Nachrichten 30.06.2018

Plötzlicher Herztod bei Radprofis - wieso eigentlich?

Der Profi-Radsport tut sich nicht nur durch mitreißende sportliche Höchstleistungen hervor, sondern fällt auch immer wieder durch Meldungen über plötzliche Todesfälle bei den Athleten auf. Wieso eigentlich?

Winston Churchill ist zweifellos der Schutzheilige aller Menschen, die ihr Leben dem Genuss geweiht und wenig Neigung haben, weite Teile ihres Daseins im Fitnessstudio zu fristen und sich anschließend an einem Dinner zu laben, das aus einem Quinoa-Grünkohl-Salat besteht, hinab gespült mit einem leckeren Glas sprudelfreien Wassers.

Schampus zum Frühstück

Der britische Kriegspremier begann sein Tagewerk bekanntlich an späten Vormittagen mit einer Flasche Pol Roget, zu dem sich trefflich das landesübliche Breakfast aus Eiern mit Speck, Bohnen und gebackenen Tomaten goutieren ließ. Churchill ließ es sich schmecken und sah keine Notwendigkeit, die zugeführten Kalorien mit irgendeiner Form körperlicher Ertüchtigung zu bekämpfen.

„No sports!“ lautete sein legendäres Motto, das allzu gern von Zeitgenossen zitiert wird, die sich der Fitnesskultur mit ihren Studios, den Joggingpfaden, Radwegen und anderen öffentlichen Incentives zur Aktivierung des muskuloskeletalen Apparates hartnäckig verweigern. Denn, so lautet die Logik aller Couch Potatoes, Churchill rauchte wie Schlot, trank wie ein Loch, bewegte sich maximal gemessenen Schrittes und wurde doch fast 91 Jahre alt. Natürlich weiß inzwischen jeder, dass Churchill eine gern zitierte Ausnahme war und dass Gewichtsdisziplin und körperliche Aktivität vielfältige gesundheitliche Nutzeffekte erbringen.

Höher, schneller, weiter

Bei körperlicher Aktivität möchte man hinzufügen: in Maßen. Nichts nämlich ist derart Wasser auf die Mühlen der Churchill-Zitierer und Fitnessverweigerer wie Nachrichten über das unzeitige Ableben von den vermeintlich Gesündesten unter uns: Profisportlern. So sendet jede Meldung über eine solche Tragödie Schockwellen des Zweifels durch die Bevölkerung: Ist Sport vielleicht doch dem alten Kalauer zufolge (Selbst-)Mord?

Die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung hat jetzt dem plötzlichen Herztod bei Profisportlern verdienstvollerweise breiten Raum gewidmet. Aktueller Auslöser war der Tod des 23-jährigen Radprofis Michael Goolaerts, der beim Frühjahrsklassiker Paris–Roubaix schwer gestürzt war. Er wurde ins Krankenhaus von Lille eingeliefert, wo er kurz darauf starb. Der Autopsiebericht spricht, wie die FAS schreibt, von einem Herzinfarkt. Noch im letzten Jahr soll Goolaerts bei einer kardiologischen Untersuchung an der Universität Hasselt beste Ergebnisse gehabt haben.

Herztod und Infarkt bei den Profis

Für Goolaerts Manager Jef van den Bosch war der Gang zum Friedhof und der Abschied von einem Schützling nichts Neues: Er hatte 2011 einen Profi durch Sturz verloren und 2012 einen weiteren, im Alter von 30 Jahren, der auf der Strecke einen Herzinfarkt erlitt.

Mittlerweise ist die Liste von früh einem Herzleiden erlegenen bekannten Sportlern traurigerweise recht lang. Der österreichische Fußballnationalspieler Bruno Pezzey erlitt bei einem Eishockeyspiel einen plötzlichen Herztod, der ehemalige deutsche Eiskunstlaufmeister Heiko Fischer mit 29 Jahren beim Squashspielen. Der Fußballer Axel Jüptner vom FC Carl Zeiss Jena brach bei einem leichten Training zusammen und starb drei Tage später mit 28 Jahren in einer Herzklinik in Bad Oeynhausen. Sein Berufskollege Markus Paßlack von Fortuna Düsseldorf wurde nur 23 Jahre alt, auch er erlitt beim Training einen plötzlichen Herztod. Der vermutlich jüngste unter diesen prominenten Sportlern war die Hoffnung des russischen Eishockeys: Alexei Tscherepanow wurde nur 19 Jahre alt. Bei ihm fand man im Gegensatz zu den meisten anderen bei der Obduktion einen handfesten pathologischen Befund: Er litt an chronischer Myokarditis und hätte niemals Leistungssport treiben dürfen. Und: Er soll Blutdoping angewandt haben.

