Nachrichten 23.07.2015

Neuer Kaliumbinder hält Hyperkaliämie in Schach

Patiromer ist ein neuartiger Kaliumbinder, der im Darm nicht resorbiert wird. Bei Patienten mit diabetischer Nierenerkrankung, die unter einer Therapie mit Hemmstoffen des Renin-Angiotensin-Aldosteron-Systems (RAAS) Hyperkaliämien entwickelten, konnten mit diesem Wirkstoff die Kaliumspiegel dauerhaft gesenkt werden.

Bei Patienten mit diabetischer Nierenfunktionsstörung und Herzinsuffizienz kommt es schon krankheitsbedingt oft zu einem Anstieg der Serumkaliumwerte. Zudem treiben bei diesen Erkrankungen indizierte RAAS-hemmende Therapien wie ACE-Hemmer, AT1-Rezeptorantagonisten und Aldosteronblocker die Kaliumspiegel noch weiter in die Höhe – was eine Behandlung mit diesen die Prognose nachweislich verbessernden Medikamenten erschweren kann.

Zwar gibt es schon seit langem pharmakologische Optionen wie Kationenaustauscher (Polystyrolsulfonat), mit denen sich erhöhte Kaliumspiegel senken lassen. Eine Limitierung können dabei allerdings die zum Teil erheblichen gastrointestinalen Nebenwirkungen sein. Deshalb suchen Forscher nach neuen Möglichkeiten der Verhinderung von Hyperkaliämien.

Bindung von Kalium im Darm

Ein vielversprechender Kandidat in der Forschungspipeline ist der Wirkstoff Patiromer, der Kalium primär im Kolon bindet und so die Kaliumausscheidung befördert. Dieser oral applizierte Kaliumbinder ist bereits in einer Phase-III-Studie (OPAL-HK) bei Patienten mit Niereninsuffizienz, die eine Therapie mit ACE-Hemmern erhielten, geprüft worden.

Wie die Autoren um Dr. Matthew Weirs von der Universität Chicago jüngst im „New England Journal of Medicine“ berichteten, wurden binnen vier Wochen bei 76 Prozent aller Teilnehmer die erhöhten Kaliumwerte in den vorgegebenen Zielbereich (3,8–5,0 mmol/l) gesenkt. Am Ende dieser Phase wurden die Studienteilnehmer dann randomisiert einer Patiromer- oder Placebo-Behandlung zugeteilt, die sich jeweils über weitere acht Wochen erstreckte. In dieser Zeit wurde in der Placebo-Gruppe bei 60 Prozent aller Patienten erneut Hyperkaliämien beobachtet, im Vergleich zu 15 Prozent in der Patiromer-Gruppe.

Neue Daten zur Langzeit-Wirkung

Aufschluss über die längerfristige Wirksamkeit und Sicherheit von Patiromer geben nun Ergebnisse einer randomizierten Phase-II-Studie (AMETHYST-DN), die eine Forschergruppe um Dr. George Bakris aus Chicago im Fachblatt „JAMA“ veröffentlicht hat. Die Prüfung erfolgte an 48 Zentren in fünf europäischen Ländern.

Beteiligt daran waren 306 ambulant behandelte Patienten mit Typ-2-Diabetes und milder bis mittelschwerer Niereninsuffizienz (eGFR 15–59 ml/min/1,73m²), die unter einer Dauertherapie mit RAAS-hemmenden Medikamenten (ACE-Hemmer oder AT1-Rezeptorblocker) erhöhte Serumkaliumspiegel (> 5,0 mEq/l) aufwiesen. Bei rund einem Drittel (35 Prozent) der Teilnehmer bestand auch eine Herzinsuffizienz.

Je nach Ausprägung der Hyperkaliämie wurden die Patienten in zwei Gruppen mit milder (5,0–5,5 mEq/l) oder moderater Hyperkaliämie (> 5,5–6,0 mEq/l) stratifiziert und randomisiert einer Behandlung mit Patiromer in drei Startdosierungen zugeteilt. Patienten mit milder Hyperkaliämie erhielten initial 4,2, 8,4 oder 12,6 g Patiromer, Patienten mit moderater Hyperkaliämie 8,4, 12,6 oder 16,8 g Patiromer (jeweils zweimal täglich). Die Dosis wurde auf das Ziel hin titriert, dauerhaft Serumkaliumspiegel unter 5,0 mEq/l zu erreichen.

Kaliumwerte zumeist dauerhaft unter 5 mEq/l

Nach vier Wochen gelang es, bei Patienten mit initial milder Hyperkaliämie die Serumkaliumspiegel dosisabhängig um im Mittel 0,35–0,55 mEq/l zu senken. Bei den Patienten mit anfänglich moderater Hyperkaliämie wurden Reduktionen um 0,87–0,97 mEq/l erreicht.

In der Folgezeit wurden die Kaliumspiegel bis zu 52. Woche monatlich kontrolliert. In dieser Phase der Erhaltungstherapie lagen die Kaliumwerte bei den meisten Patienten zu jedem Messzeitpunkt im Zielbereich von 3,8–5,0 mmol/l. Im Stratum mit initial milder Hyperkaliämie betrug der Anteil dieser Patienten 83,1–92,7 Prozent, im Stratum mit moderater Hyperkaliämie erreichten 77,4–95,1 Prozent aller Patienten auf Dauer die angestrebten Zielwerte.

Patiromer wurde im Allgemeinen gut vertragen. Im Gesamtzeitraum der Beobachtung (52 Wochen) war Hypomagnesiämie mit einer Inzidenz von 7,2 Prozent der häufigste unerwünschte Begleiteffekt. Häufigste gastrointestinale Nebenwirkungen waren milde bis moderate Obstipationen bei 6,3 Prozent aller Teilnehmer. Eine Hypokaliämie wurde bei 5,6 Prozent aller Patienten beobachtet.

Das kalifornische Unternehmen Relypsa, das für die klinische Entwicklung von Patiromer verantwortlich zeichnet, hat bei der US-Arzneimittelbehörde FDA bereits einen Zulassungsantrag (New Drug Application) für seinen Kaliumbinder gestellt. Die FDA wird darüber voraussichtlich am 21. Oktober 2015 entscheiden. Informationen darüber, ob auch eine Einführung in Europa geplant ist, liegen derzeit nicht vor.

Literatur

Weir MR et al. Patiromer in Patients with Kidney Disease and Hyperkalemia Receiving RAAS Inhibitors. N Engl J Med 2015;372:211-21

Bakris GL et al. Effect of Patiromer on Serum Potassium Level in Patients With Hyperkalemia and Diabetic Kidney Disease: The AMETHYST-DN Randomized Clinical Trial. JAMA. 2015;314(2):151-61