Nachrichten 18.04.2018

Sport nur selten Auslöser für plötzlichen Herztod

Wenn junge Menschen beim Sport plötzlich tot umfallen, löst das in der Bevölkerung Bestürzung und Besorgnis aus. Doch Sport ist eher selten Auslöser eines plötzlichen Herztodes bei jungen Menschen, wie sich in einer aktuellen Studie einmal mehr gezeigt hat. Welche Möglichkeiten der Prävention gibt es dann?

„Der Tod von Michael Goolaerts hat die Radsportwelt geschockt“, schrieb die „Welt“ erst vor wenigen Tagen. Der Radprofi hatte während des Radklassikers Paris-Roubaix einen Herzstillstand erlitten und war schwer gestürzt. Immer wieder wird in Medien über solch tragische Todesfälle junger Sportler berichtet. Die Vorfälle lösen tiefe Bestürzung aus. Und sie erwecken den Eindruck, dass Sport ein häufiger Auslöser eines plötzlichen Herztodes ist.

Dass dem nicht so ist, zeigt sich in einer aktuellen Studie aus den USA. In dieser prospektiven Analyse war Sport nämlich eher selten der Auslöser eines plötzlichen Herztodes bei jungen Menschen; in 14% von 186 dokumentierten Fällen trat das Ereignis während einer körperlichen Tätigkeit auf. Zwischen 2002 und 2015 traten in der untersuchten Region in Portland (Oregon) 3.775 Fälle von plötzlichen Herztoden auf. Junge Menschen waren damit vergleichsweise selten betroffen, 5% waren unter 34 Jahre alt.

Die meisten hatten im Vorfeld keine Beschwerden

Der plötzliche Herztod traf die jungen Menschen meist ohne Vorankündigung (71%). Nur wenige klagten vorher über Beschwerden, die auf das Ereignis hindeuteten; am häufigsten waren dies Angina pectoris (17 Patienten), jeweils vier Patienten litten im Vorfeld an Palpitationen und Schwindel. Dies sei beunruhigend, meinen die Studienautoren um Reshmy Jayaraman. Immerhin würde sich der plötzliche Herztod bei Erwachsenen im mittleren Alter in mindestens der Hälfte aller Fälle durch Beschwerden ankündigen, vermutlich weil dem Ereignis häufig eine koronare Herzerkrankung zugrunde liegt.

Dagegen war die Ursache für einen plötzlichen Herztod bei jungen Menschen meist – in 31% der Fälle – arrhythmiebedingt („sudden  arrhytmic death syndrome“), bei 22% äußerte er sich als Erstmanifestation einer koronaren Herzerkrankung, bei 14% lag eine hypertrophe Kardiomyopathie vor.

Möglichkeiten der Prävention

Ist ein plötzlicher Herztod bei jungen Menschen also kaum zu verhindern?  Aussichtslos sind Präventions-Maßnahmen hier jedenfalls nicht. Denn überraschenderweise wiesen die jungen Menschen in fast 60% aller Fälle mindestens einen typischen kardiovaskulären Risikofaktor wie Diabetes oder Bluthochdruck auf. 61% waren übergewichtig oder adipös, 18% hatten sogar extremes Übergewicht (BMI ≥ 40 kg/m²).

Risikofaktoren abklären

Die Prävalenz solcher Risikofaktoren sei damit deutlich höher als man bisher angenommen hatte, betonen die Studienautoren. Auffällig ist auch, dass in den verfügbaren Autopsie-Berichten bei jedem sechsten bis zehnten Fall eine Hypertrophie des linken Ventrikels dokumentiert war, ohne sonstige pathologische Auffälligkeiten. 

„Besonders in Anbetracht der zunehmenden Adipositas- und Hypertonie-Prävalenz bei Kindern und Jugendlichen könnten frühe Präventionsmaßnahmen daher auch dazu beitragen, das Risiko für einen plötzlichen Herztod in jungen Jahren zu senken“, resümieren Jayaraman und Kollegen. Die bisherigen  Bemühungen sollten ihrer Ansicht nach über die klassischen Vorsorgeuntersuchungen von Sportlern hinausgehen.

„Obwohl Sport weiterhin einen wichtigen Trigger für den plötzlichen Herztod darstellt, deuten unsere Ergebnisse darauf hin, dass ein ebenso großes Augenmerk auf die Prävention in anderen Bereichen gelegt werden sollte.“ Sinnvoll könnte ihrer Ansicht nach etwa eine routinemäßige Abklärung typischer Risikofaktoren wie Rauchen, Übergewicht und der Cholesterinwerte schon bei Kindern und Jugendlichen  sein.

