Nachrichten 07.06.2021

Plötzlicher Herztod: Ursachensuche in den Genen

Bei mehr als einem Drittel der Personen, die an plötzlichem Herztod sterben, bleibt die Ursache unklar. Die Genetik könnte dabei eine größere Rolle spielen als gedacht, legt eine neue US-Studie nahe. Möglicherweise gibt es auch herkunftsspezifische Unterschiede.

Chronisches Koronarsyndrom (CCS), so die aktualisierte Bezeichnung für stabile KHK, ist in den westlichen Ländern die häufigste Ursache für plötzlichen Herztod (PHT). Etwa 50% bis 75% der Fälle sind darauf zurückzuführen. Während Autopsien in vielen der übrigen Fälle zur Diagnose einer strukturellen Herzerkrankung führen, bleibt die Ursache bei 30% bis 40% der Patienten trotz toxikologischer und histopathologischer Untersuchungen unklar. US-amerikanische Forscher untersuchten deshalb, inwiefern genetische Faktoren dabei eine Rolle spielen.

Gentests helfen bei der Diagnose erblicher Herzerkrankungen bei PHT mit ungeklärter Ursache. Es gibt zwei Gruppen familiär bedingter Erkrankungen, die dafür verantwortlich sein können: Kardiomyopathien und Arrhythmiesyndrome. Forscher um Dr. Liang Guo vom CVPath Institute in Gaithersburg untersuchten ungeklärte Fälle von PHT, um die Häufigkeit von pathogenen und wahrscheinlich pathogenen Genvarianten, die mit erblichen Kardiomyopathien und Arrhythmiesyndromen korrelieren, zu bestimmen.

Fast ein Fünftel hatte pathogene oder wahrscheinlich pathogene Varianten

Die Mediziner analysierten Daten von 683 weißen und afroamerikanischen Erwachsenen, die an PHT mit ungeklärter Ursache verstorben und in ein Autopsieregister aufgenommen worden waren. Bei 413 Personen war die DNA von ausreichender Qualität für eine genetische Sequenzierung. Diese wurde für 30 Kardiomyopathie-Gene und für 38 Arrhythmie-Gene durchgeführt. Als pathogen und wahrscheinlich pathogen klassifizierte Varianten wurden auf ihre Häufigkeit untersucht. Die Personen waren im Schnitt in einem Alter von 41 Jahren verstorben. 63% waren Männer und 50% afroamerikanischer Herkunft.

Fast ein Fünftel der Verstorbenen wies pathogene oder wahrscheinlich pathogene Varianten von Genen auf, die mit erblichen Kardiomyopathien oder Arrhythmiesyndromen assoziiert sind, obwohl ihre kardialen Befunde keine Besonderheiten gezeigt hatten. Das deute darauf hin, dass die Genetik bei einer signifikanten Anzahl an Fällen von plötzlichem Herztod eine Rolle gespielt haben könnte, so die Forscher. Die klinischbedeutsamen Genvarianten bei diesen Patienten waren überwiegend mit hypertropher und dilatativer Kardiomyopathie sowie dem Long-QT-Syndrom assoziiert.

Hellhäutige Personen tragen häufiger Kardiomyopathie-Varianten

Das Team um Guo identifizierte 5.432 Varianten, von denen 72 als pathogen oder wahrscheinlich pathogen klassifiziert wurden. Insgesamt trugen 76 Personen (18%) solche mit Kardiomyopathien und Arrhythmien assoziierten Varianten in ihrem Erbgut. Davon wiesen 52 Patienten (13%) 49 Varianten für Kardiomyopathien, 22 Patienten (5%) 23 Varianten für Arrhythmien und zwei Personen (1%) beides auf. Bei 45 Patienten (11%) wurden 41 pathogene oder wahrscheinlich pathogene Varianten für hypertrophe Kardiomyopathien, bei elf Personen (3%) neun solche Varianten für dilatative Kardiomyopathien und bei weiteren elf Patienten (3%) zehn solche Varianten für das Long-QT-Syndrom entdeckt.

Die Forscher fanden keine signifikanten Unterschiede zwischen den klinischen und kardialen Merkmalen von Personen mit und ohne als pathogen oder wahrscheinlich pathogen klassifizierten Varianten. Bei weißen und afroamerikanischen Patienten war es gleich wahrscheinlich, dass sie Träger solcher Varianten waren. Hellhäutige Personen hatten jedoch eine signifikant höhere Prävalenz von Kardiomyopathie-Varianten (19% vs. 11%) als dunkelhäutige, während sich bei den Arrhythmie-Genen kein solcher Unterschied zeigte.

„Unsere Ergebnisse sowohl in Bezug auf die Assoziation von ungeklärtem PHT mit Kardiomyopathie-Genen als auch bezüglich herkunftsspezifischer genetischer Varianten legen neue Wege der Erforschung dieser wenig verstandenen Entität nahe“, resümieren Guo und Kollegen.

Literatur

Guo L et al. Genetic Variants Associated With Unexplained Sudden Cardiac Death in Adult White and African American Individuals. JAMA Cardiology 2021. https://doi.org/10.1001/jamacardio.2021.1573


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