Nachrichten 12.10.2020

Herzstillstand, aber keine ST-Hebung: Frühe invasive Diagnostik ohne Vorteil

Alle nach Herzstillstand reanimierte Patienten ohne ST-Streckenhebung im EKG direkt einer frühen Herzkatheter-Untersuchung zuzuführen, ist im Vergleich zu einer späteren invasiven Abklärung klinisch ohne Vorteil, zeigt eine neue Metaanalyse.

Nach Herzstillstand im Zusammenhang mit einem ST-Hebungs-Myokardinfarkt (STEMI) wird eine sofortige Herzkatheter-Untersuchung und – wenn nötig – perkutane Koronarintervention (PCI) in den europäischen und US-amerikanischen Leitlinien nachdrücklich empfohlen.

Bei reanimierten Patienten ohne elektrokardiografische Zeichen eines STEMI, die außerhalb von Kliniken einen Herzstillstand erlitten haben, scheint eine solche Strategie hingegen nicht empfehlenswert zu sein. Dafür sprechen Ereignisse einer Metaanalyse gepoolter Daten aus elf Studien. Sie kommt zu dem Ergebnis, dass eine sofortige Koronarangiografie nach Klinikaufnahme von reanimierten Patienten ohne ST-Streckenhebung im EKG im Vergleich zu einer verzögerten invasiven Abklärung das Sterberisiko innerhalb der ersten 30 Tage nach Reanimation nicht signifikant verringert.

Daten von knapp 3.600 reanimierten Patienten

Schon die vor rund einem Jahr beim AHA-Kongress 2019 vorgestellte COACT-Studie (Coronary Angiography After Cardiac Arrest) hatte als erste randomisierte Studie in dieser Frage ergeben, dass die Durchführung einer sofortigen versus einer verzögerten Koronarangiografie bei Patienten mit Herz-Kreislauf-Stillstand, aber ohne ST-Hebung im EKG, bezüglich der Sterblichkeit nach 90 Tagen wirkungslos geblieben war.

Zwecks Konsolidierung der Evidenzbasis haben US-Untersucher um Dr. Samir Kapadia von der Cleveland Clinic in Cleveland, Ohio, jetzt die gepoolten Daten von insgesamt 3.581 reanimierten Patienten ohne ST- Hebung aus elf Studien inklusive COACT in eine Metaanalyse einfließen lassen. Davon waren 42% einer frühen und 58% einer verzögert vorgenommenen Koronarangiografie unterzogen worden.

Kein Unterschied bei der 30-Tage-Mortalität

Im Blickpunkt stand dabei primär der Einfluss beider Strategien der invasiven Diagnostik auf die Sterblichkeit innerhalb der ersten 30 Tage. Sekundäre Endpunkte waren ein guter neurologischer Status sowie die Häufigkeit von Revaskularisationen mittels PCI. Das sind die Ergebnisse:

  • Bezüglich der 30-Tage-Mortalität war kein signifikanter Unterschied zugunsten der Gruppen mit frühinvasiver Diagnostik auszumachen (Risk Ratio [RR]: 0,86; 95%-Konfidenzintervall [KI]: 0,71 – 1,04; p = 0,12).
  • Auch hinsichtlich des neurologischen Status der Patienten (RR: 1,08; 95%-KI: 0,94 - 1,24; p = 0,28) sowie der Rate an durchgeführten PCIs (RR: 1,22; 95%-KI: 0,94 -1,59; p = 0,13) unterschieden sich beide Gruppen nicht. Insgesamt lag der Anteil an Patienten mit PCI bei nur 24%.

Nicht eine frühe Revaskularisation, wohl aber bestehende Erkrankungen wie Diabetes mellitus oder chronische Niereninsuffizienz, eine PCI in der Vorgeschichte sowie die Laktatspiegel der reanimierten Patienten erwiesen sich als signifikante Prädiktoren der 30-Tage-Mortalität.

