Nachrichten 25.06.2018

„Plötzlicher Herztod“ ist in Wahrheit oft keiner!

Ein „plötzlicher Herztod“ wird oft irrtümlich als Todesursache festgestellt. In Kalifornien fand sich nach Obduktion von vermeintlich auf diese Weise verstorbener Personen bei fast der Hälfte gar keine kardiale Ursache.

Stirbt eine Person plötzlich und unerwartet, liegt das oft gar nicht am Herzen.  

US-amerikanische Wissenschaftler haben sich die Mühe gemacht, die Todesursachen für alle in Kalifornien zwischen 2011 und 2014 außerhalb der Klinik eingetretenen plötzlichen Todesfälle durch Kreislaufstillstand akribisch zu prüfen, insgesamt waren es 912 an der Zahl.

Bei 525 Fällen, also 59%, entsprach die Todesursache den WHO-Kriterien eines „plötzlichen Herztodes“, sprich die Person war plötzlich und ohne Gewalteinwirkung  verstorben (unter Zeugen: innerhalb von einer Stunde nach Einsetzen erster Beschwerden, ohne Zeugen: die Person wurde die letzten 24 Stunden beschwerdefrei gesehen)

Im Rahmen der prospektiven POST SCD-Studie wurden die Leichen der auf diese Art und Weise verstorbenen Personen fast alle obduziert (97%) sowie toxikologisch und histologisch untersucht.

Dabei stellte sich heraus, dass bei nur etwas mehr als der Hälfte der nach WHO klassifizierten „plötzlichen Herztode“  („sudden cardiac death“, SCD)  tatsächlich primär das Herz verantwortlich für den Tod der Person war. Oder anders ausgedrückt: 44,2% der Personen, die angeblich einen plötzlichen Herztod hatten, waren nicht an einer Arrhythmie verstorben, sondern an anderen Komplikationen. 

Dogenmissbrauch häufige Ursache

In 13,5% der Fälle war die Todesursache eine Überdosis, meist eine tödliche Opioid-Dosis (61%). Bei keinem der so verstorbenen Personen habe es Hinweise für einen Drogenmissbrauch gegeben, betonen die Studienautoren, die eingetroffenen Notfallärzte seien immer von einem Herzstillstand ausgegangen.

5,5% der Personen mit einem vermeintlichen SCD verstarben primär an neurologischen Komplikationen, also z. B. an zerebrovaskulären Traumata, intrakraniellen Hämorrhagien oder an epileptischen Komplikationen (plötzliche unerwarteter Todesfall bei Epilepsie). In jeweils 4% der Fälle stellten Infektionen und pulmonale Embolien die eigentliche Todesursache dar. Bei ebenfalls 4% aller als SCD klassifizierten Todesfälle war zwar das Herz beteiligt, die Person verstarb aber nicht an einer Arrhythmie, sondern z. B. an einer Herzinsuffizienz mit Lungenödem, Herztamponade usw.

Die häufigste Ursache für „plötzliche Herztode“ im eigentlichen Sinne war eine koronare Herzerkrankung (insgesamt 32% aller WHO-SCD), gefolgt von Kardiomyopathien (10%) und Kardiohypertrophien (8%).

Besser von „plötzlichen Tod“ sprechen

Es sei kein Geheimnis, dass den ausgestellten Todesscheinen nicht immer zu trauen sei und darin die Häufigkeit von plötzlichen Herztoden überschätzt werde, bemerken Tseng und Kollegen. Offensichtlich sei es schwierig, anhand der gängigen Methoden einen plötzlichen Herztod exakt zu diagnostizieren. „Der positive prädiktive Wert der WHO-Kriterien für einen Autopsie-gesicherten plötzlichen Herztod lag in der aktuellen Studie bei gerade mal 55,8%.“

Ihrer Ansicht nach sollte man sich daher überlegen, ob man solche Todesfälle nicht besser als „plötzlichen Tod“ statt als „plötzlichen Herztod“ bezeichnet.

Den hohen Anteil an Drogentoten führen Tseng und Kollegen auf die derzeit in den USA kursierende Opioid-Epidemie zurück. Dagegen scheine die Bedeutung von ischämisch bedingten SCD-Ursachen abzunehmen: „In gerade mal 10% der WHO-definierten SCD und in 18% aller Autopsie-gesicherten SCD fand sich der typische Befund einer akuten koronaren Läsion oder ein pathologischer Hinweis für einen akuten Herzinfarkt, der zum arrhythmischen Tod geführt hat“, erläutern sie.

Ätiologie nicht verwischen

Wie wichtig es ist, zwischen den jeweiligen Ätiologien zu unterscheiden, macht Dr. Robert Myerburg in einem begleitenden Editorial deutlich. Ein Kreislaufstillstand könne primär durch ein kardiales Ereignis ausgelöst werden wie eine Ischämie oder eine Herzrhythmusstörung. Zum anderen könne es sein, dass der Tod zwar letztlich aufgrund von kardialen Komplikationen eingetreten ist, die primäre Ursache aber eine andere war wie Elektrolytstörungen, akutes Atemversagen oder eine Überdosis.  Und zu guter Letzt kann ein Kreislaufkollaps das Endstadium einer schweren Erkrankung darstellen, z. B. bei Krebs-Patienten.  

Kritisch führt der Kardiologe an, dass in der aktuellen Studie keine Genuntersuchung vorgenommen wurde. Es sei daher unklar, inwieweit Erbkrankheiten ursächlich für manche der in der Autopsie als nicht-kardial klassifizierten SCD-Fälle waren.   

Literatur

Tseng Z,  Olgin J,  Vittinghoff E et al. Prospective Countywide Surveillance and Autopsy Characterization of Sudden Cardiac Death. POST SCD Study. Circulation. 2018;137:2689-2700; https://doi.org/10.1161/CIRCULATIONAHA.117.033427

 Myerburg R. Cardiac and Noncardiac Causes of Apparent Sudden Arrhythmic Deaths Shadows in a Spectrum. Circulation. 2018;137:2701-2704; https://doi.org/10.1161/CIRCULATIONAHA.118.034594

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Bildnachweise
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Kardio-MRT (CMR, Late Gadolinium Enhancement PSIR)/© Mohamed Marwan, Friedrich-Alexander-Universität Erlangen
Thorax-CT/© S. Achenbach (Friedrich-Alexander-Universität Erlangen)
Kardio-MRT (Late Gadolinium Enhancement)/© Stephan Achenbach, Friedrich-Alexander-Universität Erlangen