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24.07.2018 | Prävention & Rehabilitation | Nachrichten

Leitfaden für die Praxis

Aktuelle Ernährungs-Trends – was hilft dem Herzen wirklich?

Autor:
Veronika Schlimpert

Wein, Kaffee, Fisch und Co – was nützt dem Herzen und was schadet? Die aktuellen Ernährungs-Trends haben Experten nun mit wissenschaftlichen Argusaugen geprüft und einen Leitfaden erstellt – damit Ärzte wissen, was sie ihren Patienten raten können.

Was darf, soll ich nun essen? Auf was sollte ich besser verzichten? Angesichts des medialen Bombardements an Diät-Tipps ist es für Patienten kaum mehr möglich, zu differenzieren: zwischen Halbwahrheiten und evidenzbasierten Empfehlungen.

US-Experten haben deshalb 2017 einen Leitfaden herausgebracht, in welchem aktuelle „Ernährungs-Hypes“ aus wissenschaftlichen Gesichtspunkten beurteilt wurden. Die Resonanz darauf war so groß, dass Dr. Andrew Freeman und Kollegen ein Jahr darauf direkt einen zweiten Teil erstellt haben, der nun im „Journal of the American College of Cardiology“ erschienen ist.

Im Fokus dieses Leitfadens standen Michprodukte, Zucker, Hülsenfrüchte, Kaffee, Tee, Wein und andere Alkoholika, Energy Drinks, Pilze, fermentierte Lebensmittel und Meeresalgen, Fisch und Omega-3-Fettsäuren sowie Vitamin B12.

Milchprodukte

Sollte man statt der 3,5%ige Vollmilch besser die Sojamilch zum Kaffee trinken und die Butter durch Omega 3-Margarine ersetzen? Tatsache ist, dass selbst die Experten darauf keine endgültige Antwort haben. „Es scheint keinen eindeutigen Konsensus in den publizierten Studien und unter Experten zu geben, inwieweit Milchprodukte das kardiovaskuläre Risiko beeinflussen“, lautet ihr Fazit. Es scheine zwar eine Assoziation zwischen der Zufuhr mancher Milchprodukte und erhöhten LDL-Cholesterin-Spiegel, erhöhtem Frakturrisiko und der Gesamtmortalität zu geben, beispielsweise für Butter und Käse. Aber inwieweit dieser Risikoanstieg überhaupt eine Rolle spiele, sei unklar.

Für sinnvoll halten es die Experten, den Konsum von fettreichen Milchprodukten einzuschränken. Diese seien in den USA immerhin eine Hauptquelle für gesättigte Fettsäuren und Salz. Auf Michprodukte zu verzichten, ist ihrer Ansicht nach aber nicht förderlich: „Fettreduzierte Michprodukte stellen eine wichtige Quelle für essenzielle Vitamine, Mineralien sowie qualitativ hochwertige Proteinen dar.“

Zucker

Beim Zucker ist die Datenlage eindeutig. Immer mehr Studien hätten einen kausalen Zusammenhang  zwischen überhöhtem Zuckerkonsum und der Entstehung von koronaren Herzerkrankungen, Schlaganfällen und der KHK-bedingten Mortalität gezeigt, heißt es in dem Leitfaden. Ein erhöhter Zuckerkonsum fördere Atherosklerose, unabhängig von der Gewichtszunahme.  

Die Empfehlung der Experten ist daher ganz klar: Weniger Zucker. Konkret sollten Frauen nicht mehr als 100 Kalorien und Männer nicht mehr als 150 Kalorien täglich an zugefügten  Zucker zu sich nehmen. Ärzte sollten ihren Patienten generell zu einer vollwertigen Ernährung mit wenigen Fertigprodukten raten und sie darauf sensibilisieren, Lebensmittel auszuwählen, die wenig Zucker enthalten. Ganz besonders kritisch sehen Freeman und Kollegen den Konsum von Softdrinks. Auf derart gesüßte Getränke sollte man möglichst verzichten.

Energy Drinks

In puncto Getränke stehen auch „Energy Drinks“ im Verruf. Die besonders bei Kindern und Jugendlichen beliebten Aufputschgetränke enthalten nicht nur viel Zucker, sondern auch sehr viel Koffein (bis zum Zwei- bis Vierfachen des von der FDA als unbedenklich eingestuften Gehalts für Softdrinks).

