Nachrichten 21.09.2020

Asymptomatische Aortenstenose: Wann das Herztod-Risiko besonders hoch ist

Asymptomatische Patienten mit schwerer Aortenstenose werden nicht selten durch einen plötzlichen Herztod aus dem Leben gerissen. Wie kann man die Patienten davor bewahren? US-Ärzte haben eine Interventionsmöglichkeit ausfindig gemacht.

Bis zu 1% der asymptomatischen Patienten mit schwerer Aortenstenose stirbt pro Jahr an plötzlichem Herztod. Welche Patienten besonders gefährdet sind, lässt sich derzeit allerdings nur schwer vorhersagen. US-amerikanische Wissenschaftler haben nun einen möglichen Prognosemarker in den Blickpunkt gerückt: eine verminderte Hämoglobinkonzentration im Blut.

Um 42% erhöhtes Herztodrisiko

In ihrer Registerstudie war eine Anämie bei Patienten mit schwerer Aortenstenose signifikant mit einer um 75% erhöhten Gesamtmortalität und einem um 42% erhöhten Risiko für plötzlichen Herztod assoziiert, nach Adjustierung auf Alter, Geschlecht, BMI, Bluthochdruck, Diabetes, Herzinfarkt, geschätzte glomeruläre Filtrationsrate und Aortenklappenersatz.

Zudem stellte das Team um Dr. Allison Ducharme-Smith von der Mayo Klinik in Rochester fest, dass eine Anämie ein häufiger Befund bei Patienten mit schwerer Aortenstenose war, sie trat bei mehr als 40% der Patienten auf.  Besonders  häufig betroffen waren ältere und komorbide Patienten.

Anämie als therapeutisches Ziel

„Da es Hinweise darauf gibt, dass die Behandlung der Anämie bei Patienten mit Herzinsuffizienz Symptome lindern, körperliche Leistungsfähigkeit und Lebensqualität verbessern kann, könnte eine solche Therapie möglicherweise auch bei Patienten mit schwerer Aortenstenose den Symptomen entgegenwirken und das Risiko für Gesamtmortalität und plötzlichen Herztod verringern“, erörtern die US-Ärzte die potenziellen praktischen Konsequenzen ihrer Befunde.

Für die bisher als Pre-Proof-Version veröffentlichte Studie analysierten sie retrospektiv  Daten aus dem klinikeigenen Register von Patienten mit schwerer Aortenstenose, definiert als mittlerer systolischer Druckgradient ≥ 40 mmHg, Klappenöffnungsfläche ≤ 1cm2 oder maximale Flussgeschwindigkeit ≥ 4m/s. Zudem nutzten sie Informationen über Todesursachen aus dem National Death Index und Daten zum plötzlichen Herztod aus Krankenakten.

Kausalität ist fraglich

Nach Ausschluss von Patienten mit multiplen Klappenanomalien blieben knapp7.300 Patienten für die Analyse übrig. Eine Anämie war definiert als Hämoglobin <13,0 g/dL bei Männern und <12,0 g/dL bei Frauen. Im Durchschnitt lag der Spiegel bei 12,9 g/dl.

Während der durchschnittlichen Nachbeobachtungszeit von 4,4 Jahren starben 4.056 Teilnehmer, davon 225 an plötzlichem Herztod. Anders ausgedrückt: Die 10-Jahres-Überlebenswahrscheinlichkeit betrug 38% und die kumulative Inzidenz für plötzlichen Herztod über 10 Jahre 5%.

Nicht ablesen lässt sich aus dieser Studie allerdings, ob die Anämie selbst oder ein anderer mit ihr einhergehender Zustand wie z.B. ein schlechter Ernährungszustand für das erhöhte Herztodrisiko der Klappenpatienten kausal verantwortlich war. Aufgrund des retrospektiven Designs ist ein Selekionsbias nämlich nicht auszuschließen.

Literatur

Ducharme-Smith A et al. Relationship Between Anemia and Sudden Cardiac Death in Patients with Severe Aortic Stenosis. American Journal of Cardiology 2020. https://doi.org/10.1016/j.amjcard.2020.09.007

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Bildnachweise
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Kardio-MRT (CMR, Late Gadolinium Enhancement PSIR)/© Mohamed Marwan, Friedrich-Alexander-Universität Erlangen
Thorax-CT/© S. Achenbach (Friedrich-Alexander-Universität Erlangen)
Kardio-MRT (Late Gadolinium Enhancement)/© Stephan Achenbach, Friedrich-Alexander-Universität Erlangen