Nachrichten 28.01.2020

Plötzlicher Herztod: Neuer Marker für hohes Risiko entdeckt

Für die Indikationsstellung einer ICD-Implantation ist es entscheidend, das Herztod-Risiko von KHK-Patienten richtig einzuschätzen. Doch wie? Wissenschaftler haben nun einen vielversprechenden Ansatz entdeckt.

Hochrisikopatienten für einen plötzlichen Herztod könnten sich künftig vielleicht anhand einer Biomarker-Konstellation besser identifizieren lassen. Wissenschaftler um Prof. Michael Silverman von der Harvard Medical School in Boston haben eine Assoziation zwischen bestimmten zirkulierenden miRNAs und der Wahrscheinlichkeit für das Auftreten eines plötzlichen Herztodes ausfindig gemacht.

„Diese Studie ist der erste entscheidende Schritt für den Einsatz zirkulierender miRNA zur Risikostratifizierung beim plötzlichen Herztod“, hebt Dr. Victoria Parikh aus Standford die Bedeutung der Studie in einem begleitenden Editorial hervor.

LVEF mit eingeschränkter Aussagekraft

Momentan erfolgt die Risikostratifizierung bei Patienten mit koronarer Herzerkrankung hauptsächlich auf Basis der linksventrikulären Auswurffraktion (LVEF) und der NYHA-Klasse. Liegt die LVEF bei Patienten mit NYHA-Klasse II–III nach dreimonatiger optimierter Pharmakotherapie noch immer bei 35% oder darunter, empfiehlt die ESC-Leitlinie als prophylaktische Maßnahme die Implantation eines Kardioverter-Defibrillators (ICD). Allerdings würden 70 bis 80% aller plötzlichen Herztode bei Personen auftreten, die nach dieser Empfehlung keine Kandidaten für einen ICD gewesen wären, geben die Studienautoren zu bedenken.

Suche nach neuen Prognoseparametern

Genau für diese Patienten besteht dringender Bedarf nach weiteren Möglichkeiten zur Risikostratifizierung. In den Fokus der Forschungsbemühungen gerückt sind sog. zirkulierende MicroRNAs (miRNAs). Dabei handelt es sich um kurze nichtcodierende RNA-Stränge, die posttranskriptionell die Genexpression beeinflussen und damit regulierend in intrazelluläre Signalwege eingreifen. 

18 miRNAs haben Silverman und Kollegen für ihre Analyse in die engere Auswahl gezogen. Dafür qualifiziert haben sich diese, weil sie in vorherigen Studien mit einem ungünstigen kardialen Remodeling bei Postinfarktpatienten assoziiert waren.

In der aktuellen Studie wurden die Plasmaspiegel der auserwählten miRNAs von 129 Patienten, die einen plötzlichen Herztod erlitten haben, mit den entsprechenden Spiegeln von 258 nach Alter, Geschlecht, Rasse und LVEF gematchten Personen ohne Herztod-Ereignis verglichen. Fast alle dieser Patienten (94%) hätten laut Leitlinien-Empfehlung die Kriterien für eine ICD-Implantation nicht erfüllt. Die Probanden entstammten allesamt der PRE-DETERMINE-Kohorte, in Rahmen derer 5.956 Patienten mit KHK im Mittel 3,6 Jahre prospektiv nachverfolgt worden sind.

Fast 5-fach erhöhtes Risiko bei bestimmter miRNA-Konstellation

Drei miRNAs korrelierten unabhängig mit einem erhöhten Herztod-Risiko: miR-150-5p, miR-29a-3p und miR-30a-5p. Für jede einzelne miRNA war die berechnete Assoziation zwar nur moderat. In einem Score vereint ging eine ungünstige Konstellation aller drei miRNAs jedoch mit einem 4,8-fach erhöhten Risiko für einen plötzlichen Herztod einher (p = 0,006). Ungünstig bedeutet in diesem Fall über dem Median liegende Konzentrationen von miR-150-5p und miR-29a-3p und ein unterhalb des Median liegender Plasmaspiegel von miR-30a-5p.

So könnten miRNAs das Herztod-Risiko beeinflussen

Daraufhin haben die Studienautoren die Gene in einem Netzwerk zusammengetragen, die von den jeweiligen miRNAs beeinflusst werden, und dadurch Schlüsselsignalwege identifiziert. Demzufolge scheinen die drei miRNAs an der Entstehung von Fibrose, Inflammation und Apoptose beteiligt zu sein. Diesen physiologischen Prozessen wird wiederum eine Rolle bei der Entwicklung von ventrikulären Rhythmusstörungen und/oder des plötzlichen Herztods zugeschrieben.

Für eine solche Beteiligung der miRNAs spricht auch das Ergebnis einer zusätzlich durchgeführten exploratorischen Analyse mit 21 Patienten, bei denen der plötzliche Herztod in Verbindung mit ventrikulären Tachykardien oder Vorhofflimmern aufgetreten war. Hier war miR-150-5p signifikant mit einem erhöhten VT/VF-Risiko assoziiert (Odds Ratio: 38,1; p= 0,0076). Ebenso hat sich in einer Analyse von 57 Personen eine Korrelation der miRNAs mit bestimmten Zytokinen ergeben.

Diese zahlreichen Verwicklungen lässt die Studienautoren vermuten, dass die miRNAs über diverse Mechanismen das Auftreten eines plötzlichen Herztodes begünstigen könnten.