Weitere Klärung in laufenden Studien

Angesichts dieser Ergebnisse könne eine routinemäßige frühe Koronarangiografie nach Reanimation von Patienten ohne ST-Hebung nicht empfohlen werden, schlussfolgern Kapadia und sein Team. Dies schließe nicht aus, dass bestimmte Patienten in dieser Hochrisiko-Population doch von einer frühen invasiven Diagnostik profitieren könnten.

Um zu klären, ob sich diese Patienten anhand spezifischer Kriterien künftig gezielt identifizieren lassen, bedürfe es weiterer Studien. Die Autoren der Metaanalyse verweisen darauf, dass dieser Frage derzeit in laufenden Studien wie DISCO, ARREST und EMERGE sowie in der von deutschen Kardiologen initiierten Multicenterstudie TOMAHAWK nachgegangen wird.

Literatur

Verma B.R. et al.: Coronary Angiography in Patients  With Out-of-Hospital Cardiac Arrest Without ST-Segment Elevation - A Systematic Review and Meta-Analysis. J Am Coll Cardiol Intv. 2020; 13: 2193-2205.

Highlights

Reisen mit Herzinsuffizienz

Mobilität bei Herzinsuffizienz ist erstrebenswert – was aber, wenn der Patient gleich eine Fernreise plant? 

Corona, COVID-19 & Co.

Aktuelle Meldungen zu SARS-CoV-2 bzw. zu der Lungenkrankheit COVID-19 finden Sie in diesem Dossier.

Aktuelles und Neues aus der Kardiologie

Synkopen: Wie hoch ist das Unfallrisiko wirklich?

Fahrverbote bei Synkopen können Unfälle verhindern, sind aber auch belastend für die Betroffenen. In einer Studie wurde jetzt das Risiko von Personen mit Synkopen und das von anderen Patienten und Patientinnen der Notaufnahme verglichen.

Starke Zunahme von Herzerkrankungen in den USA erwartet

In den kommenden Jahrzehnten werde in den USA das Ausmaß an kardiovaskulären Risikofaktoren und Erkrankungen in der Bevölkerung erheblich zunehmen, prognostizieren US-Forscher. Dieser Trend wird nach ihrer Schätzung aber nicht alle Bevölkerungsgruppen gleichermaßen betreffen.

Nach Vorhofflimmern-Ablation: Blanking-Periode sollte kürzer sein

Unmittelbar nach Katheterablationen auftretende Vorhofflimmern-Episoden werden oft als vorübergehendes harmloses Phänomen betrachtet. Solche Frührezidive werden in der sog. „Blanking-Periode“, die in der Regel drei Monate umfasst, deshalb nicht als „echte“ Rezidive gezählt. Kardiologen halten die bisher propagierte Zeitspanne aber für zu lang.  

Aus der Kardiothek

Herzinsuffizienz: Optimal-Medikamentöse-Therapie (OMT), und ... was noch?

Medikamente sind die Eckpfeiler einer adäquaten Herzinsuffizienztherapie. Darüber hinaus gibt es zusätzliche Optionen, die für manche Patienten eine Lösung darstellen können. Anhand von Fallbeispielen erläutert Dr. med. Andreas Rieth welche das sind.

Digitale Kardiologie anno 2022 – von Zukunftsvisionen bis sinnvollem Einsatz im Alltag

Die digitale Kardiologie ist nicht nur ein Trend, sie eröffnet eine realistische Chance, die Versorgung von Patientinnen und Patienten zu verbessern. Dr. med. Philipp Breitbart gibt Tipps für den Einsatz solcher Devices im Alltag.

Muss eine moderne Herzinsuffizienztherapie geschlechtsspezifisch sein?

Medikamente wirken bei Frauen oft anders als bei Männern. Dr. med. Jana Boer erläutert, wie sich diese Unterschiede auf die pharmakologische Herzinsuffizienztherapie auswirken, und was Sie dabei beachten sollten.

Urlaub/© Nastco / Getty Images / iStock
Corona/© Naeblys / Getty images / iStock
kardiologie @ home/© BNK | Kardiologie.org