Studien zufolge können sie den Blutdruck erhöhen, begünstigen die Aggregation der Blutplättchen und bergen ein Risiko für Rhythmusstörungen. Es gab Fälle, in denen es nach dem Konsum von Energy Drinks sogar zu Takotsubo Kardiomyopathien und Herzinfarkten gekommen ist und auch über Todesfälle wurde berichtet.

Die Experten weisen aber darauf hin, dass die bisherigen Studien zu diesem Thema von relativ niedriger Qualität sind. Bis weitere besser durchgeführte Studien nicht Entwarnung geben, sollte man ihrer Ansicht auf  Energy Drinks besser verzichten. 

Kaffee und Tee

Kaffee dagegen hat seinen schlechten Ruf verloren. Glaubte man früher, dass Kaffee Bluthochdruck verursachen könnte, spricht man dem Getränk heute eher eine positive Wirkung auf das Herz-Kreislauf-Risiko zu. In Studien habe sich kein Zusammenhang zwischen Kaffee und der Entwicklung einer Hypertonie nachweisen lassen, steht in dem Konsenuspapier. Auch muss man nicht befürchten, wegen Kaffee Rhythmusstörungen oder Dyslipidämien zu entwickeln.

Die im Kaffee enthaltenen Polyphenole scheinen tendenziell einen positiven Einfluss auf den Glukosestoffwechsel und die Insulinsensitivität zu haben. „Moderater Kaffeekonsum reduziert das Schlaganfall-, Diabetes- und Sterberisiko“, lautet das Fazit der Experten. Kaffeetrinker hätten zudem weniger Verdauungsstörungen. Auch für Patienten, die bereits an einer kardiovaskulären Erkrankung leiden, ist Kaffee in Maßen unbedenklich. Das einzige, was den Experten zufolge problematisch sein könnte, ist der hohe Zucker- und Fettanteil, der in manchen kaffeehaltigen Getränken enthalten ist. Dies könne die positiven Eigenschaften von Kaffee zunichtemachen.

Ähnliches gilt für Tee. Schwarztee scheint die Gefäßfunktion zu verbessern, Grüner Tee das Lipidprofil (insbesondere das LDL/HDL-Verhältnis). Belegt sei dies allerdings nur für sehr ambitionierte Teetrinker (bis > 5 Tassen pro Tag), und auch nur für Teesorten, denen kein Zucker, Süßstoff, Milch oder Sahne zugesetzt wird.  

Alkohol

Deutlich komplexer ist der Sachverhalt bei Alkohol. Ob Alkohol schützt oder schadet, hängt von mehreren Faktoren ab, u. a. dem Alter, Geschlecht, Herkunft genetischen Faktoren und der Art und Weise, wie dieser zugeführt wird.

Auf der einen Seite könne ein niedriger bis moderater Konsum das Risiko für KHK, Herzinfarkt, Herzinsuffizienz, Schlaganfall und generell das Sterberisiko senken, heißt es in dem Leitfaden. Ein übermäßiger Alkoholkonsum erhöhe wiederum das Risiko für Vorhofflimmern, plötzlichem Herztod, Kardiomyopathien, ischämischen und hämorrhagischen Schlaganfällen, Hypertonie, Diabetes, Hypertriglyzeridämien und Inflammation.

Was soll man seinen Patienten nun raten? Nur wegen dem Herzen mit dem Alkohol trinken anzufangen, ist nach Ansicht der US-Experten definitiv nicht zu empfehlen, vor allem weil Alkohol die Leber schädigen und einige Krebsarten begünstigen könne. Patienten, die regelmäßig Alkohol trinken, raten sie, ihr Trinkverhalten auf das empfohlene Maß zu beschränken.

Sprich, für Männer gilt pro Tag < 2 alkoholische Getränke, für Frauen < 1 alkoholisches Getränk.

Hülsenfrüchte

Überzeugend ist nach Ansicht von Freeman und Kollegen die positive kardiovaskuläre Wirkung von Hülsenfrüchten, also Bohnen, Linsen, Kichererbsen usw. „Hülsenfrüchte sollten Bestandteil einer jeglichen Diät sein, die auf eine kardiometabolische Gesundheit abzielt.“ Sie sind reich an Ballaststoffen, Proteinen, Polyphenonen und Saponinen und ihre Aufnahme sei in randomisierten Studie mit einem geringeren KHK-Risiko, verbesserten Glukose- und LDL-C-Werten, einer Senkung des Blutdrucks und einem geringerem Körpergewicht einhergegangen.  

