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30.05.2016 | Nachrichten | Onlineartikel

Der Streit um die richtige Prise

Neue Analyse: Generelle Salzrestriktion doch nicht sinnvoll

Autor:
Veronika Schlimpert

Der Streit um die optimale Salzzufuhr geht in die nächste Runde. Ergebnisse einer neuen Analyse legen nahe, dass eine generelle Reduktion des Salzkonsums nicht empfehlenswert ist. Demnach scheinen nur Hypertoniker zu profitieren – und das auch nur zu einem gewissen Maß.

Salz – eines der ältesten Gewürzmittel – ist mittlerweile ziemlich in Verruf gekommen. Selbst in der Laienpresse wurde schon viel über die gesundheitlichen Folgen eines zu hohen Salzkonsums berichtet. 

Über die optimale Menge an zugeführtem Kochsalz sind sich Experten bisher allerdings nicht einig. Ist weniger mehr? Oder ist zu wenig auch nicht gut? Die bisherige Evidenz dazu ist unklar. So zeigen einige Untersuchungen – so wie es auch bei vielen anderen physiologischen Parametern wie dem BMI zu sehen ist – eine U-förmige Beziehung zwischen der täglichen Salzzufuhr und der kardiovaskulären Sterblichkeit. Andererseits weiß man von Naturvölkern, die sehr wenig Salz zu sich nehmen, ohne gesundheitliche Einschränkungen davonzutragen. 

AHA empfiehlt weniger als 3,8 Gramm Salz pro Tag 

Trotz dieser unsicheren Datenlage haben Fachgesellschaften Empfehlungen zur optimalen Salzzufuhr ausgesprochen. Sehr streng ist die American Heart Association (AHA) mit ihrer Vorgabe, nicht mehr als 1,5 Gramm Natrium pro Tag aufzunehmen; das entspricht etwa 3,8 Gramm Kochsalz. Die Deutsche Gesellschaft für Hypertonie und Prävention DHL® e. V. legt sich auf eine Obergrenze von 6 Gramm Kochsalz pro Tag fest.

Für Menschen mit Bluthochdruck gilt der Nutzen einer Restriktion des Salzkonsums bei den meisten Experten als unumstritten. Doch sollten sich auch alle anderen Menschen an diese Vorgabe halten? 

Gepoolte Daten aus vier prospektiven Studien

Um diese Frage beantworten zu können, haben Wissenschaftler um Andrew Mente von der McMaster University in Hamilton Daten aus den vier großen prospektiven Studien PURE, ONTARGET, TRANSCEND und EPIDREAM gepoolt und ausgewertet.

Die tägliche Kochsalzzufuhr der insgesamt 133.119 Teilnehmer wurde mithilfe der geschätzten Natriumausscheidung im 24-Stunden-Urin ermittelt; diese Schätzung basierte wiederum auf nüchtern gemessenen Morgenurinproben.
Von nicht wenigen Experten wird diese Schätzmethode kritisiert und als zu ungenau eingestuft. Die Autoren dieser Studien verweisen dagegen auf Untersuchungen, in denen die aus dem Morgenurin geschätzte Natriumausscheidung gut mit der direkten Bestimmung des 24-Stundenurins korrelierte. 

Geringstes Risiko bei 4 bis 5 Gramm Kochsalz 

Letztlich lag die geschätzte Natriumzufuhr der meisten Teilnehmer zwischen 3 bis 6 Gramm täglich (bei 65% der 63.559 Hypertoniker und 69% der Nichthypertoniker). Das geringste Risiko, einen Myokardinfarkt, Schlaganfall sowie eine Herzinsuffizienz zu erleiden oder zu sterben (kombinierter primärer Endpunkt), wiesen Personen mit einer täglichen Natriumzufuhr von 4 bis 5 Gramm auf (entspricht 10 bis 12,5 Gramm Kochsalz). 

Im Vergleich zu dieser Referenzgruppe wiesen Hypertoniker, die mehr als 7 Gramm Natrium pro Tag zu sich nahmen (11%), ein um 23% höheres Risiko für den primären Endpunkt auf. Allerdings war das Risiko ebenfalls erhöht, wenn weniger als 3 Gramm Natrium (7,5 Gramm Kochsalz) pro Tag konsumiert wurden (Hazard Ratio, HR: 1,34), was auf etwas mehr als jeden zehnten Bluthochdruckpatienten zutraf.

Nur bei Hypertonikern stieg das Risiko 

Bei den gesunden, nicht hypertonen Teilnehmern hingegen hatte selbst ein hoher Salzkonsum von mehr als 7 Gramm Natrium keine signifikanten Auswirkungen auf die Sterblichkeit und die Häufigkeit kardiovaskulärer Ereignisse (HR: 0,90). Aber auch bei ihnen war eine sehr geringe Zufuhr von weniger als 3 Gramm Natrium pro Tag mit einem höheren Risiko assoziiert (HR: 1,26). 

Somit sei eine mit einem hohen Salzkonsum assoziierte Risikoerhöhung für kardiovaskuläre Ereignisse und Tod nur bei Hypertonikern, nicht aber bei gesunden Menschen zu sehen, schreiben die Studienautoren in der entsprechenden Publikation. Gerade mal 10% der hier untersuchten Personen hätten sowohl einen hohen Bluthochdruck als auch einen hohen Salzkonsum (≥6 g Natrium pro Tag) aufgewiesen. 

Bevölkerungsweite Initiativen zur generellen Salzreduktion fraglich

Deshalb halten die Studienautoren bevölkerungsweite Initiativen, die darauf abzielen, den Salzkonsum der Allgemeinbevölkerung zu reduzieren, für fragwürdig; mit Ausnahme von Ländern, in denen der durchschnittliche Salzkonsum generell hoch sei wie Zentralasien oder in Teilen Chinas. Denn ob der restliche und damit der Großteil der Bevölkerung ebenfalls von einer Einschränkung der Salzzufuhr profitiere, sei unklar. Und ehe es keine robusten Daten dazu gebe, sei eine solche Empfehlung nur für Hypertoniker sinnvoll, erläutern sie ihre Einwände. Diese Kontroverse endgültig klären können nach Ansicht von Mente und Kollegen nur randomisierte kontrollierte Studien.

Salz hat wohl auch blutdruckunabhängige Effekte

Des Weiteren würden die Befunde darauf hindeuten, dass auch beim Kochsalz ein unterer Grenzwert existiere, ab dem eine weitere Einschränkung ungesund sei, so die Wissenschaftler. Da in dieser Analyse die Assoziation zwischen Salzzufuhr und kardiovaskulärem Risiko selbst nach Adjustierung auf den Blutdruck bestehen blieb, nehmen sie an, dass dabei auch blutdruckunabhängige Effekte eine Rolle spielen könnten.

So haben Untersuchungen gezeigt, dass das Renin-Angiotensin-System und die Katecholaminsekretion durch eine zu geringe Salzzufuhr aktiviert werden. Ein Anstieg der Konzentration dieser Hormone wiederum ist Studien zufolge mit einem erhöhten Risiko für kardiovaskuläre Ereignisse und Tod assoziiert. 

Literatur

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