Obwohl diese Erklärung plausibel scheint, warnen die Kardiologen aber vor voreiligen Schlüssen: Ehe die Erkenntnisse in die klinische Anwendung übertragen werden, sollten sie prospektiv und bei einer zusätzlichen Kohorte überprüft werden, fordern sie. Bis dahin bleibt offen, ob die drei miRNAs tatsächlich eine aktive und/oder kausale Rolle in der Genese des plötzlichen Herztodes spielen oder ob sie nur Nebenschauplatz bzw. Epiphänomen der daran beteiligten Prozesse sind.

Literatur

Silverman G et al.  Circulating miRNAs and Risk of Sudden Death in Patients With Coronary Heart Disease. J Am Coll Cardiol EP. 2020. 6(1):70–9.

Parikh V. Circulating microRNAs as Biomarkers for Sudden Cardiac Death J Am Coll Cardiol EP. 2020.6(1):80–2.


Aktuelles

Schlaganfall: Studie stützt mechanische Rekanalisation bei Basilarisverschluss

Ergebnisse der aktuell vorgestellten BASILAR-Studie legen nahe, dass auch Patienten mit akutem Schlaganfall infolge eines Verschlusses der A. basilaris von einer mechanischen Rekanalisation durch Thrombektomie profitieren.

Neue Herzinfarkt-Definition in der Alltagsroutine – darum hilft sie

Die wichtigste Neuerung in der aktualisierten Definition des Myokardinfarkts ist, dass zwischen einem Herzinfarkt und einer Myokardschädigung differenziert wird. Doch was nützt diese Änderung im Praxisalltag?

Genese der Aortenstenose: Erhöhte Plasmalipide sind ein kausaler Faktor

An der Entwicklung von altersabhängig zunehmenden Aortenklappenstenosen scheinen erhöhte Plasmalipide ursächlich mitbeteiligt zu sein. Dafür sprechen Ergebnisse einer neuen, auf dem Prinzip der Mendelschen Randomisierung basierenden Studie.

Highlights

International Stroke Conference 2020

Die International Stroke Conference ist das weltweit führende Treffen, das sich der Wissenschaft und Behandlung von zerebrovaskulären Erkrankungen widmet. Ausgewählte Highlights finden Sie in diesem Dossier. 

eHealth in der Kardiologie

Digitale Technologien sind aus der Kardiologie nicht mehr wegzudenken. In unserem Dossier finden Sie die aktuellsten Beiträge zum Thema eHealth und Digitalisierung in der Kardiologie. 

Webinar – "Rhythmuskontrolle bei Vorhofflimmern"

Prof. Christian Meyer vom Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf fasst in einem Live-Webinar die wichtigsten Neuerungen zur Rhythmuskontrolle bei Patienten mit Vorhofflimmern zusammen – praxisrelevant und mit Beispielen.

Webinar zur neuen Leitlinie Dyslipidämien

Auf dem ESC-Kongress 2019 wurde die neue Leitlinie Dyslipidämien vorgestellt. Prof. Ulrich Laufs vom Universitätsklinikum Leipzig hat in einem Webinar die wichtigsten Neuerungen und deren Bedeutung für die Praxis zusammegefasst – kritisch, kurz, präzise.

Aus der Kardiothek

Defekt mit Folgen – das ganze Ausmaß zeigt das CT

CT-Befund (mit Kontrastmittelgabe) – was ist zu sehen?

Live-Case Trikuspidalinsuffizienz

Prof. Volker Rudolph, HDZ NRW Bochum, mit Team

Interventionen von Bifurkationsläsionen

Dr. Miroslaw Ferenc, UHZ Freiburg

Live Cases

Live-Case Trikuspidalinsuffizienz

Prof. Volker Rudolph, HDZ NRW Bochum, mit Team

Kontroverser Fall: So kann man wiederkehrendes Vorhofflimmern auch behandeln

Ein Patient leidet an wiederkehrendem Vorhofflimmern. Das Team um Prof. Boris Schmidt entscheidet sich für eine ungewöhnliche Strategie: die Implantation eines endokardialen Watchmann-Okkluders, um den linken Vorhof zu isolieren. Das genaue Prozedere sehen Sie hier. 

Spezielle Katheterablations-Strategie bei ausgeprägtem Narbengewebe

Die ventrikuläre Tachykardie eines 54-jährigen Patienten mit zurückliegendem Hinterwandinfarkt soll mit einer Katheterablation beseitigt werden. Prof. Thomas Deneke entscheidet sich für eine unkonventionelle Strategie und erläutert wie das CT  in solchen Fällen helfen kann. 

Bildnachweise
International Stroke Conference 2020, Los Angeles/© Beboy / Fotolia
eHealth in der Kardiologie/© ra2 studio / stock.adobe.com
Webinar Rhythmuskontrolle bei Patienten mit Vorhofflimmern/© Kardiologie.org | Prof. Meyer [M]
Webinar Dyslipidämien mit Prof. Ulrich Laufs/© Kardiologie.org | Prof. Laufs [M]
CT-Befund (mit Kontrastmittelgabe)/© S. Achenbach, Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg (2)
Live-Case AGIK/© DGK 2019
Vortrag von M. Ferenc/© DGK 2019
DGK Herztage 2018 - Interview Prof. Dr. Boris Schmidt
Vortrag Prof. Dr. Thomas Deneke - Jahrestagung DGK 2018/© DGK 2018