Pilze

Neben Hülsenfrüchten sollten auch Pilze den Experten zufolge möglichst häufig auf dem Speiseplan stehen, auch wenn es keine qualitativ hochwertigen Studien zu deren kardiovaskulären Effekten gebe. Die bisherigen Studien deuten aber darauf hin, dass sie entzündungshemmend und antioxidativ wirken, den Blutdruck, Blutzucker, Gesamtcholesterin und Triglyzeride senken. Darüber hinaus enthalten sie viel Vitamin D. 

Laut dem Bundeslebensmittelschüssel (BLS) enthalten 100 g Champignons 1,9 µg Vitamin D. Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) empfiehlt bei fehlender endogener Synthese 20 µg Vitamin D täglich aufzunehmen.

Fermentierte Lebensmittel und Meeresalgen

Fermentierte Lebensmittel wie Sauerkraut, Kefir und Co enthalten Probiotika. Ihnen werden zahlreiche positive Eigenschaften nachgesagt.  Kimchi (fermentierter Chinakohl) soll den Nüchternblutzucker und das LDL-C senken. Auch wenn das bei Koreanern beliebte Gericht viel Salz enthält, steigt der Blutdruck offensichtlich nicht an, wenn es regelmäßig gegessen wird, wie man bei Koreanern sehen kann. Joghurt wird eine LDL-C-senkende Wirkung zugesagt, ebenso wie Meeresalgen, die darüber hinaus zum Abnehmen hilfreich scheinen (aufgrund ihres hohen Ballaststoffanteils) und die Insulinsensitivität verbessern könnten (die darin enthaltenen bioaktiven Pepide). Für Spirulina (Blaualgen), die es als Nahrungsergänzungsmittel zu kaufen gibt, wurde ebenfalls eine cholesterinsenkende Wirkung nachgewiesen.

Alles in allem reicht die bisherige Evidenz nach Ansicht der Autoren aber nicht aus, den Patienten explizit zu der regelmäßigen Einnahme solcher Produkte zu raten, wobei davon auch keine Gefahr auszugehen scheine. Wenn der Patient das also wünscht, könne man ihn darin unterstützen.

Omega-3-Fettsäuren

Omega-3-Fettsäuren scheinen die Herzgesundheit zu fördern, egal ob sie über Fisch bzw. Meerestiere (Eicosapentaen- und Docosahexaensäure) oder über Pflanzen wie Walnüssen, Soja-, Canola- und Leinöl (Alpha-Linolensäure) aufgenommen werden. Welches davon die bessere Quelle darstellt, sei unklar. Die Experten weisen aber darauf hin, dass es bei einzelnen Fischarten Bedenken wegen möglicher Kontaminationen mit Methylquecksilberverbindungen gebe. Weniger eindeutig ist der Nutzen einer entsprechenden Supplementierung durch Fischöl-Kapseln. Die Experten empfehlen daher Omega-3-Fettsäuren über natürliche Quellen aufzunehmen.

Vitamin B12

Aus kardiovaskulärer Sicht scheint eine Supplementierung von Vitamin B12 nutzlos zu sein. Daher empfehlen die Experten diese nur bei Menschen, die einen evidenten Mangel haben und für gewisse Patientengruppen, bei denen die Gefahr für einen Mangel besteht (empfohlene Tagesdosis: 2,4 µg) Dazu gehören Ältere, Patienten mit Malabsorptionsstörungen wie chronisch-entzündliche Darmerkrankungen und Menschen, die sich ausschließlich vegan ernähren. Auch bestimmte Medikamente wie Metformin oder Säureblockern können die Resorption von Vitamin B12 stören.

Es sei darauf hingewiesen, dass eine übermäßige Aufnahme von Vitamin B12, B6 und Folsäure auch negative Folgen haben könne, betonen Freeman und Kollegen, beispielsweise wurde eine Überdosierung kürzlich mit einem erhöhten Lungenkrebs-Risiko in Verbindung gebracht.

Literatur

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