Nachrichten 12.12.2018

Darm angreifen, Herz schützen? Kardiovaskuläre Prävention einmal anders

Trimethylamin-N-Oxid (TMAO) gilt als neuer, potenziell modifizierbarer kardiovaskulärer Risikofaktor. Ein internationales Forscherkonsortium unter deutscher Leitung hat TMAO jetzt prospektiv bei Schlaganfallpatienten evaluiert – und fand einmal mehr einen klaren Zusammenhang mit kardiovaskulären Ereignissen.

TMAO wurde in den letzten Jahren in mehreren Kohortenstudien mit kardiovaskulären Ereignissen in Zusammenhang gebracht. Die Substanz entsteht in der Leber aus Trimethylamin, das wiederum von Darmbakterien aus Cholin und Carnitin gebildet wird. Pathophysiologisch gibt es zumindest Hinweise, dass TMAO an der Bildung von atherosklerotischen Plaques beteiligt ist.

Für die jetzt in der Zeitschrift ATVB publizierte Arbeit haben sich Wissenschaftler aus Berlin und Cleveland, USA, um den Kardiologen Prof. Ulf Landmesser von der Charité Berlin und Berlin Institute of Health (BIH) und den Neurologen Prof. Matthias Endres von der Charité Berlin und Medizinischen Hochschule Hannover auf Patienten nach ischämischem Schlaganfall konzentriert. In zwei prospektiven Kohorten mit erst 78 und danach 593 Patienten haben sie untersucht, ob TMAO-Spiegeln im Plasma und schweren kardiovaskulären Ereignissen – Myokardinfarkt, Schlaganfall und kardiovaskulärer Tod – gesucht.

TMAO als kardiovaskulärer Risikofaktor

In beiden Kohorten fand sich ein hoch signifikanter Zusammenhang. Bei der kleineren Kohorte war das Ereignisrisiko bei jenem Viertel der Patienten mit den höchsten TMAO-Spiegeln innerhalb eines Jahres mehr als doppelt so hoch wie bei dem Viertel der Patienten mit den niedrigsten TMAO-Spiegeln. In der großen Kohorte war das 1-Jahres-Risiko dann sogar fünfmal so hoch.

Eine gewisse Überschneidung mit anderen Risikofaktoren gab es, wie anhand der großen Kohorte gezeigt werden konnte. Aber auch nach Adjustierung für Hypertonie, Diabetes mellitus, LDL und GFR sowie Alter und Geschlecht blieb das Risiko noch um den Faktor 3,3 erhöht, was erneut signifikant war.

Bald könnte es eine klinische Studie geben

Auch für die vermutete proinflammatorische bzw. atherogene Aktivität von TMAO fanden die Wissenschaftler Hinweise. So korrelierte TMAO mit dem Anteil proinflammatorischer CD14++/CD16+-Monozyten. Dies würde zu einem Pathomechanismus passen, bei dem die Endothelzellen durch TMAO aktiviert werden und eine Entzündungskaskade einleiten.

Landmesser weist darauf hin, dass ganz neue Möglichkeiten denkbar würden, Herzinfarkten und Schlaganfällen vorzubeugen, wenn sich diese Zusammenhäng bestätigten. Die Berliner Mediziner haben mit ihren Kollegen aus Cleveland jetzt ein Forschungsnetzwerk gegründet, um nach Substanzen zu suchen, die die Bildung von Trimethylamin in den Darmbakterien hemmen können. Der Berliner Kardiologe geht davon aus, dass schon in den nächsten Jahren eine klinische Studie starten könnte, um präventive Ansätze zu testen.

Literatur

Haghikia A et al. Gut Microbiota-Dependent Trimethylamine N-Oxide Predicts Risk of Cardiovascular Events in Patients With Stroke and Is Related to Proinflammatory Monocytes. Arterioscler Thromb Vasc Biol 2018; 38:2225-35

Berlin Institute of Health (BIH) Pressemeldung vom 7.12.2018. Wie Darmbakterien das Herzinfarktrisiko beeinflussen.

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