Nachrichten 15.06.2017

Unerklärbarer plötzlicher Herztod – wie oft sind Medikamente schuld?

Viele junge Menschen, die einen unerklärbaren plötzlichen Herztod erleiden, nahmen im Vorfeld Medikamente ein. Dänische Forscher begaben sich auf die Suche, welche Substanzen Auslöser des tragischen Ereignisses sein könnten.

Der plötzliche Herztod trifft junge Menschen meist ohne Ankündigung. Die Betroffenen sind scheinbar gesund, die Ursache des tragischen Ereignisses ist zunächst oft unbekannt. Auf der Suche nach möglichen Auslösern wird immer wieder auch die Einnahme bestimmter Medikamente diskutiert.

Dieser Verdacht wird nun durch die Ergebnisse einer dänischen Kohortenstudie erhärtet. Hier stellte sich nämlich heraus, dass einem plötzlichen Herztod bei jungen Menschen häufig eine Medikamenteneinnahme vorrausging.

Risiko erhöht bei QT-Zeit-verlängernden Medikamenten

In 58% der 1.363 dokumentierten Fälle nahm die betroffene Person innerhalb der 90 Tage vor dem Ereignis verschreibungspflichtige Medikamente ein (≥1). Am häufigsten fanden sich darunter Schmerzmittel (18%), Blutdrucksenker (17%) und Antibiotika (16%).

Dies muss wahrlich nicht bedeuten, dass die entsprechende Substanz mit dem Ereignis in Verbindung steht. So ließ sich in 26% der Fälle in der Autopsie eine koronare Herzerkrankung als Ursache des plötzlichen Herztodes feststellen. Bei mehr als einem Drittel der Fälle (36%) war der Befund allerdings pathologisch unauffällig („sudden arrhythmic death syndrome“, SADS).

Auffallend häufig nahmen die von einem solchen unerklärbaren Herzstillstand betroffenen Personen im Vorfeld ein potenziell QT-Intervall-verlängerndes Medikament oder eine für Brugada-Patienten proarrhythmische Substanz ein. Das Risiko für ein SADS war bei Verschreibung von mehr als einem QT-Intervall-verlängerndem Medikament bzw. einem "brugadogenen" Medikament um das Zwei- bis Dreifache höher als das Risiko für einen erklärbaren Herztod (auf Alter, Geschlecht und vorhandenen Herzerkrankungen adjustierte Odds Ratio: 2,91 bzw. 2,16).

EKG vor Verschreibung potenziell proarrhythmischer Medikamente

Dies lege den Verdacht nahe, dass in diesen Fällen eine Medikamenten-induzierte Arrhythmie für den plötzlichen Herztod verantwortlich sei, vermuten die Studienautoren um Bjarke Risgaard von der Universitätsklinik in Kopenhagen. Ihrer Ansicht nach sollte man zum präventiven Zwecke deshalb ein EKG vornehmen, ehe man eine entsprechende Medikation verschreibt. Gegebenenfalls könne hier auch eine genetische Untersuchung sinnvoll sein.

Denn bestimmte Genvarianten können ein medikamentös induziertes Long-QT-Syndrom begünstigen.

Risikopatienten identifizieren

Ein verlängertes QT-Intervall gilt als wichtiger Risikofaktor für eine lebensbedrohliche Torsades de pointes, die wiederum in Kammerflimmern übergehen und somit einen plötzlichen Herztod auslösen kann.  

Somit verwundert es nicht, dass die Einnahme von Medikamenten, die eine QT-Zeit-Verlängerung begünstigen können, mit dem Auftreten eines plötzlichen Herztodes assoziiert ist. Zu solchen QT-Zeit-verlängernden Medikamenten zählen beispielsweise Antidepressiva und Neuroleptika. Beide Substanzklassen wurden auch schon mit einem vermehrten Auftreten von Herzstillstanden außerhalb des Krankenhauses in Verbindung gebracht.

Dass beim Brugada-Syndrom kontraindizierte Medikamente wie Klasse-IC-Antiarrhythmika, Betablocker, verschiedene Psychopharmaka, Narkosemittel oder Antihistaminika mit einem erhöhten Risiko für einen plötzlichen Herztod einhergehen, liegt ebenfalls auf der Hand. Diese genetisch bedingte Ionenkanalerkrankung ist durch ein erhöhtes Risiko für einen plötzlichen Herztod gekennzeichnet. Aus den Studienergebnissen lässt sich entnehmen, dass die Erkrankung bei vielen der aufgetretenen unerklärbaren plötzlichen Herztode zuvor offensichtlich nicht bekannt war.

Die Studienautoren fordern deshalb vermehrte Bemühungen, Hochrisikopatienten für einen plötzlichen Herztod unter den Patienten, die proarrhythmische Substanzen erhalten, früher zu identifizieren.

Bei Kindern und Jugendlichen zu vernachlässigen

Bei Kindern und Jugendlichen in einem Alter unter 18 Jahren ist ein potenziell medikamentös-induzierter plötzlicher Herztod aber wohl eher vernachlässigbar.  In dieser Altersgruppe war die Verschreibung eines QT-Zeit-verlängernden Medikamentes selten (3%).

Die Autoren weisen auch ausdrücklich darauf hin, dass sich aus diesen Beobachtungen keine Kausalität ableiten lässt. Ob die Medikamente also ursächlich für das Auftreten des plötzlichen Herztodes verantwortlich gemacht werden können, bleibt ungewiss.

Für ihre Analyse haben die Wissenschaftler alle zwischen 2000 und 2009 registrierten Fälle eines plötzlichen Herztodes bei Personen in einem Alter zwischen 1 und 35 Jahren aus dem dänischen Patientenregister und die Medikamentenverordnungen, die innerhalb von 90 Tagen vor dem Ereignis dokumentiert wurden, zusammengeführt und statistisch ausgewertet.

Literatur

Risgaard B, Winkel G, Jabbari R et al. Sudden Cardiac Death Pharmacotherapy and Proarrhythmic Drugs: A Nationwide Cohort Study in Denmark.  J Am Coll Cardiol EP 2017;3:473–81. http://d x.doi.org/10.1016/ j.jacep.2016.12.023

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