Eine Herzmuskelentzündung sei ein häufiger Grund für den plötzlichen Herztod bei Sportlern, erklärt Prof. Martin Halle, Ärztlicher Direktor des Zentrums für Prävention und Sportmedizin an der TU München, gegenüber der Zeitung und mahnt an, dass Sportler Infekte, bei denen die viralen Erreger in den Körper gelangen, nicht auf die leichte Schulter nehmen dürfen.

Natürlich drängt sich angesichts des Todes von Michael Goolaerts den Interviewern von der FAS die Frage auf: Warum kommt es gerade im Radsport so auffallend häufig zum plötzlichen Herztod? Es ist ja jene Sportart, in der Teilnehmer in der unrühmlichen Tradition von Lance Armstrong gern spöttisch als pedaletretende Apotheken bezeichnet werden.

Halle weist darauf hin, dass verschiedene Doping-Mittel die Konzentration der roten Blutkörperchen erhöhen und durch Gerinnselbildung zum Herzinfarkt beitragen können. Andere Mittel wie Amphetamine oder Kokain – wir denken unwillkürlich an den so oft „verschnupften“ Fußballtrainer Christoph Daum – können zu einer starken Verengung der Blutgefäße führen, betont der Münchener Sportkardiologe und fährt fort: „Man kann sich leicht vorstellen, dass Menschen, die vielleicht schon eine Vorschädigung des Herzens aufgrund genetischer Faktoren haben, durch Dopingmittel besonders gefährdet sind.“

Mehr Männer betroffen

An der Aufzählung der prominenten Opfer des plötzlichen Herztodes fällt auf, dass fast alle männlichen Geschlechts sind. Die FAS gibt dem Interview denn auch den passenden Titel „Männer sind schlechter dran als Frauen“. Halle erklärt, dass bereits mit 35 Jahren etwa 15 Prozent der Männer im Vergleich zu nur sieben Prozent der Frauen beginnende arteriosklerotische Veränderungen an den Herzkranzgefäßen haben. Nicht angesprochen wird indes, dass das meiste Geld im Profisport schwerpunktmäßig in Männerdisziplinen umgesetzt wird und die Macht des schnöden Mammon eher in Versuchung führt, der Leistungsfähigkeit mit pharmakologischen und damit potenziell herzschädigenden Mitteln nachzuhelfen.

Nicht abschrecken lassen: Sport ist gesund!

So tragisch diese Sportlerschicksale sind, so stellt Halle und mit ihm die FAS dankenswerterweise klar, dass nicht völlig falsche Schlüsse gezogen werden dürfen: „Man muss wissen: Sport schützt, auf die breite Masse gesehen, viel mehr vor dem plötzlichen Herztod, als dass er schadet. Unter denen, die gar keinen Sport treiben, sterben viel mehr an plötzlichem Herztod als unter den Aktiven ... Schon kleine Einheiten, etwa 15 Minuten am Tag zügig laufen oder joggen, bringen etwas. Das schützt vor Herztod. Regelmäßigkeit ist entscheidend.“ 

Eine gerade erschienene Statistik im Auftrag der Europäischen Kommission hat die Neigung der Europäer untersucht, sich in der Freizeit sportlich zu betätigen. Am aktivsten waren die Menschen der skandinavischen Länder, Deutschland lag auf einem guten Mittelplatz. Bulgaren, Griechen und Portugiesen gaben zu 68 % an, nie Sport zu treiben – und orientieren sich damit an Winston Churchill.

Highlights

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Die Ausbreitung des Coronavirus hat einschneidende Folgen auch für die Herzmedizin. Aktuelle Meldungen zu SARS-CoV-2 bzw. zu der Lungenkrankheit Covid-19 finden Sie in diesem Dossier.

HRS-Kongress 2020 Science

Zwar musste auch die diesjährige Jahrestagung der Heart Rhythm Society in San Diego aufgrund der Corona-Pandemie kurzfristig abgesagt werden, aber für Ersatz wurde gesorgt: mit HRS 2020 Science – einer dreiteiligen Online- und On-Demand-Fortbildungsreihe. 

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Bildnachweise
Corona/© Naeblys / Getty images / iStock
Digitaler HRS-Kongress 2020/© [M] jamesteohart / Getty Images / iStock
Transthorakale Echokardiografie/© Monique Tröbs, Mohamed Marwan, Universitätsklinikum Erlangen
BNK-Webinar/© BNK | Kardiologie.org