauchen, könnte es zu vielen impfbedingten Herzbeteiligungen kommen“, gab Mueller zu bedenken.

Die zugrundeliegenden Mechanismen seien noch unklar. „Wahrscheinlich sind Entzündungsreaktionen, sodass es sich um eine Myokarditis handelt, das ist aber nicht belegt – zudem könnte eine direkte Kardiotoxizität eine Rolle spielen“, so Mueller.

Literatur

Mueller C. Myocardial inflammation/myocarditis after COVID-19 mRNA Booster Vaccination. Latest science in COVID and vaccination. ESC Congress 2022, 26. bis 29. August in Barcelona

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