Im Übrigen hat das EKG (in 23 Fällen wurde dies im Vorfeld des Ereignisses aufgezeichnet), bei fast allen betroffenen Personen einen abnormalen Befund gezeigt (78%); nur in zwei Fällen war es vollkommen normal.  Die häufigsten EKG-Befunde waren Sinustachykardie (39%), negative T-Welle (30%) und verlängertes QT-Intervall (26%).

Literatur

Jayaraman R Reinier K, Nair S et al. Risk Factors of Sudden Cardiac Death in the Young; Multiple-Year Community-Wide Assessment Circulation. 2018;137:1561–1570. DOI: 10.1161/CIRCULATIONAHA.117.031262

Live-Quiz EKG – melden Sie sich jetzt kostenlos an

Wie gut kennen Sie sich mit dem EKG aus? Und was machen Sie, wenn Sie einen auffälligen Befund vor sich haben? Testen Sie Ihr Wissen in unserem interaktiven Live-Quiz EKG am Mittwoch, 09.12.2020, um 17:00 Uhr auf Kardiologie.org. 
Dr. Martin Neef vom Universitätsklinikum Leipzig stellt Ihnen verschiedene EKG-Befunde vor. Stimmen Sie live für die richtige Antwort ab oder stellen Sie Ihre Fragen im Chat – alles natürlich anonym. Melden Sie sich jetzt kostenlos an, die Plätze sind begrenzt!

Highlights

DGK-Kongress to go

DGK.Online 2020 – der Online-Kongress der DGK: Damit Sie auch in Zeiten eingeschränkter Versammlungs- und Reiseaktivitäten immer auf dem aktuellen Stand sind. Sehen Sie Vorträge zu aktuellen Themen von führenden Experten - wann und wo immer Sie wollen.  

Corona, COVID-19 & Co.

Die Ausbreitung des Coronavirus hat einschneidende Folgen auch für die Herzmedizin. Aktuelle Meldungen zu SARS-CoV-2 bzw. zu der Lungenkrankheit COVID-19 finden Sie in diesem Dossier.

Aktuelles und Neues aus der Kardiologie

Expertenstreit: Ist positive Fischöl-Studie in Wirklichkeit „falsch positiv“?

Die Supplementierung von Omega-3-Fettsäuren (“Fischöl”) hat als kardiovaskuläre Präventionsstrategie in Studien erneut enttäuscht. Daran hat sich eine Kontroverse über eine Ausnahme-Studie entzündet, der zufolge diese Strategie von hohem kardioprotektiven Nutzen ist.

Warum immer mehr Menschen über Statin-Nebenwirkungen berichten

Berichte über Nebenwirkungen im Zusammenhang mit einer Statintherapie haben in den USA in den letzten 10 Jahren deutlich zugenommen. Zumeist handelt es sich um subjektive Beschwerden – was Ärzten in ihrem Alltag bewusst sein sollte.

Neuer Lipidsenker wirkt, wenn nichts mehr zu wirken scheint

Was tun, wenn das LDL-Cholesterin selbst unter PCSK9-Inhibitoren nicht den Zielwert erreicht? Ein neuer Lipidsenker könnte bei einer solchen refraktären Hypercholesterinämie womöglich die letzte Option sein.   

Aus der Kardiothek

Neue Vorhofflimmern-Leitlinie und ihre Implikationen für die Praxis

Erst kürzlich sind die ESC-Leitlinien zum Management von Vorhofflimmern aktualisiert worden. Prof. Christian Meyer vom Evangelisches Krankenhaus Düsseldorf gibt in diesem Webinar einen kurzen Überblick über die wichtigsten Aspekte.

Zepter und Krone – oder was sehen Sie auf dem Bild?

Kardiale Computertomographie, 3-dimensionale Rekonstruktion im „Metallfenster“. Was ist zu sehen?

Kardio-MRT bei 70-Jährigem – was hat der Patient?

Kardio-MRT bei 70-jährigem Patienten mit Darstellung einer kurzen Achse im mittventrikulären Bereich. Was ist zu sehen?

Bildnachweise
EKG-Quiz/© [M] Syda Productions / stock.adobe.com
DGK.Online 2020/© DGK
Corona/© Naeblys / Getty images / iStock
Webinar Prof. Christian Meyer/© Springer Medizin Verlag GmbH
Kardiale Computertomographie/© Stephan Achenbach, Friedrich-Alexander-Universität Erlangen
Kardio-MRT (CMR, Late Gadolinium Enhancement PSIR)/© Mohamed Marwan, Friedrich-Alexander-Universität Erlangen