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13.12.2014 | Nachrichten | Onlineartikel

Sicherer als NMH?

Neues Konzept zur Prävention postoperativer Thrombosen

Autor:
Dr. Elke Oberhofer

Eine neue Substanz zur Prävention postoperativer venöser Thromboembolien (VTE) ist in einer Phase-II-Studie getestet worden. Das Medikament, das spezifisch am Gerinnungsfaktor XI angreift, konnte mehr VTE verhindern als Enoxaparin, ohne dass sich dadurch das Blutungsrisiko erhöhte.

Mit dem Antisense-Oligonukleotid FXI-ASO wurde ein neues Konzept zur Verhinderung venöser Thromboembolien erstmals am Menschen untersucht: Das Absenken des Gerinnungsfaktor-XI-Spiegels. Durch den selektiven Ansatz – FXI-ASO unterbindet gezielt die Produktion von Faktor-XI-Messenger-RNA in der Leber – erhofft man sich einen antithrombotischen Effekt ohne nennenswerten Einfluss auf die Hämostase.

Die Forscher um Harry R. Büller von der Universität Amsterdam setzten die neue Substanz bei 300 Patienten ein, die sich einer elektiven Kniegelenkersatz-OP unterzogen. In der Phase-II-Studie ging es zum einen um Wirksamkeit und Sicherheit, zum anderen um den Vergleich mit dem etablierten Gerinnungshemmer Enoxaparin.

FXI-ASO versus Enoxaparin

FXI-ASO wurde subkutan, entweder in einer Dosis von 200 oder 300 mg gespritzt, beginnend 36 Tage vor dem Eingriff. Im Vorfeld der Operation erfolgten die Injektionen dreimal wöchentlich in der ersten Woche und einmal wöchentlich in den folgenden vier Wochen. Nach der OP wurde insgesamt noch zweimal gespritzt, nämlich sechs Stunden postoperativ und noch einmal drei Tage später.

Enoxaparin wurde in einer Dosis von 40 mg einmal am Vorabend oder bis zu acht Stunden nach der OP. sowie danach über mindestens eine Woche täglich appliziert. Acht bis zwölf Tage nach dem Eingriff hatten die Forscher bei allen Patienten eine Venografie durchgeführt.

Signifikant weniger Thrombosen

Zu venösen Thromboembolien (VTE) war es in den zwölf Tagen bei 30% der Patienten unter dem niedermolekularen Heparin (NMH) und bei 27% der 200-mg-FXI-ASO-Gruppe gekommen. Unter der höheren Dosierung FXI-ASO hatten sich VTE in 4% ereignet. Damit hat die neue Substanz den Autoren zufolge die Kriterien für „Nicht-Unterlegenheit“ erfüllt. Die 300-mg-Dosis war dem NMH in puncto Wirksamkeit signifikant überlegen (p<0,001). Keiner der Patienten hatte in der dreimonatigen Nachbeobachtungszeit eine Lungenembolie entwickelt, Todesfälle wurden nicht berichtet.

Klinisch relevante Blutungen, die zumindest eine Vorstellung beim Arzt erforderten, hatten sich in den insgesamt vier Monaten nach Therapiebeginn in den beiden FXI-ASO-Gruppen zu jeweils 3% ereignet, in der Enoxaparin-Gruppe zu 8%. Bei 38% bzw. 29% der FXI-ASO-Gruppen hatten die Patienten eine Bluttransfusion benötigt; in der Enoxaparin-Gruppe war das bei 32% der Fall. Diese Unterschiede waren nicht signifikant.

Blutungsgefahr nicht erhöht

„Das Potenzial von FXI-ASO besteht darin“, so Büller und sein Team, „dass es postoperative Thrombosen effektiver vermeidet als konventionelle Antikoagulanzien.“ Der Pluspunkt: Die Blutungsgefahr sei dabei nicht erhöht.

Wie die Forscher betonen, wirkte sich die neue Substanz ausschließlich auf die endogenen Faktoren der Blutgerinnung aus: Lediglich die partielle Thromboplastinzeit (PTT) wurde verlängert, nicht dagegen die Thromboplastinzeit (TPZ). Innerhalb des intrinsischen Pfades war die Wirkung hochspezifisch: Während die Spiegel des Gerinnungsfaktors XI dosisabhängig gesenkt werden konnten, blieben die anderen Komponenten dieser Kaskade, die Faktoren VIII, IX und XII, offenbar unbeeinflusst.

Durchschnittlich sank der Faktor-XI-Spiegel in der 300-mg-Gruppe zum Zeitpunkt der OP auf 0,2 U/ml. Die mittlere PTT stieg dabei auf 1,4. Dennoch blieben die postoperativen Hämoglobinwerte ähnlich wie unter Enoxaparin. Für die Studienautoren ist dies ein zusätzlicher Hinweis auf die Sicherheit des neuen Konzepts.

Konzept noch nicht bewiesen

Ob man mit einem Konzept, das gezielt am Faktor XI angreift, wirklich die Hämostase ausspart, ob sich also Thrombosen wirklich verhindern lassen, ohne die Blutungsgefahr zu erhöhen, muss erst noch bewiesen werden, schreibt Studienkommentator Robert Flaumenhaft von der Harvard Medical School in Boston im New England Journal of Medicine. Der Unterschied zwischen den Blutungsraten sei schließlich nicht signifikant gewesen; zudem seien schwere Blutungen nach einem Eingriff wie dem Kniegelenkersatz relativ selten, selbst unter Antikoagulanzien. Letztlich muss sich die Idee der FXI-ASO-Investigatoren also noch in größeren Studien bewähren.

Literatur

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