Nachrichten 08.06.2022

Plötzlicher Herztod im jüngeren Alter: Wie oft sind Koronaranomalien schuld?

Wenn jüngere Menschen einen plötzlichen Herztod erleiden, findet sich nicht selten eine Koronaranomalie als Ursache – das jedenfalls war die frühere Annahme. Eine aktuelle Registerstudie deutet nun an, dass die Bedeutung solcher Fehlbildungen als Herztod-Ursache wohl überschätzt wurde.

In den aktuellen ESC-Leitlinien Sportkardiologie steht, dass „ein abnormaler Abgang von Koronararterien als häufige Ursache von plötzlichen Herztoden bei jungen Athleten angesehen wird“. Doch stimmt das überhaupt?

Die Ergebnisse einer aktuellen Registerstudie aus Australien stehen eher im Widerspruch zu dieser Aussage. „Die Rolle von Koronararterienanomalien als Ursache eines plötzlichen Herztodes im jüngeren bis mittleren Alter scheint weniger eindeutig zu sein, wie früher vermutet“, folgern die Autorinnen und Autoren der Analyse um Elizabeth D. Paratz aus ihren Daten.

Für ihre Analyse haben die in Melbourne tätigen Sportkardiologen Daten des EndUCD-Registers (End Unexplained Cardiac Death Registry) herangezogen. In diesem Register werden alle im australischen Bundesstaat Victoria aufgetretenen Fälle von plötzlichen Herzstillständen dokumentiert. Paratz und Kollegen konzentrierten sich dabei auf Fälle, die bei jungen Menschen in einem Alter zwischen 1 und 50 Jahren im Zeitraum von April 2019 und April 2021 passiert waren und bei denen eine Obduktion vorgenommen worden war: 490 Patienten, bei denen in der Autopsie ein plötzlicher Herztod bestätigt wurde, gingen in die Analyse ein. 

Koronaranomalien bei nur 1% der Betroffenen

Überraschenderweise fand sich bei diesen Patienten nur selten eine Koronaranomalie, konkret bei nur fünf Patienten (1%). In drei Fällen lag eine Anomalie des Koronararterienursprungs vor, bei zweien eine Fehlbildung des Verlaufs. „In keinem dieser Fälle wurde die Koronaranomalie für den plötzlichen Herztod verantwortlich gemacht“, berichten Paratz und ihr Team. Stattdessen fanden sich andere eindeutige Todesursachen wie ausgeprägte koronare Herzerkrankungen, akuter Myokardinfarkt, Kardiomegalie im Zusammenhang mit Drogenkonsum und eine thorakale Aortendissektion.

Bei insgesamt 27 Patienten war der Herzstillstand im Kontext körperlicher Anstrengung aufgetreten, bei nur einem dieser Patienten ließ sich eine Koronaranomalie nachweisen (das war der Patient, bei dem eine Aortendissektion als Todesursache dokumentiert wurde).

Den aktuellen Registerdaten zufolge ist eine Koronaranomalie damit eher selten bei Patienten mit einem plötzlichen Herztod vorzufinden, selbst dann, wenn der Vorfall im Kontext körperlicher Anstrengung aufgetreten war. Bisher ging man davon aus, dass eine Koronaranomalie gerade bei Athleten und Athletinnen recht häufig eine Ursache für plötzliche Herztode darstellt. Von Prävalenzen bis zu 33% war die Rede.

Sportverbot für Patienten mit Koronaranomalien

Auf dieser Annahme beruhend empfehlen die aktuellen US-amerikanischen Leitlinien der AHA, Patienten mit einem abnormalen Koronararterienabgang vom Wettkampfsport generell auszuschließen, wenn die Anomalie nicht korrigiert wurde, unabhängig davon, ob Symptome vorliegen oder nicht. Die aktuellen ESC-Leitlinien sind in dieser Hinsicht differenzierter und sprechen ein absolutes Sportverbot nur bei Anwesenheit von Beschwerden und gewissen Risikokonstellationen aus, z.B. wenn fehlabgehende Arterien zwischen der Aorta und der Lungenarterie verlaufen oder bei einem intramuralen Verlauf (genaueres dazu lesen Sie in der Leitlinie).

In der aktuellen prospektiven Registerstudie lag die Prävalenz von Koronaranomalien bei jüngeren, von einem plötzlichen Herzstillstand betroffenen Menschen den Autoren zufolge eher in einem Bereich, wie er auch für die Allgemeinbevölkerung angenommen wird. „Und wichtig, in unserer Studie war keine Koronaranomalie verantwortlich für den plötzlichen Herztod“, machen sie nochmals deutlich. Ihrer Ansicht nach ist es nun wichtig, weitere Strategien zu entwickeln, um die Bedeutung von Koronaranomalien in diesem Setting zu klären.   

Literatur

Paratz E et al. Prevalence of Coronary Artery Anomalies in Young and Middle-Aged Sudden Cardiac Death Victims (from a Prospective State-Wide Registry); Am J Cardiol 2022;00:1−4

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