Nachrichten 07.10.2020

Herzstillstand: Warum Defi-Drohnen die Notfallrettung verbessern können

Kommt der Defibrillator bald über eine Drohne zum Patienten? In einer randomisierten Studie aus den USA hat die moderne Technik die Notfallrettung jedenfalls beschleunigen können. Wissenschaftler aus Deutschland sind überzeugt, dass die Defi-Drohne auch hierzulande Sinn macht.

Drohnen könnten die Notfallrettung optimieren, indem sie automatisierte externe Defibrillatoren (AED) über die Luft zum Einsatzort transportieren. 

In einer randomisierten Studie aus den USA hat sich durch solche Defi-Drohnen tatsächlich ein Zeitgewinn gegenüber einer bodengebundenen AED-Suche herausschlagen lassen: Bis zu drei Minuten schneller hatten die Testpersonen den Defibrillator in den simulierten Notfallsituationen zur Hand, wenn dieser über eine Drohne gebracht wurde, als wenn sie vor Ort nach einem stationär angebrachten AED gesucht haben.

Auch in Deutschland werden Defi-Drohnen getestet

Doch machen Defi-Drohnen im dichter besiedelten Deutschland überhaupt Sinn? Wissenschaftler der Universitätsmedizin Greifswald und der DRF Luftrettung sind davon überzeugt und haben ein entsprechendes Pilotprojekt ins Leben gerufen. Denn auch hierzulande gibt es gering besiedelte Regionen, wo die mobile Vorhaltung eines AED-Netzwerkes Vorteile gegenüber der stationären Anbringung bietet. 

„Vor allem für Flächenregionen, wie sie der Landkreis Vorpommern-Greifswald als Modellregion darstellt, ist es schlichtweg nicht umsetzbar, flächendeckend stationäre Defibrillatoren anzubringen“, erörtert Skadi Stier, Projektverantwortliche bei der DRF Luftrettung, die aktuelle Situation in Deutschland auf Anfrage von kardiologie.org. Und selbst wenn es stationär angebrachte Defibrillatoren gibt, sind diese nicht jeder Zeit einsatzbereit: „Die vielen öffentlichen Einrichtungen und in Betrieben aufgehängten Defibrillatoren in Deutschland sind oft nicht strategisch verteilt und ebenso oft nicht 24/7 verfügbar, sondern beispielsweise an Öffnungszeiten gekoppelt“, führt Dr. Mina Baumgarten, von der Universitätsmedizin Greifswald, die das Projekt gemeinsam mit Prof. Klaus Hahnenkamp leitet, die Problematik weiter aus.

Drohnen sollen bisherige Strukturen ergänzen

Gibt es keinen AED vor Ort, könnte der Defi über eine Drohne zum Ersthelfenden gebracht werden, damit dieser die Reanimation bei einem Patienten mit Herzstillstand vor Eintreffen der Rettungskräfte beginnen kann. Die Defi-Drohnen sollten die bisherigen Strukturen dabei nicht ersetzen, sondern ergänzen.

Wie ein solcher Einsatz konkret aussehen könnte, erläutert Prof. Klaus Hahnenkamp als Direktor der Klinik für Anästhesiologie: „Wichtig ist, wie in jedem Notfall, dass eine anwesende Person den Rettungsdienst ruft und ggf. telefonisch unterstützt durch den Mitarbeitenden der Leitstelle mit einer Herzdruckmassage beginnt. Die Leitstelle alarmiert dann die Einsatzfahrzeuge, zeitgleich aber auch über eine Smartphone-App einen geschulten medizinischen Helfenden im Einsatzgebiet, der über die auf seinem Handy installierte App per Landkartenfunktion zum Einsatzort geleitet wird. Auf das gleiche Signal hin kann eine im Drohnenport einsatzbereite, mit dem Defibrillator beladene Drohne mit Zielpunkt der Einsatzkoordinatoren zum Notfallort losfliegen. Nach der Landung kann einer der Anwesenden den Defibrillator entnehmen und am Patienten oder der Patientin zur Anwendung bringen.“

Bis zu 5 Minuten schneller als der Hubschrauber

Eine solche Drohnen-Rettung hat in einem Pilotversuch von 2019 selbst den Rettungshubschrauber in puncto Geschwindigkeit übertreffen können. Die Drohnen seien teilweise bis zu fünf Minuten schneller gewesen, berichtet Stier. Um deren Einsatz weiter zu optimieren, werden in einem aktuellen Projekt (MV | LIFE | DRONE-Challenge) strategisch sinnvolle Drohnenstandorte definiert. „Der Vorteil dabei ist die mögliche direkte Flugroute, wo Rettungsfahrzeuge aufgrund der Straßenführung lange Strecken fahren müssen oder in hoher Verkehrsdichte nicht in möglicher Maximalgeschwindigkeit vorankommen“, stellt die Fluggerätemechanikerin das Potenzial der Technik heraus.

Auch Blutprodukte könnten über die Drohne kommen

Nach Vorstellung der Projektmitglieder soll die Drohne in Zukunft aber nicht nur den Defi transportieren, sondern auch andere medizinische Geräte und Materialien, beispielweise Notfallmedikamente oder Blutprodukte. „Neben einer Zeitersparnis kann dies insbesondere bei der knappen Ressource Blut zu einer besseren Verfügbarkeit beitragen“, erläutert Baumgarten das Gesamtkonzept des Projekts. Die Medizinerin schätzt, dass es noch etwa ein bis eineinhalb Jahren dauern wird, bis der Betrieb der Drohnen im Kontext der Regelversorgung erprobt wird. Ein entsprechendes Projekt sei bereits aufgesetzt.   

„Eine wichtige Rolle von Notfallmediziner*innen und Kardiolog*innen dabei ist, die regionalen Initiativen zur breiten Schulung der Bevölkerung in Herz-Druck-Massage (Laienreanimation) mit zu unterstützen“, gibt Hahnenkamp seinen Kollegen*innen mit auf den Weg.

Literatur

Rosamond W et al. Drone Delivery of an Automated External Defibrillator; N Engl J Med 2020; 383:1186–8; DOI: 10.1056/NEJMc1915956

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Bildnachweise
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Kardio-MRT (CMR, Late Gadolinium Enhancement PSIR)/© Mohamed Marwan, Friedrich-Alexander-Universität Erlangen
Thorax-CT/© S. Achenbach (Friedrich-Alexander-Universität Erlangen)
Kardio-MRT (Late Gadolinium Enhancement)/© Stephan Achenbach, Friedrich-Alexander-Universität Erlangen