Nachrichten 07.06.2018

Den „gesunden“ Dicken gibt es offenbar nicht

Selbst dicke Menschen, die Jahre lang als „metabolisch gesund“ gelten, haben ein erhöhtes kardiovaskuläres Risiko, wie sich in der Nurses‘ Health Studie gezeigt hat. Prävention sollte aber nicht nur bei den Übergewichtigen ansetzen, betont ein deutscher Ernährungswissenschaftler.

Den oftmals propagierten „gesunden Dicken“ gibt es nach der aktuellen Datenlage offenbar nicht. In einer der bekanntesten Längsschnittstudien, der „Nurses‘ Health Study“, hatten selbst Frauen, die über Jahre lang nicht an Diabetes, Bluthochdruck oder Hypercholesterinämie erkrankt waren, aber übergewichtig waren, ein erhöhtes kardiovaskuläres Risiko im Vergleich zu den normalgewichtigen „metabolisch gesunden“ Frauen.

„Zumindest nach unseren Studienergebnissen gibt es den ‚gesunden Dicken‘ nicht, selbst wenn man über einen langen Zeitraum metabolisch gesund bleibt“, äußerte sich der Studienleiter Prof. Matthias Schulze gegenüber kardiologie.org.

Im Rahmen der Nurses‘ Health Study sind 90.257 Frauen über einen mittleren Zeitraum von 24 Jahren in regelmäßigen Abständen nachverfolgt worden, der Body-Mass-Index (BMI) und metabolische Gesundheitszustand wurden alle zwei Jahre abgefragt.

„Es gibt keine BMI-Grenze, ab der Prävention beginnen sollte“

Wie Schulze berichtete, hätten die meisten Frauen über die Zeit einen Diabetes mellitus Typ 2, Bluthochdruck oder eine Hypercholesterinämie entwickelt – auch dann, wenn sie anfangs metabolisch gesund und normalgewichtig waren.

 „Demzufolge gibt es keine BMI-Grenze, ab der die Prävention dieser metabolischer Erkrankungen wichtig wird“, betonte der am Deutschen Institut für Ernährungsforschung in Potsdam-Rehbrücke tätige Wissenschaftler. Seiner Ansicht nach sollten Präventionsbemühungen daher nicht nur auf Adipöse abzielen. „Auf der anderen Seite muss man bislang davon ausgehen, dass adipöse Menschen ein erhöhtes kardiovaskuläres Risiko haben, auch wenn sie einen gesunden Stoffwechsel haben.“

Für die übergewichtigen „metabolisch gesunden“ Frauen war das Risiko, ein kardiovaskuläres Ereignis zu erleiden, in der aktuellen Studie um 39% höher als für normalgewichtige „metabolisch gesunde“ Frauen.

Noch deutlich gefährdeter waren aber jene Frauen, die bereits eine metabolische Erkrankung hatten und normalgewichtig waren (Hazard Ratio, HR: 2,43). Ein bis zu dreifach erhöhtes Risiko hatten die Frauen, die sowohl übergewichtig bzw. adipös als auch eine metabolische Erkrankung hatten (HR: 2,62 bzw. 3,15).

Die meisten Menschen werden irgendwann „metabolisch krank“

84% der übergewichtigen und 68% der normalgewichtigen anfangs metabolisch gesunden Frauen erkrankten innerhalb der 24 Jahre an Diabetes, Bluthochdruck oder Hypercholesterinämie.

Metaanalysen und kürzlich publizierte große prospektive Studien deuteten ebenfalls darauf hin, dass die derzeitige Definition von „metabolisch gesund“ nicht geeignet sei, um eine Subgruppe der Übergewichtigen zu spezifizieren, die keinem erhöhten kardiovaskulären Risiko ausgesetzt seien, schreiben die Studienautoren in der Fachzeitschrift „The Lancet“. Auf der anderen Seite zeige diese Studie aber auch, dass  normalgewichtige Menschen mit metabolischen Erkrankungen fast dasselbe Risiko hätten wie übergewichtige „metabolisch kranke“ Menschen.

Einschränkend macht Schulze gegenüber kardiologie.org deutlich, dass es trotzdem sein kann, dass eine anders definierte Gruppe adipöser Personen ein niedrigeres Risiko aufweist. „In unserer Studie haben wir das Fehlen eines Diabetes, einer Hypertonie und einer Hypercholesterinämie genutzt, um „metabolisch gesund“ zu definieren.“

Literatur

Eckel N, Li Y, Kuxhaus O, et al. Transition from metabolically healthy to unhealthy phenotypes and association with cardiovascular disease risk across BMI categories in 90,527 women (the Nurses’ Health Study): 30-year follow-up from a prospective cohort study. Lancet. 2018;Epub ahead of print.

Highlights

Corona, COVID-19 & Co.

Die Ausbreitung des Coronavirus hat einschneidende Folgen auch für die Herzmedizin. Aktuelle Meldungen zu SARS-CoV-2 bzw. zu der Lungenkrankheit COVID-19 finden Sie in diesem Dossier.

CME-Highlights aus der eAcademy

Mit dem umfangreichen Kursangebot der DGK auf Kardiologie.org haben Sie permanenten Zugriff auf das Fachwissen von führenden Experten und sind immer auf dem neuesten Stand. Testen Sie Ihr Wissen und sammeln Sie CME-Punkte!

Aktuelles und Neues aus der Kardiologie

Vorhofflimmern & TAVI – NOAKs doch bessere Wahl?

Einige Leitlinien favorisieren für Patienten nach einer TAVI eine Behandlung mit VKA, wenn eine Indikation zur Antikoagulation besteht. Registerdaten stellen diese Empfehlungen nun infrage.

Kardiologen fordern Maßnahmen für höhere Corona-Impfquote

Eine vierte Welle der Corona-Pandemie birgt vor allem für Menschen mit Herzerkrankungen eine große Gefahr. Die Deutsche Gesellschaft für Kardiologie (DGK) beobachtet daher den sich verlangsamenden Impffortschritt und die große Zahl Ungeimpfter mit wachsender Sorge.

Neues Herzinsuffizienz-Medikament in der EU zugelassen

In Europa steht nun ein weiteres Medikament zur Behandlung der Herzinsuffizienz zur Verfügung. Die Europäische Kommission hat die Marktzulassung für Vericiguat erteilt, wie der Hersteller mitteilt.

Aus der Kardiothek

Hätten Sie es erkannt?

3-D Rekonstruktion einer kardialen Computertomographie. Welche kardiale Fehlbildung ist zu sehen?

Patientin mit einem thorakalen Schmerzereignis – wie lautet Ihre Diagnose?

Lävokardiografie (RAO 30°-Projektion) einer 54-jährigen Patientin nach einem thorakalen Schmerzereignis. Was ist zu sehen?

Patientin mit passagerer Hemiparese – wie lautet Ihre Diagnose?

Transthorakale Echokardiographie mit Darstellung eines apikalen 4-Kammer Blicks einer Patientin mit passagerer Hemiparese.  Was ist zu sehen?

Corona/© Naeblys / Getty images / iStock
eAcademy/© fotolia / Sergey Nivens
Computertomographie/© S. Achenbach, Friedrich-Alexander-Universität Erlanen-Nürnberg
Laevokardiographie (RAO 30° Projektion)/© M. Marwan, Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg
Transthorakale Echokardiographie/© Daniel Bittner, Friedrich-Alexander-Universität Erlangen