Nachrichten 27.08.2021

Taugen Defi-Drohnen für den echten Notfall?

Wenn der Defi mit der Drohne zum Einsatzort kommt, könnte das Zeit sparen und Leben retten. In simulierten Situationen hat das bereits funktioniert. Nun wurde die Technik erstmals in realen Notfällen eingesetzt – die Ergebnisse stimmen die Initiatoren hoffnungsvoll.

Der Einsatz von Drohnen könnten in Zukunft gängige Praxis in der Notfallrettung werden. Damit rechnet jedenfalls Dr. Sofia Schierbeck, die beim diesjährigen ESC-Kongress die Ergebnisse einer schwedischen Pilotstudie vorgestellt hat. Die am Karolinska Institut tätige Wissenschaftlerin hat zusammen mit ihren Kollegen zum ersten Mal die Praktikabilität von Drohnen, die mit automatisierten externen Defibrillatoren (AED) beladen sind, in echten Notfallsituationen getestet. Und dabei einen Weg gefunden, wie sich die neue Technik in die übliche Notfallversorgung einbinden lässt.

Einsatz von Defi-Drohnen bisher nur in simulierten Situationen

Aber zurück zum Anfang, worum geht es? Wenn ein Herzstillstand außerhalb der Klinik auftritt, zählt bekanntlich jede Sekunde. Nicht immer ist in solchen Situationen ein AED in unmittelbarer Nähe vorhanden. Vor allem in gering besiedelten Regionen ist eine flächendeckende stationäre Anbringung kaum realisierbar. Eine Lösung könnten Drohnen sein, die den AED auf direktem Wege zum Einsatzort transportieren. Theoretisch lässt sich der Defibrillationsbeginn dadurch beschleunigen, wie in simulierten Situationen bereits gezeigt wurde. Theoretisch…denn ob das auch im „echten Leben“ funktioniert, hatte bis jetzt noch keiner ausprobiert.

Schierbeck und Kollegen haben nun einen solchen Pilotversuch im Stadtgebiet von Göteburg gewagt. Die Region umfasst 125 km² und circa 80.000 Einwohnern. An drei verschiedenen Standorten wurde jeweils eine Defi-Drohne in einer Halle (Hangar) untergebracht. Gesteuert wurden diese von einem zentralen Kontrollzentrum am Säve Flughafen in Göteburg.

Erstmals im „echten Leben“ getestet

Nach einer viermonatigen Testphase wurden die Defi-Drohnen standardmäßig in die Rettungskette eingebunden. Bedeutet, wenn ein Notruf abgesetzt (112) wurde, bei dem ein Verdacht auf einen Herzstillstand bestand, wurde nicht nur ein Krankenwagen losgeschickt, sondern automatisch auch ein im Kontrollzentrum ansässiger, speziell geschulter Remote-Pilot kontaktiert. Der Pilot initiierte den Drohnen-Flug, sobald er die Flugerlaubnis bei der Luftverkehrskontrolle erteilt bekommen hat. Das Luftfahrzeug navigierte daraufhin automatisch zum Einsatzort. Dort angekommen entließ der Pilot den AED manuell, um diesen den Ersthelfern zu überlassen.

Hohe Erfolgsrate, in vielen Fällen schneller

Im Studienzeitraum vom 1. Juni bis 30. September 2020 wäre in 14 Notfällen ein solcher Drohnen-Einsatz möglich gewesen. Wie Schierbeck beim ESC berichtete, wurden die Defi-Drohnen in zwölf Fällen tatsächlich losgeschickt, im Schnitt waren die Drohnen 3,1 km vom Einsatzort entfernt. In elf Fällen gelang die Auslieferung des AEDs mit der Drohne. Das entspricht einer Erfolgsrate von 92%, dem primären Endpunkt der Studie. Im Schnitt wurde der AED neun Meter vom Notfallort abgesetzt.

Eine AED-Drohne in die Notfallversorgung zu integrieren, sei also möglich, resümierte Schierbeck. Doch hat die Einbindung der neuen Technik auch Vorteile gebracht? In der schwedischen Pilotstudie erreichten die AED-Drohnen – wenn sie abgeschickt wurden – in 64% der Fälle den Einsatzort vor dem Krankenwagen. Im Mittel wurden dadurch knapp zwei Minuten eingespart (1:52 Minuten). Schierbeck schließt daraus, dass sich mit dem Einsatz von AED-Drohnen tatsächlich der Defibrillationsbeginn bei Patienten mit einem Herzstillstand beschleunigen lässt. „In einigen Jahren könnten Drohnen, die medizinisches Notfallequipment ausliefern, gängige Praxis sein“, blickt die Wissenschaftlerin optimistisch in die Zukunft. „Dies könnte tausende Leben retten.“

Aber: Oft konnte die Drohne nicht fliegen…

Bis dahin gibt es allerdings noch einige Probleme zu beheben. Denn die Pilotstudie hat auch deutlich gemacht, dass die Drohnen oft gar nicht einsetzbar sind; in 39 Fällen, also bei immerhin 74% aller abgesetzter Notfälle mit Herzstillstand-Indikation (insgesamt 53), war das so. Gründe für die Untauglichkeit der Defi-Drohnen waren beispielsweise Witterungsbedingungen (in 17%). Bei starkem Regen oder Wind konnten die unbemannten Luftfahrzeuge nicht fliegen. In einigen Fällen war der Einsatzort für die Drohne nicht zugänglich (30%), z.B. wegen Flugverbotszonen, oder die Flugdistanz war zu lang (15%).

Schierbeck ist allerdings zuversichtlich, dass der Technikfortschritt die Anwendungsmöglichkeiten der Drohnen verbessern kann: „Im Jahr 2022 sollten wir Drohnen haben, die im Dunkeln und bei mäßigem Regen fliegen können. Längere Batterielaufzeiten könnten die Flugreichweite und die Zahl der Einwohner, die durch eine Drohne abgedeckt werden, erhöhen“, äußert sich die Wissenschaftlerin dazu in einer ESC-Pressemitteilung.

…und kein einziges Mal wurde sie eingesetzt

Was ebenfalls stutzig macht: Obwohl die Drohnen in 64% der Fälle vor dem Krankenwagen am Einsatzort waren, wurden sie bei keinem Patienten eingesetzt. In der Publikation werden die Gründe hierfür nicht benannt. Damit stellt sich die Frage, was der Zeitvorteil am Ende nützt, wenn die Ersthelfer die Technik nicht nutzen. Mehr Forschung sei erforderlich, heißt es dazu in der Publikation. Als Möglichkeit zur Verbesserung der frühen Versorgung schlagen die schwedischen Wissenschaftler vor, die Drohnen-Positionen mit Smartphone-Applikationen von Ersthelfern zu koordinieren, damit der AED vor Ort schneller eingesetzt werden kann.

Im April nächsten Jahres wollen Schierbeck und ihr Team eine weitere Studie mit Defi-Drohnen starten. Dabei wollen sie prüfen, ob sich der Zeitgewinn durch den Einsatz von AED-Drohnen am Ende auch auf die Überlebenschancen der Patienten auswirkt.  

Literatur

Pressekonferenz: “Preventing sudden cardiac death”, ESC Congress 2021 – The Digital Experience; 27. bis 30. August 2021

Schierbeck S et al. Automated External Defibrillators delivered by drones to patients with suspected Out-of-Hospital Cardiac Arrest. Eur Heart J 2021; doi:10.1093/eurheartj/ehab498

Pressemitteilung de ESC: Drones could deliver defibrillators to cardiac arrest victims faster than ambulances; veröffentlicht am 27.08.2021

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